POLITIK
16/02/2016 15:52 CET

Schweden vor Rechtsrutsch: Wie das Flüchtlingsparadies zur Hölle für Ausländer wird

dpa
Schweden vor Rechtsrutsch: Wie das Flüchtlingsparadies zur Hölle für Ausländer wird

Schweden gilt als das Land mit der am stärksten ausgeprägten Willkommenskultur. Zuwanderung war lange gewollt, Neuankömmlinge hatten es vergleichsweise leicht. Doch nun steigen die Angriffe auf Flüchtlinge, die rechtspopulistische Partei Schwedendemokraten ist in Umfragen stark.

Ist es vorbei mit der Nettigkeit?

Morgan Johansson, Schwedens Integrationsminister, ist alarmiert. „Wir stellen fest, dass viele rechtsextreme Gruppen die Lage ausnutzen“, sagte er im Interview mit der „Welt“. „Es stimmt, dass es mehr rechte Gewalt gegen Flüchtlinge gibt“, so Johansson. Die Zahl der Rechten sei zwar gleich geblieben. Aber: „Sie trauen sich jetzt mehr aus der Deckung.“

"Sind überrascht, wie organisiert die Aktion war"

Was das bedeutet, zeigte sich erst vor wenigen Tagen. Da attackierten im Zentrum Stockholms Vermummte wahllos Passanten mit ausländischem Aussehen. Eine Treibjagd auf Flüchtlinge in der Hauptstadt des Landes, das in Europa pro Kopf die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. 163.000 Asylbewerber waren es im vergangenen Jahr insgesamt, bei einer Bevölkerung von unter 10 Millionen Menschen.

„Wir hatten Hinweise darauf, dass etwas passieren könnte und hatten viele Mann vor Ort“, zitiert die Deutsche Presseagentur den Stockholmer Polizeisprecher Varg Gyllander. Doch die Gewaltbereitschaft der Aggressoren kam auch für ihn und seine Kollegen unerwartet. „Wir sind überrascht, wie organisiert die Aktion war.“

Ein anderes Beispiel: In der Bahn und rund um den Stockholmer Bahnhof haben Männer Handzettel verteilt, in denen sie zu Aktionen gegen die „nordafrikanischen Straßenkinder“ aufriefen. „Es ist unsere Pflicht als schwedische Männer, unseren Lebensraum gegen die importierte Kriminalität zu verteidigen“, hieß es da.

"Es herrschen Angst und Stress in der Gesellschaft"

Das Hetzblatt bezieht sich auf einen Vorfall von vor knapp drei Wochen. In einem Heim für jugendliche Flüchtlinge in Westschweden wurde eine 22 Jahre alte Mitarbeiterin erstochen. Tatverdächtig ist ein 15 Jahre alter Bewohner des Heims.

„Es herrschen Angst und Stress in unserer Gesellschaft“, sagt der Politikwissenschaftler Henrik Ekengren Oscarsson von der Universität Göteborg der Deutschen Presseagentur. „Seit 80 Jahren haben wir so etwas nicht erlebt, Straßengewalt kennen wir nicht.“ Die Gesellschaft sei sehr polarisiert, weil keiner wisse, was im nächsten Jahr sein werde. „Ein Ende des Krieges in Syrien ist nicht in Sicht, und das bedeutet, keiner weiß, wann der Flüchtlingsstrom abbricht.“

Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung bekommt auch die rot-grüne Minderheitenregierung zu spüren. Die Sozialdemokraten haben ihre Position als größte Partei des Landes an die Konservativen abgegeben und liegen nur noch bei 23 Prozent. Hinter ihnen, als drittgrößte Partei des Landes, liegen die Schwedendemokrakten. Die rechte Partei kommt in Umfragen auf 18 Prozent.

"Gezeichnet: Das Volk"

Sie verteilte etwa im November Flugblätter auf der griechischen Insel Lesbos. Dort kommen Tausende Flüchtlinge pro Woche an. Auf den Flyern, mit denen sie die Flüchtlinge vor ihrer Weiterreise nach Schweden abhalten wollten, stand auf Englisch: „Kein Geld, keine Jobs, keine Wohnungen.“ Die schwedische Gesellschaft stehe vor dem Zusammenbruch. „Gezeichnet: Das Volk.“

Immerhin: Es gibt Stimmen, die glauben, dass das Volk die Lage trotz allem optimistisch beobachtet. Nicklas Källebring vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos ist etwa sicher, dass seine Landsleute ihre Herzen nicht verschlossen haben. „Vom Februar bis September war die Mehrheit der Schweden dafür, mehr Flüchtlinge aufzunehmen.“ Erst im Herbst, als die Zahlen rapide zunahmen, habe sich die Stimmung geändert.

Bei der letzten Umfrage im Dezember sprach sich die Mehrheit gegen weitere Flüchtlinge aus. Doch nicht, weil die Schweden Ausländer nicht mehr willkommen heißen, meint der Forscher. „Die Menschen sind lediglich besorgt, dass wir sie nicht angemessen versorgen können, mit Wohnungen, Jobs und Ausbildung.“

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