"Die Flüchtlinge werden eine Bereicherung sein": Merkel erhält unerwartete Unterstützung für ihre Flüchtlingspolitik

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dpa
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Man kann nicht gerade behaupten, dass Angela Merkel es vor dem EU-Gipfel in Brüssel einfach hätte. Als Kanzlerin erlebt sie ja ohnehin verhältnismäßig selten ruhige Zeiten.

Doch die vergangenen Wochen dürften besonders schwer gewesen sein für die Frau, die noch vor wenigen Monaten für ihre Politik der Menschlichkeit gefeiert wurde.

Seehofer, Bosbach, Gabriel, Orbán, Putin, Valls - die Liste derer, die Merkel zuletzt für ihren Flüchtlings-Kurs kritisiert hatten, ließe sich beliebig lang fortsetzen.

Alle wichtigen osteuropäischen Staaten hatten zudem vor Kurzem die Gunst der Stunde genutzt, um sich gegen die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin zu stellen. Merkel hat Deutschland weitgehend in die Isolation getrieben, hatte auch die Huffington Post in den vergangenen Tagen geschrieben.

Ich kann ihr keine schlechten Noten geben

Ob die These stimmt, wird sich zeigen. Bemerkenswert ist jedoch, dass die öffentliche Debatte um die Kanzlerin wieder differenzierter wird, weil sich immer mehr Merkel-Befürworter zu Wort melden.

So wie Joschka Fischer. Der ehemalige Bundesaußenminister gilt als Unterstützer der deutschen Flüchtlingspolitik. Erst vor Kurzem hatte der Grünen-Politiker Merkels Regierungsführung verteidigt. "Alles in allem kann ich ihr keine schlechten Noten geben", sagte Fischer dem TV-Sender Phoenix. Im Interview mit der "Zeit" hat Fischer jetzt noch einmal nachgelegt und Merkel ausdrücklich gelobt.

Die Kanzlerin scheint die Letzte zu sein, die noch das große Bild sieht

„Der Druck auf die Länder des reichen Nordens, auf ihre Stabilität und ihren Rechtsstaat und ihre Wirtschaft wird nicht mehr weggehen. Darauf muss sich Europa einstellen“, sagte Fischer dem Blatt. „Aber im gegenwärtigen Meinungsstreit scheint die Kanzlerin die Letzte zu sein, die noch das große Bild sieht und die gleichzeitig rational genug ist, die notwendigen Entscheidungsschritte im Kopf zu haben."

Unterstützung erhält Merkel auch von Martin Walser. Der Schriftsteller erneuerte am Mittwoch sein Lob für die Kanzlerin. „Ich unterstütze sie in ihrem Satz ,Wir schaffen das’. Das ist machbar. Letzten Endes werden die Flüchtlinge eine Bereicherung sein. So wie es die Millionen Menschen aus der DDR waren, gegen die auch gehetzt wurde“, sagte der Bestsellerautor im Interview mit der "Bunten".

In Deutschland wurde zum ersten Mal weltbewegend menschlich reagiert

Zuvor schon hatte Walser dem "Focus" gesagt, dass er Merkels Weg "großartig" finde. "In Deutschland wurde zum ersten Mal weltbewegend menschlich reagiert", sagte er dem Blatt.

Und auch sonst dürften die vergangenen Tage den politischen Druck auf Merkel etwas abgeschwächt haben. So stellte sich EU-Kommissionschef Claude Juncker hinter die Kanzlerin, indem er sagte, dass die Geschichte Merkel Recht geben werde.

Und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sagte dem "Tagesspiegel", es sei "richtig, dass die Kanzlerin zäh an der europäischen Lösung festhält und Schritt für Schritt daran arbeitet".

Abschottung - das kann nicht die europäische Antwort sein

Am Mittwochmittag zeigte sich Merkel vorsichtig optimistisch über den bevorstehenden Gipfel zur Flüchtlingskrise. Der Europäische Rat in Brüssel am Donnerstag und Freitag sei eine "Etappe auf dem Weg, der Europa bislang nach jeder Krise stärker werden ließ", sagte sie in einer Regierungserklärung im Bundestag. "Ich hoffe, dass das auch diesmal so der Fall sein kann."

Die EU müsse dafür sorgen, "dass Probleme erfolgreich überwunden werden können, ohne dass Europa und im Ergebnis alle Mitgliedstaaten Schaden nehmen". Merkel betonte angesichts des Flüchtlingsandrangs: "Abschottung - das kann nicht die europäische Antwort sein, jedenfalls nach meiner festen Überzeugung nicht." Wer wirklich Schutz brauche und suche, solle weiterhin Schutz erhalten.

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