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Von wegen jedes Baby kann Schlafen lernen: Experten räumen mit einem gefährlichen Gerücht auf

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BABY SLEEPING
Sleeping baby with pacifier | Goodshoot via Getty Images
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Viele Väter und Mütter kennen dieses Gefühl. Das eigene Kind will einfach nicht schlafen. Auch unser eigener Sohn Adrian wollte lange Zeit partout nicht ins Bett.

Besonders in seinem zweiten Lebensjahr machte er oft bis zum späten Abend Fiesta und mied sein Bettchen wie der Teufel das Weihwasser. Häufig wachte er auch nachts auf und weckte dann auch gleich die Eltern.

"Meine Kinder gehen ganz früh ins Bett"

Erzählte ich Freunden oder Bekannten vom mediterranen Lebensrhythmus des eigenen Kindes, erntete ich meist mitleidige Blicke oder verständnisvolles Nicken. Doch nicht wenige Eltern entgegneten auch, ihr ein- oder zweijähriges Kind schlafe längst durch und gehe „auch ganz früh ins Bett“.

Eine Mama lieferte dann gleich die Erklärung: Sie habe ein Buch mit dem Titel „Jedes Kind kann schlafen lernen“ gelesen. Die Mutter eines damals Zweijährigen schwärmte, bereits nach einigen Wochen habe sich „das Problem dann ganz von alleine gelöst“. Selbst eine Kinderpsychologin in unserer Krippe hatte kürzlich Eltern die Lektüre des Buchs empfohlen.

Geheimwaffe gegen schlaflose Eltern- und Kinder-Nächte?

Was also steckt hinter dem Bestseller der diplomierten Psychologin Anette Kast-Zahn, der von seinen Fans als Geheimwaffe gegen schlaflose Eltern- und Kinder-Nächte propagiert wird.

Das Buch basiert auf Experimenten des US-Kinderarztes Richard Ferber. Die Methode ist einfach: Die Eltern sollen das Kind wach ins Bett legen und nach einem kurzen Einschlafritual das Zimmer verlassen, um bei Bedarf nach festgelegten Minutenabständen zurückzukehren. Dabei wird das Kind zwar kurz getröstet, wenn es weint, aber nicht herausgenommen oder mit Schnuller und Ähnlichem beruhigt.

Bestenfalls nach zwei bis drei Tagen, spätestens aber nach zwei Wochen soll der Sohn oder die Tochter gelernt haben, von selbst einzuschlafen. Das Kind soll dazu auch in der Lage sein, wenn es wieder aufwacht.

„Die Babys haben Todesangst. In jeder Sekunde“

Eine tolle Angelegenheit für die Eltern, doch auch für die Kinder? Die einstige "Super-Nanny" Katia Saalfrank ging bereits 2013 mit dem Buch hart ins Gericht: „Die Babys haben Todesangst. In jeder Sekunde“, sagte die durch die RTL-Sendung "Supernanny" bekannte Diplom-Pädagogin.

Der Familientherapeut Paul Suer, selbst Autor einiger Bücher zum Thema Kinderschlaf und mehrfacher Vater, steht der Ferber-Methode ebenfalls skeptisch gegenüber: „Kinder sind nun mal Kinder und wir sollten mit ihren kleinen Seelen nicht experimentieren", warnte er bei der Veröffentlichung der jüngsten Ausgabe von „Jedes Kind kann schlafen lernen“.

Angelika Schlarb, Kinder- und Jugendpsychologin an der Uni Bielefeld, sagt im Gespräch mit der Huffington Post über das Buch: „Ob die darin aufgezeigten Methoden für ein Kind richtig sind, lässt sich nicht pauschal sagen.“ Dies komme „auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes an“.

Bei Kindern, die etwa, weil sie Angst hätten, nicht schlafen könnten, sei die Methode eher ungeeignet. „Auch Eltern, die ängstlich sind, rate ich eher ab. Sie gehen am Ende dann oft doch ins Zimmer.“ Das Kind lerne dann, das es nur lange genug schreien müsse, damit jemand komme.

Für Schlarb ist klar: „In jedem Fall muss vermieden werden, dass bei einem Kind der Eindruck entsteht: Ich kann so viel schreien, wie ich will, doch niemand hilft mir.“ Im Zweifelsfall sollten sich Eltern bei Schlafproblemen ihres Kindes professionelle Hilfe suchen, rät die Expertin.

