POLITIK
09/02/2016 00:09 CET | Aktualisiert 10/02/2016 10:59 CET

"Wir schämen uns vor den Leuten im Dorf" - Flüchtlinge wohnen über Bordell

dpa
Die Flüchtlinge müssen jedes Mal durch das Etablissement laufen, wenn sie zu ihrer Wohnung wollen

Der Bürgermeister von Siegenburg spricht von einer "unmöglichen Situation": Wie die SZ berichtet, hat das Landratsamt neun syrische Flüchtlinge über einem Bordell einquartiert.

Das wäre alles halb so schlimm, gäbe es einen separaten Eingang. Doch um zu ihrer Unterkunft zu gelangen, müssen die syrischen Männer einmal quer durch das Lokal laufen.

"Nicht optimal gelaufen"

"Wenigstens ist das Landratsamt "so schlau gewesen, dass es nur Männer einquartiert hat - und keine Familien mit Kindern", sagte Bürgermeister Johann Bergermeier der SZ.

Ein Sprecher des Landratsamtes gab zu, das Ganze sei "nicht optimal gelaufen". Weil es an Flüchtlingsunterkünften fehle, müsse man jedoch nehmen, was man kriegen könne. Außerdem habe das Landratsamt nicht gewusst, dass die Vermieterin im selben Haus einen Nachtclub betreibe.

In der Dorfbevölkerung unterdessen wird gelästert, die Flüchtlinge seien froh über ihre Wohnsituation und würden sich im Roltlichtmilieu wie zu Hause fühlen. Es machen auch zynische Sprüche die Runde, in denen es heißt, so könnten die Flüchtlinge am besten ihre Traumata bewältigen.

Die Flüchtlinge selbst wissen von dem Gerede. "Wir schämen uns vor den Leuten im Dorf. Weil die Leute vielleicht glauben, dass wir glücklich sind über die Situation," sagte einer der Männer der SZ. Anfangs habe keiner von ihnen gewusst, dass das "Café Atlantis" gar kein Café ist.

Erst nach einiger Zeit, als sie die freizügige Aufmachung der Mädchen gesehen hätten, sei ihnen klar gewesen, um was für ein Etablissement es sich handle.

Ihnen bleibt jedoch keine andere Wahl, als ihre Wohnsituation zu akzeptieren, denn die Behörden bleiben dabei: Da es derzeit kaum Vermieter gebe, die dem Landkreis ihre Immobilien anbieten, müssten die neun Syrer im "Café Atlantis" bleiben.

Die Unterbringung von Flüchtlingen stellt viele Städte und Gemeinden vor große Herausforderungen – auch hier, wo ein Bürgermeister mit Geldstrafe droht:

"Keine Probleme mit Bewohnern"

Die neun Männer in Siegenburg haben sich mittlerweile mit ihren Räumlichkeiten abgefunden."Wir haben dem Krieg und dem Tod ins Gesicht geschaut, wir waren drei Wochen auf der Flucht, wir waren mit 300 Leuten in einem Lager. Wer das weiß, versteht vielleicht, dass die Situation schon okay ist für uns," sagt der 39-jährige Abdulmaseeh Entakly.

Die Besitzerin des "Cafés" versteht die ganze Aufregung nicht. Sie und die Mädchen zumindest hätten kein Problem mit den übrigen Bewohnern des Hauses.

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