POLITIK
21/02/2016 10:14 CET

Erste afghanische Street-Art-Künstlerin malt Frauen mit Kopftüchern

BIRDS OF NO NATION
Ein Grafitti der ersten afghanischen Street-Art-Künstlerin Shamsia Hassani

Eine Frau mit einem lila Kopftuch spielt Klavier, dabei rollt ihr eine Träne über die Wange. Sie spielt ihr einsames Lied zwischen einem Meer aus blauen Hochhäusern, die über Autos emporragen, die unbemerkt unter ihnen vorbei rasen.

Die Frau auf dem Bild trägt ihre eigene Widersprüchlichkeit mit Stolz - sie ist stark, sie ist verletzlich, sie ist anmutig, kreativ, einsam, traurig. Und dennoch, so scheint es zumindest, wendet sie sich niemandem zu, zufrieden damit, mit ihren Gefühlen allein sein zu können und sich kreativ, frei und in Frieden ausdrücken zu können.

Dieses Street-Art-Werk stammt von Shamsia Hassani, allgemein bekannt als erste berühmte Street-Art-Künstlerin Afghanistans. Hassani wurde 1988 in Teheran geboren, ihre Eltern sind Afghanen. Später zog sie nach Kabul und machte dort ihren Bachelor- und Masterabschluss in Bildender Kunst.

shamsia hassani

Momentan wohnt sie in Kabul, wo sie die Stadtmauern in farbenfrohe Leinwände verwandelt, die ihren Mitbürgern die Botschaft von Frieden und Hoffnung vermitteln. Hassani möchte durch ihre Arbeit ein anderes Bild von Afghanistan präsentieren - ein Bild, das keine Assoziationen von Krieg und Gewalt erweckt, sondern von Schönheit und Kunst.

„Ich möchte all die schlimmen Erinnerungen an den Krieg, die noch in den Köpfen der Menschen stecken, mit bunten Farben überdecken“, sagte sie in einem Interview mit "Street Art Bio". Als ob die Herausforderung, der Hassani sich stellt, nicht bereits groß genug wäre, untergräbt sie dabei auch noch auf subtile Weise die vorherrschenden Geschlechterrollen.

„Ich habe meine Bilder verändert, weil ich die Kraft von Frauen, die Freude von Frauen zeigen will“, erklärte Hassani in einem Interview mit dem "Art Radar Journal".

„In meinen Kunstwerken gibt es viel Bewegung. Ich will zeigen, dass Frauen in einer neuen, stärkeren Form in die afghanische Gesellschaft zurückgekehrt sind. Diese Frauen bleiben nicht zu Hause. Es ist eine neue Art von Frau. Frauen, die vor Energie sprühen, die neu anfangen wollen. Man kann an meinen Bildern sehen, dass ich die Form von Frauen verändern will. Ich male sie in Überlebensgröße. Ich will damit ausdrücken, dass sie jetzt anders wahrgenommen werden.“

Manchmal tragen Hassanis Motive traditionelle Kleidungsstücke wie Burkas oder Kopftücher, die auf Hassanis Bildern zur Spielwiese für Formen, Linien und Farben werden, was ihnen eine modernistische Anmut verleiht. Das wichtigste ist jedoch, dass die Bilder gängige westliche Vorurteile widerlegen und beweisen, dass es innerhalb von Traditionen auch Freiheit geben kann.

„Viele Menschen auf der Welt glauben, dass die Burka das Problem ist“, so Hassani. „Sie glauben, dass Frauen keine Probleme mehr haben, wenn sie ihre Burka ablegen. Doch das stimmt nicht. Ich finde, dass die Frauen in Afghanistan sehr viele Probleme haben. Dass manche Frauen keinen Zugang zu Bildung erhalten zum Beispiel. Das ist ein viel größeres Problem als eine Burka tragen zu müssen.“

Hassani erschafft in etwa alle zwei bis drei Monate ein neues Graffiti-Kunstwerk. Während das Sprühen von Graffitis in den USA und in weiten Teilen Europas als Straftat gilt, ist die Technik in Afghanistan erlaubt. Hassani unterrichtet sogar das Studienfach Graffiti an der Universität von Kabul.

