LIFESTYLE
18/02/2016 16:35 CET | Aktualisiert 23/02/2016 10:01 CET

Wie die Art der Geburt das Leben eines Kindes für immer beeinflusst

Auch wenn der Wunsch nach einem Kind groß ist, gehört die Geburt nicht zu den Erfahrungen im Leben, auf die sich die meisten Frauen freuen. Die Entbindung ist sehr schmerzhaft, sie kann viele Stunden dauern und es können unangenehme Zwischenfälle wie ein Dammriss auftreten.

Die Angst vor der Geburt ist absolut verständlich und sie zeigt sich in der steigenden Zahl von Kaiserschnittgeburten. Etwa ein Drittel aller deutschen Babys kommen inzwischen im OP zur Welt. Ein Trend, der nicht ungefährlich ist.

Denn die Art der Geburt beeinflusst das Leben eines Kindes nachhaltig - sowohl in gesundheitlicher als auch in psychischer Hinsicht.

art der geburt

Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Kaiserschnitt oder andere Maßnahmen ein Segen sind. Sie können Menschenleben retten.

Der Großteil der in Deutschland durchgeführten Kaiserschnitte ist jedoch nicht auf medizinische Notwendigkeiten zurückzuführen.

Gesundheitliche Auswirkungen


Ein geplanter Kaiserschnitt erfolgt in der Regel zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin, also in der 38. Schwangerschaftswoche. Das kann für das Kind problematisch sein, erklärt Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie an der Berliner Charité, in der “Welt”:

"Es sind zwei Wochen, die dem Kind in der Entwicklung fehlen."

Gehirn noch nicht vollständig entwickelt

In der 38. Schwangerschaftswoche ist die Entwicklung des Gehirns noch nicht vollständig abgeschlossen. Das erhöht beispielsweise die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind später Probleme mit dem Lernen hat. Das ergab eine Studie aus Schottland.

Demnach haben Kaiserschnitt-Kinder doppelt so häufig mit Schwierigkeiten in der Schule zu kämpfen wie Kinder, die auf natürliche Weise zur Welt gekommen sind.

Eine Studie der Yale University bestätigt die Beobachtung aus Schottland. Dort konnten Forscher nachweisen, dass bei natürlichen Geburten ein Protein ausgeschüttet wird, das die Entwicklung und die Entwicklungsgeschwindigkeit des Gehirns maßgeblich beeinflusst.

Denn das Protein UCP2 ist für die Entwicklung des Hippocampus wichtig. Er ist das Hirnareal, das für Kurz- und Langzeitgedächtnis verantwortlich ist. Bei Kaiserschnitt-Kindern ist das Protein in deutlich geringeren Mengen vorhanden.

“Die wachsende Popularität von Kaiserschnittgeburten ohne medizinische Notwendigkeit hat dauerhafte Konsequenzen für die Entwicklung und Funktion des Gehirns, von denen man bisher nichts geahnt hat”, sagte Prof. Tamas Horvarth, einer der Autoren der Studie.

Entwicklung der Lunge nicht abgeschlossen

Auch die Entwicklung der Lunge ist in der 38. Schwangerschaftswoche nicht vollständig abgeschlossen. Noch dramatischere Auswirkungen kann aber das in der Lunge verbleibende Fruchtwasser haben.

Während der natürliche Geburtsvorgang dafür sorgt, dass das Fruchtwasser vor dem ersten Atemzug aus der Lunge gepresst wird, haben Kaiserschnitt-Kinder nach der Entbindung häufiger mit Atemnot zu kämpfen.

Bei Frühgeburten liegt die Rate sogar bei 30 Prozent, wie Forscher der Johns Hopkins University feststellten.

Mögliche Allergien

Verschiedene Studien haben auch gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen Kaiserschnitt-Geburten und der Entstehung von Allergien und Autoimmunkrankheiten gibt. Einige Forscher glauben, dass Kaiserschnitt-Babys der Kontakt zu den vaginalen Bakterien der Mutter fehlt, die das Immunsystem ankurbeln sollen.

Psychische Auswirkungen


Inzwischen ist bekannt, dass Babys die Geburt unterbewusst miterleben. Schon lange vorher machen sie Erfahrungen und empfinden Gefühle. Die Geburt ist eines der wichtigsten Ereignisse im Leben eines Menschen und zugleich eines der Traumatischsten.

“Wir wissen heute, dass auch das Kind seine Geburt unbewusst erlebt und dieses Erleben prägend für sein späteres Leben sein kann”, sagte Prof. Barbara Maier, Leiterin der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Wiener Wilhelminenspital dem “Kurier”.

Vor, während und in den ersten Wochen nach der Geburt werden unsere Emotionen, unser Denken und unsere Bindungsmuster geprägt.

Während der Entbindung arbeiten Mutter und Kind zusammen. Es ist ein Prozess, der über Millionen Jahre von der Natur optimiert wurde. Das Kind wird sanft auf die Geburt vorbereitet. Es spürt, was bevorsteht.

Medizinische Eingriffe wie Kaiserschnitte, Zangen- oder Saugglockengeburten stören diesen Prozess und können ein Geburtstrauma auslösen.

Depressionen und Bindungsprobleme

“Die Geburt prägt unser Urvertrauen. Wir haben eine Situation durchgestanden, die anstrengend und beängstigend war, aber wir haben es geschafft”, sagte Psychologin Manuela Szczes dem Portal “onmeda.de”.

Bleibe dieses Erfolgserlebnis aus, weil das Kind beispielsweise durch einen Kaiserschnitt auf die Welt geholt wurde, ohne sich selbst durchzukämpfen, könne es später unter Depressionen und Bindungsproblemen leiden.

Bei einem Kaiserschnitt wird das Baby ohne Vorwarnung aus seinem Lebensraum geholt. Innerhalb von Sekunden muss es Tausende neue Eindrücke verarbeiten. Es erlebt einen Kontrollverlust, der traumatisch sein kann, erklärt Hebamme Olivia Heiss auf der Seite “Hebammenwissen.info”.

Das könne weitreichende Folgen für das spätere Leben haben:

“Welches Ausdauervermögen wir besitzen und wie wir schwierige Situationen in unserem Leben meistern, wie wir Druck und Stress erleben und damit umgehen, wird durch unser Geburtserleben grundlegend geprägt”, schreibt Heiss.

“Geburtstraumata bei Neugeborenen können sich in das Nervensystem der Kinder einprägen, welches spätere Verhaltensmuster beeinflusst und die Persönlichkeit formt.”

Folgen können laut Heiss Ängste und Empfindlichkeiten, häufiges Schreien und Stressanfälligkeit sein.

Es ist jeder Frau selbst überlassen, zu entscheiden, wie sie ihr Kind auf die Welt bringen möchte und jede Mutter verdient Bewunderung.

Dennoch ist es sinnvoll sich mit den Folgen eines Kaiserschnitts auseinanderzusetzen. Es handelt sich nach wie vor um einen schweren Eingriff, der eine lange Genesungszeit zur Folge hat und bei dem es wie bei jeder Operation zu Komplikationen kommen kann.

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