POLITIK
11/02/2016 20:21 CET | Aktualisiert 11/02/2016 20:27 CET

Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz: "Leben in schlimmster weltpolitischer Lage seit Ende des Kalten Krieges"

dpa

Europa streitet sich über tausende Flüchtlinge, die jeden Tag über die Grenze kommen. In Syrien macht Russland einen gefährlichen Alleingang.Und die Angst vor Terroranschlägen hält die Welt in Atem.

Die Lage ist dramatisch - zu dieser Einschätzung kommt auch Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, die am Freitag beginnt. „Wir erleben derzeit die schlimmste weltpolitische Lage seit Ende des Kalten Krieges. Wir leben in anarchischen und chaotischen Zeiten“, sagte Ischinger im Gespräch mit der Huffington Post.

"Totalscheitern der westlichen Politik"

Er forderte die Weltgemeinschaft konkret dazu auf, dem Bürgerkrieg in Syrien ein Ende zu setzen. „Die Lage in Syrien bereitet mir Sorgen. Hier wird es höchste Zeit, dass die führenden Politiker aus den USA, der EU und Russland ihrer Verantwortung für Frieden gerecht werden“, sagte Ischinger der Huffington Post. „Ich erhoffe mir einen Aufwacheffekt der internationalen Großmächte.“

Diese hätten seit fast vier Jahren absichtlich weggeschaut – „ein ganz klares Totalscheitern der westlichen Politik“, sagte Ischinger. Es habe viel zu lange die Meinung geherrscht, dass man mit Interventionen gegen Assad einen Flächenbrand auslösen würde. „Das Problem ist: Der befürchtete Flächenbrand hat sich in Syrien von ganz alleine eingestellt. Die Folgen dieser humanitären Katastrophe erleben wir jetzt mit den Flüchtlingen vor Deutschlands Haustür“, analysierte Ischinger.

Der ehemalige Botschafter sagte weiter, er hoffe auf einen Dialog zwischen den USA und Russland, die zentralen Mächte in dem Konflikt. „Ich werde alles daran setzen, dass sich US-Außenminister John Kerry und Russlands Außenminister Sergei Lawrow in Sachen Syrien in München annähern“, sagte Ischinger.

"Eine anti-russische Front kann Putin nicht wollen"

Er dämpfte allerdings die Hoffnung, dass sich beide Mächte auf eine Lösung einigen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass der Westen und Russland in der Syrien-Politik bei der Sicherheitskonferenz übereinkommen werden, schätze ich auf unter 50 Prozent ein“, sagte er der Huffington Post.

Indirekt warnte Ischinger den russsischen Präsidenten Wladimir Putin davor, den Friedensdialog zu blockieren. Er habe bis heute keine Bedingungen für eine Friedenslösung genannt. „Es kann nicht in Moskaus Interesse sein, dass sich der Kreml Feinde in der ganzen Welt macht, vor allem in den arabischen Ländern. Eine anti-russische Front kann auch Putin nicht wollen“, sagte Ischinger.

Eröffnet wird die 52. Sicherheitskonferenz von der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Neben Syrien wird es auch um die Zukunft der Nato, die Flüchtlingskrise und den internationalen Kampf gegen den Terrorismus gehen. Drei Tage lang beraten mehr als 30 Staats- und Regierungschefs sowie etwa 60 Außen- und Verteidigungsminister über die gefährlichsten Krisen dieser Welt.

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