Amerikanischer Forscher distanziert sich vom Buch

Ferber, auf dessen Ideen das Buch in weiten Teilen basiert, hat sich zwischenzeitlich indirekt von dem Buch distanziert. Er hatte darauf hingewiesen, dass er dieses Programm erstens für Kinder entwickelt hat, die älter als ein Jahr sind, und es zweitens als eine Art Notbremse für Eltern am Ende ihrer Kraft gedacht ist.

Die Methode sei kein Freifahrtschein dafür, ein Kind, wie früher häufig praktiziert, stundenlang schreien zu lassen und ihm somit das Urvertrauen zu nehmen.

Ohnehin wird im Internet von manchen Müttern mitunter auch eine noch radikalere Auslegung des Buchs propagiert: Man solle das Kind von Beginn an alleine im Bett auf unbestimmte Zeit schreien lassen.

Studie: Viel Kuscheln macht erfolgreich

Eine Studie der US-Uni Notre Dame kam gerade erst zu dem Ergebnis, dass Menschen, die als Kleinkinder mehr hochgehoben und liebkost werden und eben nicht für längere Zeit alleine gelassen werden, später viel leichter durchs Leben kommen. Diese Gruppe unter den 600 Testpersonen war als Erwachsener gesünder, weniger depressiv, empathischer und auch deutlich produktiver als diejenigen, die im Krippen-Alter nicht ausreichend geknuddelt wurden.

Die Studie ist jedenfalls nicht geeignet, die Kritik von manchen Experten und vor allem vielen Eltern an dem Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ zum Verstummen zu bringen: Das Grundbedürfnis des Kindes nach menschlicher Nähe werde ignoriert, sein Urvertrauen erschüttert und das Kind dressiert und verallgemeinert, so ein oft genannter Vorwurf.

Auch führen Gegner des Buches an, dass Eltern gegen ihr Bauchgefühl angehen sollen, indem sie sich strikt an einen Plan halten und vor allem, indem sie das Schreien des Kindes ignorieren sollten.

2013 starteten Eltern sogar eine Petition gegen den Vertrieb des Ratgebers. "Das Buch muss zum Schutz der Eltern und Kinder vom Markt verschwinden“, so die damalige Forderung der Initiatoren. Das darin angepriesene Schlaflernprogramm, die so genannte Ferber-Methode, habe "schlimme Folgen für die Kinderseele".

Erfolg ist ungebrochen - Top 40 bei Amazon

Doch der Ratgeber steht immer noch in deutschen Buchregalen. Bei Amazon läuft das 2013 wiederveröffentlichte Werk unter der Rubrik „Erziehungsratgebern“ immerhin in der Top 40.

Bereits 2013 verteidigte sich der Verlag Gräfe und Unzer, der den Ratgeber damals neu aufgelegt hatte, gegen die Kritik. Das seelische Wohl der Kinder liege der Autorin genau so am Herzen wie dem Verlag, hieß es in einer Stellungnahme. „Wir möchten mit unseren Babyratgebern Eltern verschiedene Ansätze anbieten.“

Es gebe „ganz unterschiedliche Lösungsansätze für Schlafprobleme und jede Familie muss selbst entscheiden, welche für sie persönlich die beste Methode ist". Der Verlag und die Autorin waren am Dienstag für eine Anfrage der Huffington Post zunächst nicht zu erreichen.

Klar ist: Die Methode verlangt Eltern sehr viel Geduld ab. Nicht selten gibt es zwischen den Partnern Streit, wenn das Kind schreiend in seinem Bett liegt und einer von beiden es nicht mehr tatenlos anhören kann. Es ist also äußerst wichtig, sich im Vorfeld darüber im Klaren zu sein, dass die Umsetzung extrem an die Nerven gehen werde, raten Experten.

Gemeinsam mit den Kindern im King-Size-Bett

„Jedes Kind kann schlafen lernen“ ist nicht das einzige umstrittene Schlaf-Lehrbuch. Das Ärztepaar William und Martha Sears, Eltern von acht Kindern, raten etwa allen Ernstes, mit dem Nachwuchs notfalls bis zum 18. Lebensjahr gemeinsam im King-Size-Familienbett zu nächtigen.

Meist lernen die Kinder aber mit der richtigen Portion Liebe selbst irgendwann gut einzuschlafen, so wie unser Sohn Adrian. Mitunter wacht auch der Dreijährige nachts zwar noch einmal auf - und ja, manchmal kriecht er ins Elternbett. Aber so ist das eben mit kleinen Kindern. Sie sind keine Maschinen – und wir sollten ihre Lebensumstände nach ihnen und nicht nur nach uns ausrichten.