Erstaunlich: Diese Bevölkerungsgruppe bekommt keinen Krebs

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Die Natur überrascht uns immer wieder. Es gibt tatsächlich eine Gruppe von Menschen, die durch ihre Gene immun gegen Krebs und Diabetes sind. Forscher erhoffen sich durch sie Erkenntnisse im Kampf gegen den Krebs.

In den beiden Regionen El Oro und Loja im Süden Ecuadors leben knapp 100 kleinwüchsige Menschen. Seit etwa 24 Jahren stehen sie unter der Obhut eines Forschers, der ihnen helfen will, zu wachsen. Doch er machte während seiner Untersuchungen eine ganz andere Entdeckung, die diese Menschen zu einem medizinischen Wunder macht: Sie scheinen immun gegen Krebs und andere Alterskrankheiten zu sein.

Jaime Guevara-Aguirre ist Arzt mit Vorliebe für die biochemischen Abläufe des menschlichen Körpers. Er untersuchte Volkskrankheiten wie Diabetes und wurde dadurch auf die kleine Population der Kleinwüchsigen aufmerksam. Denn trotz ihres relativ großen Übergewichts, das aus der Relation zwischen Körpergröße und Gewicht berechnet wird, scheinen sie immun gegen Diabetes zu sein.

Das Laron-Syndrom ist eine sehr seltene Erbkrankheit, die zur Kleinwüchsigkeit führt. Bei Menschen ohne den Gendefekt produziert die Hirnanhangdrüse ein Wachstumshormon, das über das Blut zur Leber transportiert wird. In der Leber docken diese Hormone an passende Rezeptoren an und produzieren ein weiteres Wachstumshormon, das IGF-1 genannt wird. Das IGF-1 wird in den Körper und alle Extremitäten gepumpt, um dort Organe und Knochen zum Wachstum anzuregen. Beim Baron-Syndrom ist die Produktion des IGF-1 blockiert.

Auf der ganzen Welt gibt es nur etwa 200-300 Menschen mit dem Laron-Syndrom. Die meisten bekannten Fälle wurden in Israel entdeckt. Die Lara-Patienten in Ecuador sind offenbar Nachfahren der sephardischen Juden, die vor der Inquisition aus Spanien geflohen waren. Guevara-Aguirre erzählt in einem Interview mit der "Zeit", dass er den kleinen Menschen helfen wollte. So versprach er der Gemeinde: "Ich werde versuchen, für eure Kinder Medikamente aufzutreiben, damit sie wachsen und eine bessere Zukunft haben."

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Jaime Guevara-Aguirre untersucht seine kleinwüchsigen Patienten in Ecuadors Hauptstadt Quito.

Die Laron-Patienten finden keinen Partner und keinen Job. Deshalb und weil sie ihren Kindern ein besseres Leben bieten wollten, versuchten sie den Doktor in seinen Untersuchungen so gut es ging zu unterstützen. Sie ließen alle, darunter auch sehr schmerzhafte, Untersuchungen über sich ergehen.

1994 entdeckte Guevara-Aguirre dann neben der Immunität gegen Diabetes auch die Immunität gegen Krebs bei seinen Patienten. Damit könnte der Mediziner den Schlüssel zu einem weltbewegenden medizinischen Fortschritt in der Hand halten. Schließlich stirbt weltweit jeder fünfte an Krebs. Seitdem wurden viele Forschungen über den Zusammenhang zwischen dem Wachstumshormon und der Entstehung von Krebs durchgeführt. 2001 entdeckte man bei Mäusen mit geringerem Anteil von IGF-1 eine längere Lebenszeit.

Bei Blutuntersuchungen der Laren-Patienten stellte man eine eigene Immunabwehr gegen Mutationen der Zellen fest. Valter Longo untersuchte mit deinem Forscherteam die Blutzellen der Kleinwüchsigen. Die Anfälligkeit für Schäden, also Mutationen zu Krebszellen, war um einiges geringer. Außerdem waren die Chancen erhöht, dass falls solche Mutationen doch auftreten sollten, diese in einem Selbstzerstörungsprozess von der eigenen Immunabwehr vernichtet werden.

Diese Ergebnisse entsprechen auch einer Studie mit den knapp 100 Einwohnern von El Ort und Lola und einer Vergleichsgruppe von Normalwüchsigen. Longo und Guevara-Aguirre untersuchten die 99 Kleinwüchsigen mit etwa 1.600 normal wachsenden Menschen. In der Kontrollgruppe waren etwa 20 Prozent, also jeder vierte, an Krebs erkrankt und etwa fünf Prozent an Diabetes. Unter den Laron-Patienten fand man kein Diabetes und nur einen Patienten mit Krebs, der allerdings heilbar war.

Die Heilung von Krebs durch Gabe des IGF-1 Antagonisten ist bisher nur eine Hypothese. Bislang konnten Versuche mit Krebspatienten noch nicht durchgeführt werden. Aber die Hypothese steht: So sollen bei Patienten, die an Krebs erkrankt sind und ausgewachsen sind, durch die Zuführung von Pegvisomant, ein Medikament, dass die Produktion des Wachstumshormons hemmt, die Mutation der Zellen gestoppt werden.

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Die Schwestern Maritza und Lugartda Valarezo leben in Ecuador und leiden am Laron-Syndrom. Beide sind Patientinnen bei Jaime Guevara-Aguirre.

Ein längeres Leben haben die Kleinwüchsigen aus Ecuador trotzdem nicht. So sterben sie oft an Alkohol- und Drogenmissbrauch und bei Unfällen.

Man kann Kinder mittlerweile durch das Spritzen der Wachstumshormone wachsen lassen. Aber da die Pharmaindustrien ihre Medikamente nicht an den knapp 30 Kindern in Ecuador testen wollen, müssten diese ihre Medikamente selbst bezahlen. Die Kosten würden sich auf knapp unter einer Million US-Dollar belaufen. Und das können sich weder Guevara-Aguirre noch die Bewohner des Dorfes leisten. Aber Guevara-Aguirre hat seinen Laron-Patienten etwas ganz besonderes mitgeben können: "Ich habe ihnen gezeigt, wie wundervoll sie sind. Weil sie in jeder Hinsicht einfach etwas Besonderes sind."

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