Die meisten ihrer Studenten dort sind so wie sie Mitte zwanzig. Die Region kann zwar nur wenige Kunstgalerien aufweisen, doch dafür gibt es sehr viele kahle Wände. Aus diesem Grund bieten Graffitis eine ideale Gelegenheit, um einem großen, wenn auch zufälligen Publikum Kunstwerke präsentieren zu können.

Bei ihrer Arbeit als Künstlerin stößt Hassani jedoch auch immer wieder auf Widerstände. Oft wird sie mit der unschönen Tatsache konfrontiert, dass die Mehrheit der Meinung ist, dass Frauen ins Haus gehören. Da diese sexistischen Ansichten zu viel Widerstand führen, hat Hassani ein Verfahren entwickelt, das sie „Graffiti-Träumerei“ nennt -- die Werke entstehen dabei im Studio statt auf der Straße.

Bei diesem Verfahren verwendet Hassani digitale Bilder als ihre Stadtlandschaft, die sie übermalt, um in ihrem Kopf eine farbenfrohe Landschaft entstehen zu lassen. Hassani nimmt gerade an einem Artist-in-Residence-Programm im Hammer Museum in Los Angeles teil.

Im Folgenden beschreibt die Künstlerin drei ihrer Graffiti-Reihen: „Secret (Geheimnis)“, „Birds of No Nation (Staatenlose Vögel)“ und “Once Upon a Time (Es war einmal)“.

"Secret" „Als ich mit der Reihe begann, entwarf ich Frauenfiguren in Burkas mit geraden Linien und scharfen Kanten, weil ich ein Gefühl von Stärke vermitteln wollte. Ich wollte jedoch auch das unter Burkas verborgene Geheimnis lüften, nämlich dass darin eine echte Person steckt.

Ich wollte die für Frauen geltenden Einschränkungen aufheben, und die Gitarre ist ein Symbol für ihre Fähigkeit, sich zu äußern und sich auszudrücken. Sie ist rot, weil die Farbe in Afghanistan verwendet wird, um auf wichtige Dinge aufmerksam zu machen.“

shamsia hassani

"Birds of No Nation" „Vögel ziehen auf der Suche nach Nahrung und Unterschlupfmöglichkeiten ständig umher, sie gehören keinem bestimmten Staat an, weil sie sich an jedem sicheren Ort wohl fühlen. Ich beobachte dieses Verhalten auch bei den Afghanen, sie ziehen auf der Suche nach Frieden und Sicherheit auch von Land zu Land.

Sie scheinen keinem Staat anzugehören, genau wie diese Vögel. In dieser Reihe befindet eine Frau sich in einer unbekannten Gegend und sie fühlt sich wie eine Vertriebene, weil ihr nichts gehört und sie deshalb nicht an diesen Ort passt.“

hassani

"Once Upon a Time" „Der Titel stammt von dem klassischen Anfangssatz von Märchen. Mein Märchen handelt von einer Frau, die gleichzeitig in der Vergangenheit und in der Gegenwart lebt. Diese Frau wollte sich aus ihrer unglücklichen Lage befreien und deshalb sitzt sie über allem und schaut von außen zu.

Die Stadt wird in schwarz-weiß dargestellt, weil sie für die Art steht, auf die wir die Vergangenheit betrachten. Die Frau hingegen wird komplett in Farbe dargestellt und stellt die Gegenwart dar.“ Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

hassani

Dieser Text erschien ursprünglich bei The Huffington Post und wurde von aus dem Englischen übersetzt

Auch auf HuffPost:

Abschiebung nach Afghanistan: Halten Sie dieses Land wirklich für sicher, Herr de Maizière?

Lesenswert

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Gesponsert von Knappschaft