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Kreuzberger Sozialarbeiter warnt: "Das, was in Köln an Silvester passiert ist, passiert hier inzwischen tagtäglich"

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KREUZBERG
Im Berliner Stadtteil Kreuzberg ist die Kriminalitätsrate besonders hoch. | Carsten Koall via Getty Images
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Die Ereignisse in Köln haben Deutschland erschüttert und entzweit. Immer mehr Experten, darunter auch Flüchtlinge, äußern sich zu den Ereignissen. So auch Ercan Yasaroglu, der selbst als Asylbewerber vor 30 Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist.

Er ist Sozialarbeiter in Berlin. Was er dort tagtäglich erlebt, was er zu den Übergriffen in Köln sagt und wie er Integration voran treiben will, verrät er im Interview mit "Focus Online".

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Der Berliner Stadtteil Kreuzberg hat einen Migrantenanteil von 70 Prozent. Am Kottbusser Tor - auch "Kotti" genannt - seien Ereignisse wie in der Silvesternacht in Köln tagtäglich mitzuerleben, sagt Yasaroglu. Er berichtet, dass "ganz offen Drogen verkauft oder Passanten ausgeraubt" würden. Als Masche beliebt sei der seit Silvester besonders berüchtigte Antanztrick. Dabei umarmen die Verbrecher eine Person und ziehen ihnen heimlich das Portemonnaie aus der Tasche.

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"Mädchen, die umzingelt und begrapscht werden" - diese Art von sexuellen Übergriffen gebe es dort beinahe jeden Tag. Und die Kriminalität steige. Selbst Helfer und Ladenbesitzer, die einschreiten wollen, würden tätlich angegangen. Und nicht nur die Taten, sondern auch die Täter seien die gleichen wie in Köln.

"Junge Typen aus nordafrikanischen Ländern, die gleiche Klientel wie in Köln." Ein Flüchtlingsproblem sieht Yasaroglu dennoch nicht dahinter. So seien die meist arabischstämmigen Clans immer bemüht, neue Mitglieder zu rekrutieren. Und diese seien sowohl unter in Deutschland lebenden Migranten als auch unter Flüchtlingen zu finden. Man dürfe bei solchen Straftaten auf keinen Fall die Herkunft der Täter verschweigen. Das sei "nicht der richtige Weg, um eine solche Entwicklung zu stoppen".

"Unsere falsche Rücksicht hat die Willkommenskultur beschädigt", sagt der Sozialarbeiter. Nach Köln habe man gesehen, dass politische Korrektheit fehl am Platz war. Niemand sollte über solche Vorkommnisse schweigen, nicht die Polizei, nicht die Politik und auch er, Yasaroglu, nicht. An der Integration müsse gearbeitet werden. Den Menschen, die hier her kommen, müsse eine Zukunft gegeben werden. Wenn das nicht geschehe, würden sie sich Verbrechergruppen leichter anschließen. Schwierig sei die Integration vor allem für junge Migranten.

"Wenn Sie vor der Haustür den Dealer sehen, der mit 25 Jahren im BMW um den Block rast, dann habe ich kaum eine Chance", glaubt Yasaroglu Natürlich versucht der Sozialpädagoge, jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Sie dazu zu bewegen, ihr Abitur ein Studium oder eine Ausbildung zu machen und eine anständige Arbeit zu finden. Allerdings stehen seine Chancen eher schlecht, wenn sie erst mal mit dem zumeist wohlhabenden Leben der Verbrecher in Verbindung kommen.

Der Diplom-Solzialpädagoge ist Atheist und hat "wirklich keinen Grund, den Islam zu verteidigen." Allerdings seien die Probleme nicht in der Religion verankert. Auch sein Vater sei ein islamischen Gelehrter gewesen. Er wisse daher, dass es im Islam genauso verpönt sei, Frauen anzuschreien, zu diskriminieren oder gar zu schlagen. "Das wäre peinlich gewesen."

Das Problem liege in der Erziehung und dem Umgang, sagt der Sozialarbeiter. Da im südlichen und südöstlichem Kulturraum Männer noch immer wie Prinzen erzogen und behandelt würden, tendierten sie eher zum "Machotum". Aber solche Männer gäbe es schließlich auch in Deutschland.

Trotz allem dürfe nicht pauschalisiert werden. "Wer die Schublade aufmacht und alle Araber hineinsteckt, macht es sich zu leicht", sagt er. Die Gesellschaft dürfe zwar nicht aus politischer Korrektheit den Migrationshintergrund oder Flüchtlingsstatus eines Straftäters verschweigen. "Aber deswegen allen Flüchtlingen kriminelle oder frauenfeindliche Eigenschaften zuzuschreiben, ist gefährlich". Dann kippe "die Stimmung komplett" .

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