POLITIK
13/02/2016 16:46 CET

Michael Stenger hat eine Schule nur für Flüchtlinge gegründet

Thomas Trutschel via Getty Images
In der Schule lernen Flüchtlinge alles für den Berufseinstieg

Michael Stenger hat eine Schule gegründet. Eine Schule nur für Flüchtlinge zwischen 16 und 25 Jahren. Eine Schule, in der die Flüchtlinge vor allem Deutsch lernen, und viel mehr, was sie für das Leben hier brauchen. Damit sie danach aufs Gymnasium gehen können. Oder in die Lehre.

Die Geschichte der Münchner "Schlau-Schule" gilt als Erfolgsbeispiel. Viele Medien, darunter auch die HuffPost, haben darüber berichtet. Seit der Gründung vor ziemlich genau 15 Jahren haben etwa 1500 Flüchtlinge die Schule besucht, etwa 300 sind gleichzeitig dort.

Eine Schule, die viel kostet: Geld und Kraft

So eine Spezialschule kostet. Sie kostet Geld, viel Geld. Sie kostet Kraft, denn sie kümmert sich um jene, die es besonders schwer haben in der Gesellschaft. Und das Konzept dürfte Überzeungsarbeit kosten, denn eine Einrichtung nur für Flüchtlinge widerspricht erst einmal dem gängige Ideal von schneller Integration.

Um es kurz zu machen: Stenger, der Mann mit der imposanten Statur und der üppigen Mähne hat all das geschafft.

Der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ("FAS") hat Stenger kürzlich seine Geschichte erzählt.

Die Idee: Die Jugendlichen sollen unter Gleichaltrigen mit den gleichen Sorgen lernen

Stenger, der vor seiner Zeit als Schulleiter Deutschkurse gab, fand, es ergebe keinen Sinn, ausländische Analphabeten zusammen mit ausgebildeten Handwerkern, Jugendliche neben älteren Erwachsenen zu unterrichten. Und ebenso wenig glaubt er, dass man die Jugendlichen schnellstens zusammen mit deutschen Kindern unterrichten solle. Solange sie die Sprache nicht beherrschten, bringe das nichts, fördere nur Frust und Aggression, sagte er der „FAS“.

Auch an Grundschulen und anderen Schulen in Deutschland richten die Länder sogenannte Willkommensklassen ein, in denen jüngere Flüchtlinge möglichst schnell Deutsch lernen und erst dann in die Regelklassen wechseln sollen. Der Bedarf ist riesig: Laut Bundesfamilienministerium befinden sich "rund 59.000" allein geflüchtete Jugendliche in der Obhut von Jugendämtern.

Die Stadt München will auch mehr spezielle Angebote für ältere Jugendliche und dafür 40 zusätzliche Berufsintegrationsklassen einrichten, wie der "Münchner Merkur" berichtet. Dafür müssen 66 neue Lehrkräfte eingestellt werden. Die müssen natürlich erst mal gefunden werden.

Der Schlüssel zum Erfolg: qualifizierte Lehrer

Tatsächlich glaubt laut einer Umfrage im Auftrag des Stifterverbands für die Wissenschaft, der SOS Kinderdörfer und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung die meisten Befragten dem deutschen Bildungssystem nicht zu, die Migranten richtig integrieren und ausbilden zu können. Vor allem fürchten sie, dass es nicht genug spezialisierte Lehrer gibt, wie an der Münchner „Schlau-Schule“.

Der Philologenverband geht davon aus, dass schon jetzt 25.000 Lehrer fehlen, um die Flüchtlingskinder richtig zu betreuen. Jedes Jahr würden dann zusätzlich noch einmal 10.000 Lehrer fehlen.

Stengers Konzept: Feste Regeln für alle

In der "Schlau-Schule" lernen die Jugendlichen Deutsch, bekommen Unterricht in den üblichen Fächern und außerdem weitere Betreuung, um sich in Deutschland zurechtzufinden. Dazu gehören auch die deutschen Wertvorstellungen. Wenn Stenger das den Medien erklärt, klingt das so: „Mann und Frau verkehren auf Augenhöhe, Punkt!“ Und einem jungen Somalier erklärte er, was er mit Unterrichtsbeginn neun Uhr meinte: „Drei vor heißt Unterricht mit dir, drei nach heißt Unterricht ohne dich.“

Drei Viertel sind Jungen und Männer, wie die meisten Flüchtlinge.

Finanzierung durch Spenden

1,5 Millionen Euro braucht die Schule im Jahr, der Großteil kommt vom Freistaat Bayern, der Rest von Spendern, darunter große Firmen.

Es sind Ausgaben, die sich offenbar nicht nur aus Sicht der jungen Flüchtlinge lohnen. Sondern auch für die deutsche Gesellschaft. Derzeit befinden sich knapp 60.000 allein geflohene Jugendliche in der Obhut von deutschen Jugendämtern.

"Die Schüler sind so was von motiviert"

Ein Fünftel wechselten nach der Flüchtlingsschule auf Realschule oder Gymnasium. Von den anderen schafften fast alle den Hauptschulabschluss, sagt Stenger. Die meisten erhielten dann eine Ausbildungsstelle, besonders beliebt seien Handwerksberufe und Pflegeberufe. Kaum einer breche die Ausbildung ab. Sie seien „so was von motiviert“.

Damit scheinen Stengers Schüler eine Ausnahme zu sein. Im Oktober kritisierte die Handwerkskammer, dass 70 Prozent der Flüchtlinge ihre Ausbildung abbrechen. Unter anderem, weil sie währenddessen wenig verdiente und lieber eine andere Arbeit annehmen würden, um ihren Familien in der Heimat zu helfen.

Die Experten empfahlen, die Flüchtlinge besser zu begleiten und ihnen zu verdeutlichen, dass sie sonst langfristig kaum eine Perspektive hätten.

Das kostet. Aber Spenger sagte der „FAS“: „Wenn wir es richtig angehen, die Flüchtlinge nicht alleinlassen, dann bekommen wir das Zehnfache von dem zurück, was wir in sie investieren.“

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