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15/02/2016 21:14 CET | Aktualisiert 15/02/2017 11:12 CET

Toyota Prius: Fernöstliche Vernunft

Umstrittenes Design: Beim Toyota Prius zählen die inneren Werte

Nach wie vor ist das Design gewöhnungsbedürftig. Dafür fährt sich der neue Toyota wesentlich angenehmer, als die Generationen vor ihm. Das sollte dem Japaner, der vor allem in den USA beliebt ist, neue Verkaufserfolge sichern.

Warum nicht gleich so? Das möchte man fragen, wenn Autohersteller die neue Generation eines Modells vorstellen. Natürlich hat der Neue besser zu sein als der Vorgänger. Das ist das logische Grundgesetz jeder technischen Entwicklung. Und geht man dann wie beim neuen Toyota Prius drei Generationen zurück, fragt man sich, warum und wie die erste Prius-Generation weltweit so einen Hybrid-Hype auslösen konnte.

Zum Vergleich: So sah der Vorgänger der Toyota Prius 3 aus

Zwei kulturelle Welten

Der Prius in vierter Generation hat nicht mehr viel mit der ersten Ausgabe zu tun. Das Design - na ja, es könnte ein wenig gefälliger sein. Aber über Geschmack lässt sich streiten. Der Charme dieser Art Vernunfts-Ästhetik mündet hier in eine rationale Emotionslosigkeit. Toyota sieht das ganz anders. "Der neue Prius ist nicht nur ein weiteres grünes Auto. Sein Design und seine hohe Qualität stärken seine emotionale Anziehungskraft und seine markante Präsenz auf der Straße", argumentiert die Firma. Und Prius-Chefentwickler Kouji Toyoshima setzt noch eins drauf: "Der neue Prius ist ein emotionales Statement. Sein Karosserie-Design ist innovativ, emotional und vielleicht sogar ein wenig sexy." Hier wird deutlich, dass wir es mit zwei kulturellen Welten zu tun haben.

Das Toyota-Design ist schwer zu definieren, weil es in jedem Detail der Vernunft entsprechen will. Die Prius-Käufer schätzen andere Werte und wollen vor allem ihr Umweltbewusstsein demonstrieren. Oder einfach nur sparen, wenn es um den Benzinverbrauch geht. Den reinen Fahrspaß erwartet kein Prius-Kunde. Es ist zweifellos ein Auto der Vernunft, die sich sportlicher Dynamik oder ausgeprägtem Fahrspaß zu verweigern hat. Um von A nach B zu kommen bedarf es keiner überbordenden Leistungsreserven.

Trotzdem muss man dem neuen Prius bescheinigen, dass er der beste Prius geworden ist, den es je gegeben hat. Dieses Urteil fällt nach drei Generationen nicht all zu schwer. Das beim Vorgänger quälend ansteigende Geräusch beim Beschleunigen mit stufenlosem Getriebe ist kaum noch wahrzunehmen. Die Geräuschentwicklung entspricht jetzt komfortablem Standard. Die Techniker haben weggedämmt, was gedämmt werden konnte.

Weniger ist beim Prius mehr

Während eigentlich alle anderen Hersteller von Generation zu Generation mehr Power bieten, geht Toyota den Weg zurück: Ein bisschen weniger Power als der Vorgänger, das ist ebenfalls der Vernunft geschuldet, die sich mit gerade mal 122 System-PS dennoch ausreichend motorisiert anfühlt. Im Stadtverkehr ist es überhaupt kein Problem, zügig mitzuschwimmen. Es kommt kein Gefühl von Trägheit auf, aber eben auch nicht von übermäßiger Dynamik. 0 auf 100 km/h in 10,6 Sekunden erscheinen länger, als das Gefühl vermuten lässt. Die Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h sind nicht mehr oder gerade wieder zeitgemäß, wo doch jeder Mittelklassewagen bei 250 km/h abgeriegelt wird. Wir sind verwöhnt und wissen doch, dass auf unseren Autobahnen ein Schnitt von 120 km/h kaum zu erreichen ist und - ehrlich - eher bei 100 km/h liegt.

Ein auf sparsamen Verbrauch hin optimiertes Hybrid-Fahrzeug weckt natürlich Erwartungen. Auf unserer Versuchsfahrt auf spanischen Autobahnen ließ sich das deutsche Straßenverkehrs-Bild wegen des Tempolimits nicht reproduzieren. Aber auch mit starken Beschleunigungsvorgängen ließ sich der Durchschnittsverbrauch nicht über die Fünf-Liter-Marke heben. Dass wir bei vernünftiger Fahrweise bei vier Litern oder gar drunter gelandet wären, ist keine Fantasie. Insofern ist hier der offizielle Durchschnittsverbrauch von 3,0 Litern auf 100 km zumindest in Sichtweite der Wirklichkeit. Sicherlich lässt sich dieser Wert realisieren, wenn der Fahrer sich diszipliniert.

Das überarbeitete Fahrwerk, Feinschliff an Lenkung und Federn sowie zahlreiche Assistenten machen das Fahren im Prius 4 zu einer angenehmen Beschäftigung. Es ist kein Auto, in dem man die Grenzen des Über- oder Untersteuerns ausloten will. Auf schlechten Straßen könnte das Fahrwerk einen Tick komfortabler sein, aber das ist kein dicker Minuspunkt.

Das Fahrgefühl hängt auch vom Interieur ab. Hier punktet Toyota mit einem futuristischen Cockpit und einem Innenraum, der deutlich hochwertiger erscheint als beim Vorgänger. Die Bedienung des Navigationssystems erfordert allerdings einen gewissen Lernprozess. Wir hatten zuweilen das Gefühl, dass das Auto schneller ist als das Navi, das uns den richtigen Weg immer wieder zu spät anzeigte und wir zum Umkehren gezwungen waren. Vielleicht könnten hier schnellere Prozessoren für Abhilfe sorgen. Natürlich bietet der Prius zahlreiche High-Tech-Features wie das Pre-Collision System, das im Ernstfall von selbst bremst, eine adaptive Geschwindigkeitsregelanlage, Spurhalte-, Fernlicht- und Verkehrszeichen-Assistent per Kamera-Erfassung, einen Einpark-Assistenten, der nun auch kleinere Parklücken automatisch ansteuern soll, Head-up-Display und ein induktives Ladegerät ohne Kabel fürs Smartphone - sofern es diese Technologie nutzen kann. Der neue Prius hat bei aller Emotionslosigkeit durchaus seine Qualitäten. Und zweifellos seine Fan-Gemeinde.

Technische Daten Toyota Prius 2016: Viertürige Limousine, Länge: 4.54 Meter, Breite: 1,76 Meter, Höhe: 1,47 Meter, Radstand: 2,70 Meter, Leergewicht: 1.450 Kilogramm, Tankinhalt: 43 Liter, Motoren: 1,8-Liter-4-Zylinder, Leistung: 98 PS / Elektromotor mit max. Leistung von 53 kW, max. Systemleistung 122 PS bei 5.200 U/min, max. Drehmoment: 142 Newtonmeter bei 3.600 U/min, 0 - 100 km/h: 10,6 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h Verbrauch kombiniert: 3,0 Liter Super/100 km, CO2-Emission: 70 g/km, Preis: ab 28.300 Euro

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