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„Bespuckt und bedroht" - Zunehmende Klagen über schwarzfahrende Flüchtlinge

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Diesen Fahrgast werden zwei Kontrolleure aus Halle so schnell nicht vergessen. Anfang Februar wollten sie in einer Trambahn das Ticket eines 35-jährigen Sudanesen sehen. Doch der zückte statt des Fahrscheins plötzlich ein Messer und bedrohte die beiden. Erst ein herbeigerufener Polizist konnte den renitenten Schwarzfahrer schließlich überwältigen.

Auch in anderen Städten häuften sich zuletzt Meldungen von Flüchtlingen, die Kontrolleure anpöbelten oder gar handgreiflich geworden sein sollen. Ein Sprecher der Verkehrs AG Nürnberg klagte etwa Ende Januar, Asylsuchende reagierten in der Frankenmetropole aggressiv auf Fahrschein-Kontrollen. Dabei handle es sich um „keine Einzelfälle, sondern um vermehrt auftretende Probleme mit Flüchtlingen“.

"Kollegen haben Angst"

Die Verkehrsbetriebe der 500.000-Einwohnerstadt berichten, weibliche Kontrolleure würden von Asylsuchenden ignoriert, männliche Kollegen teilweise beschimpft. Die Fahrer und Kontrolleure seien zwar einiges gewöhnt und würden für entsprechende Situationen auch geschult. „Doch das aggressive Auftreten von Asylbewerbern ist auffällig“, so ein Sprecher gegenüber den „Nürnberger Nachrichten“.

In Gießen gibt es ebenfalls Probleme. Vergangene Woche berichtete die „Gießener Allgemeine Zeitung“, dass Busfahrer, deren Linie zur Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge fährt, „beleidigt und bedroht werden“. Der Betriebsratsvorsitzende des regionalen Verkehrsunternehmens Abdul Yobas klagte: „Es gibt mittlerweile einige Kollegen, die haben Angst, diese Linie zu fahren.“

Er nimmt kein Blatt vor den Mund: „Die Kollegen werden bespuckt und bedroht. Mir ist das auch schon passiert.“ Es seien „in erster Linie männliche Asylbewerber aus Nordafrika, die sich gegenüber den Busfahrern und weiblichen Fahrgästen schlecht benehmen“.

Auch ein Münchner Kontrolleur berichtet im Gespräch mit der Huffington Post, dass er häufig von schwarzfahrenden Flüchtlingen angepöbelt werde. Bei Verdi Bayern, wo viele Verkehrsmitarbeiter organisiert sind, heißt es gegenüber der Huffington Post, es habe zuletzt eine Häufung von Übergriffen auf ÖPNV-Mitarbeiter gegeben – man habe jedoch keine Erkenntnisse darüber, ob dafür Flüchtlinge verantwortlich seien.

Vorwurf: "Zwei Drittel fahren schwarz"

In Kassel war es bereits im Herbst vergangenen Jahres laut einem Bericht der „Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen“ wiederholt zu Zwischenfällen in Trambahnen gekommen. Kontrolleure berichteten damals, in der täglichen Praxis gestalte sich der Umgang mit den Flüchtlingen „als sehr schwierig“. Vor allem Männer wollten sich von Kontrolleurinnen nichts sagen lassen. Zwei Drittel der Flüchtlinge seien nach Einschätzung von Kontrolleuren ohne Fahrschein unterwegs, berichtete das Blatt damals.

Zwar sagt ein Sprecher des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen auf Anfrage der Huffington Post, sein Dachverband wisse schlicht nicht, ob es gehäuft Übergriffe von Asylsuchenden gegen Kontrolleure gebe. Auch habe man keine Erkenntnisse, wie hoch die Zahl der Schwarzfahrer in dieser Bevölkerungsgruppe sei.

Doch die Statistik ist bei Letzterem eindeutig: In Sachsen etwa handelte es sich bei jeder fünften erfassten Straftat durch einen Asylsuchenden um das Erschleichen von Fahrleistungen. Zuwanderer wurden in dem östlichen Bundesland so häufig ohne Fahrkarte erwischt, dass sich Landesinnenminister Markus Ulbig (CDU) überlegt, Asylbewerbern eine Art Asyl-Ticket zu verordnen. Die Kosten dafür müssten diese mit ihrem Taschengeld bezahlen.

Auch in Baden-Württemberg erfolgte zuletzt rund jede fünfte Anzeige gegen Flüchtlinge wegen Schwarzfahrens. Über 4.300 solcher Delikte gab es alleine in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres. Andere Bundesländer wie Hessen verzeichnen unter Flüchtlingen ebenfalls weit mehr solcher Delikte als unter Einheimischen.

Alexander Thal, Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats, weist im Gespräch mit der Huffington Post darauf hin, dass Flüchtlinge schlicht „oft zu wenig Geld für Fahrkarten haben“. Auch hat er eine theoretische Erklärung für eine mögliche Häufung von Gewalttaten: Bei Flüchtlingen würden Übergriffe von manchen Kontrolleuren bewusster wahrgenommen.

Vor allem mit Nordafrikanern Probleme

Klar ist, dass es offenbar nur mit bestimmten Migrantengruppen Problemen gibt. Während etwa Syrer in der Kriminalstatistik weitgehend unauffällig bleiben, gibt es massiven Ärger mit Nordafrikanern. Ein Drittel aller sächsischen Mehrfach-Straftätern unter allen Zuwanderern kommt beispielsweise aus Tunesien. Beim Schwarzfahren sind Nordafrikaner offenbar deutlich überrepräsentiert.

Manche, wie der Gießener Betriebsrat Yobas fordern zum Schutz der Fahrer und Kontrolleure schlicht, auf Fahrscheinkontrollen zu verzichten. Denn dort komme es ja erst "regelmäßig zu Auseinandersetzungen mit Schwarzfahrern".

Ähnlich äußerten sich zuletzt die Nürnberger Verkehrsbetriebe. Das Problem sei, dass das "erhöhte Beförderungsentgelt" oft gar nicht eingefordert werden könne, weil sich die Personalien nicht feststellen ließen. „Denn meist führen die Flüchtlinge keine amtlichen Ausweise mit sich.“ Selbst die Polizei könne die Identität vor Ort oft nicht feststellen.

Gratis-Tickets als Lösung?

Sollte der Staat kapitulieren? In Kassel oder Hamburg etwa gab es 2015 Medienberichten zufolge Anweisungen, Schwarzfahrten von Flüchtlingen nicht weiterzuverfolgen. Die Verkehrsbetriebe bestritten dies jedoch.

Ganz offiziell gratis fahren dürfen derweil Flüchtlinge in Berlin. „Sie bekommen dort Bändchen als Fahrkarten“, sagt ein Sprecher des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen. Dem Sprecher zufolge „setzen immer mehr Verkehrsbetriebe darauf, Flüchtlinge umsonst fahren zu lassen“.

Dies sorgt aber bei manchen Rentnern oder Geringverdienern, die sich mühsam ihre Fahrkarten absparen, für großen Unmut. Der Bayerische Flüchtlingsrat fordert deshalb, auch für deutsche Hartz-4-Empfänger oder Aufstocker Gratis-Tickets. „Sich frei bewegen zu können, ist ja ein Grundrecht“, so Sprecher Thal.

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