POLITIK
19/02/2016 15:47 CET | Aktualisiert 19/02/2016 19:15 CET

Linke will Einsatz Minderjähriger bei der Bundeswehr stoppen

Getty Images
Die Linke ist gegen Minderjährige als Bundeswehrsoldaten

Die Linksfraktion im Bundestag will den Einsatz Minderjähriger bei der Bundeswehr stoppen. Die Linke fordere einen sofortigen Rekrutierungsstopp Minderjähriger sowie eine Einstellung sämtlicher an Jugendliche gerichteter Werbemaßnahmen, sagte der Vorsitzende der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, Norbert Müller, der Zeitung "Welt“.

"Nach internationalen Standards sind 17-jährige Bundeswehrrekruten Kindersoldaten – wenn man das ausspricht, sorgt man immer für Empörung“, sagte Müller. Es sei zwar zulässig, dass Minderjährige auf freiwilliger Basis und mit Einverständnis der Eltern verpflichtet werden können.

"Aber es sollte eigentlich internationaler Standard sein, keine Minderjährigen mehr zu rekrutieren. Ein Staat wie die Bundesrepublik, dem Außenpolitik und internationales Recht so wichtig ist, wäre prädestiniert dafür, mit leuchtendem Beispiel voranzugehen.“

Anhörung zu "Folgen der Militarisierung Minderjähriger"

Seine Fraktion wisse von Jugendoffizieren und Ausbildungsoffizieren, dass es in der Bundeswehr ein großes Unbehagen darüber gebe, Soldaten so früh zu rekrutieren.

"17-Jährige haben häufig noch nicht die entsprechende Reife zu überblicken, was sie da machen. Die Abbrecherquoten sind hoch. Und 18-Jährige haben nach Auslandseinsätzen auch eine deutlich höhere Traumatisierungtendenz als 25-Jährige“, sagte Müller.

Für Müller, derzeit auch Vorsitzender der Kinderkommission des Bundestages, drängt das Thema so sehr, dass er bereits drei Expertenanhörungen in der Kinderkommission zu den "Folgen der Militarisierung Minderjähriger“ anberaumt hat.

In seiner Forderung nach einem Rekrutierungsstopp sieht er sich gestützt vom internationalen Recht: Die UN-Kinderrechtskonvention empfiehlt, Soldaten erst mit der Volljährigkeit zu rekrutieren. Mit Einverständnis der Eltern dürfen aber auch schon Minderjährige für den Dienst an der Waffe ausgebildet werden.

Zahl der Minderjährigen Soldaten in Deutschland steigt

Bei der Bundeswehr steigt der Anteil der ganz jungen Rekruten seit Jahren kontinuierlich an. Lag die Zahl der unter 18-jährigen Soldatinnen und Soldaten 2011 noch bei 689, waren 2015 bereits 1515 der 21.092 neuen Soldaten unter 18 Jahre alt. Das waren über sieben Prozent eines Jahrgangs, wie aus der Antwort der Bundeswehr auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervorgeht.

281 der minderjährig zum Dienst angetretenen Rekruten brachen ihren Dienst 2015 innerhalb der Probezeit ab, weitere 519 nach Ablauf dieser sechsmonatigen Frist.

Die Bundeswehr begründet ihre Rekrutierungspraxis mit dem Prinzip der freien Berufswahl. Die Bundeswehr wolle qualifizierten Jugendlichen die Möglichkeit einräumen, auch vor dem Erreichen der Volljährigkeit eine Ausbildung bei dem Militär ohne Wartezeit und weitere Nachteile gegenüber gleichaltrigen Berufseinsteigern beginnen zu können. Das sagte ein Bundeswehr-Sprecher der "Welt“.

Die Nachwuchswerbung der Bundeswehr richte sich daher auch an unter 18-Jährige. Eine Anhebung der Altersgrenze sei derzeit nicht vorgesehen.

Hirnforscher warnt vor Verletzbarkeit von Kindern

Die völkerrechtlichen Verpflichtungen zum Schutz minderjähriger Soldatinnen und Soldaten würden in Deutschland streng eingehalten, sagte der Sprecher. "Der Gebrauch der Waffe ist allein auf die Ausbildung beschränkt und dort unter strenge Aufsicht gestellt. Eine Teilnahme an Auslandseinsätzen und an Wachdiensten ist ausgeschlossen.“

Der Züricher Psychologe Tobias Hecker, der von der Kinderkommission als Experte geladen war, verweist hingegen auf Ergebnisse der Hirnforschung. Danach ist die Entwicklung des Frontalhirns, das für Entscheidungsfähigkeit und Risikobereitschaft zuständig ist, erst mit Anfang 20 vollständig abgeschlossen.

"Junge Menschen begeben sich deshalb schneller in Gefahr und haben ein höheres Risiko für Traumastörungen“, sagte Hecker der "Welt“. Dieser Tatsache werde im Straßenverkehr insofern Rechnung getragen, als schwere Motorräder erst ab 21 oder gar 25 Jahren gesteuert werden dürfen.

"Diese Logik könnte man auch auf Auslandseinsätze anwenden“, meint Hecker. "Mit 18 Jahren ist die Vulnerabilität, also Verletzbarkeit, noch sehr hoch.“ Die hohen Abbrecherquoten bei den jungen Rekruten zeige zudem, "dass die Konsequenzen risikoreicher Entscheidungen nicht unbedingt zu Ende gedacht werden.“

Auch auf HuffPost:

Gefährliche Auslandseinsätze: Bis zu 110 Euro pro Tag: Das sind die Gefahrenzulagen für Bundeswehrsoldaten

Lesenswert

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Gesponsert von Knappschaft