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Schluss mit der Angst: Was Deutschland von der neuen Gewinner-Generation im Sport lernen kann

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HANDBALL
Die deutsche Handball-Nationalmannschaft feiert sich selbst | DPA
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Es ist Montag. Und während in ganz Deutschland für Millionen Menschen die Arbeitswoche wieder beginnt, dürften einige der zur Zeit beliebtesten deutschen Profisportler derzeit ihren Rausch ausschlafen.

Das letzte Januarwochenende hat Deutschland einige der größten Sportsensationen der vergangenen Jahre beschert. Und es sind spannende Biografien, die hinter den Triumphen stecken. Sie erzählen die Geschichte von einer neuen Generation junger Deutscher, die sich mit Fleiß, Mut und einer gehörigen Portion Optimismus gegen ihre Kritiker durchgesetzt haben.

Denn eigentlich hätte niemand erwartet, dass dieser Januar zu einem Gold-Monat für den deutschen Sport werden würde. Erst recht nicht, dass in der durchkommerzialisierten Sportwelt des Jahres 2016 noch so viele echte Sport-Vorbilder auf die Bühne treten würden. Und das zwischen all den trüben Meldungen aus dem Ideenuniversum deutscher Gegenwartslegastheniker und Schießbefehlfetischisten.

Großes Tennis

Da wäre zum Beispiel Angelique Kerber.

Die 28-Jährige ist seit 2003 Tennis-Profi. Vor vier Jahren gewann Kerber in Paris ihr erstes Turnier. Seit dieser Zeit ist sie die bestplatzierte deutsche Spielerin in der WTA-Weltrangliste. Doch den großen Wurf hat ihr kaum jemand zugetraut.

Bei Olympia 2012 in London stand sie im Viertelfinale, in Wimbledon und bei den US Open erreichte sie gar je einmal das Halbfinale. Doch zuletzt eilte ihr der Ruf voraus, dass sie in den entscheidenden Momenten die Nerven verliert. Wenn es drauf ankommt, sei sie zu hektisch, erzählte man sich über sie. Auch zu unsouverän, zu passiv.

Nach all den Jahren hatte kaum jemand mehr Kerber wirklich auf dem Zetteln. Und dann kamen die Australien Open, eines der vier wichtigsten Turniere des Jahres. "Ich habe einfach versucht, an mich selbst zu glauben", sagte sie auf der Pressekonferenz nach ihrem Finalsieg gegen Serena Williams.

Sieg über die Angst

Der Schlüssel sei dabei der Sieg im Viertelfinale gegen die weißrussische Spielerin Victoria Azarenka gewesen. "Als ich das Match gegen Azarenka und dann hier im Finale den ersten Satz gewonnen habe, wusste ich, dass ich eine wirklich gute Spielerin bin und das auch auf den größten Courts zeigen kann."

Kerber hat im Laufe des Turniers zu sich selbst gefunden. Und plötzlich war ihr Tennis angstfrei. Ganz so, als ob sie verstanden hätte, dass die Welt in einigen segensreichen Momenten manchmal eben doch weniger kompliziert ist, als es auf dem ersten Blick den Anschein hat.

Beinahe noch überraschender war der Sieg der deutschen Handball-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Polen.

Was war da eigentlich plötzlich los?

Bei den Olympischen Spielen in London 2012 war die deutsche Herrenauswahl gar nicht dabei, hatte die Qualifikation verpasst. Und die EM 2014 fand zum bis dato ersten Mal ohne deutsche Beteiligung statt, weil das DHB-Team in der Qualifikation an den sagenumwobenen Handball-Großmächten Tschechien und Montenegro gescheitert war. Zum Vergleich: Der Deutsche Handballbund hat 800.000 Mitglieder, ganz Montenegro 620.000 Einwohner.

Vor dem Turnier war die DHB-Mannschaft von Trainer Dagur Sigurdsson radikal verjüngt worden. Mit Torwart Carsten Lichtlein war nur noch ein Spieler im Kader, der 2007 Weltmeister geworden war. Die Mannschaft avancierte im Schnitt zur jüngsten des gesamten Turniers. Nicht wenige glaubten, dass Deutschland schon in der starken Vorrundengruppe an den Gegnern Spanien, Schweden und Slowenien scheitern würde.

Dramatische Spiele

Und die Kritiker des DHB klatschten sich vor Schadenfreude in die Hände, als dann tatsächlich das erste Spiel gegen Spanien verloren ging.

Sigurdsson stellte noch einmal das Team um – und plötzlich wuchs mit jedem Spiel die Courage der jungen Mannschaft. Besonders dramatisch war das Spiel gegen Norwegen im Halbfinale, das mit einem Sieg nach Verlängerung endete. Höhepunkt war der souveräne Finaltriumph gegen die viel erfahrenere Auswahl aus Spanien.

Ohne dem Sport zu viel Bedeutung zurechnen zu wollen – aber Deutschland kann von seinen jungen Sportlern einiges lernen.

Zum einen, dass wirklich große Dinge Zeit brauchen. Weder die Handballer noch Angelique Kerber haben ihre Erfolge auf Anhieb geschafft, und das ist eine Nachricht wert in dieser Zeit, wo die Diskussion um das Gemeinsame von trommelnder Ungeduld geprägt ist.

Zum anderen: Es mag zwar so sein, dass die Angst vor der Zukunft derzeit attraktiver und stärker zu sein scheint als viele der positiven Entwürfe und Visionen. Nicht umsonst haben derzeit diejenigen Zulauf, die mit furchtbesetzten Argumenten für sich werben. Aber nur, wenn wir es schaffen, die Angst vor dem Kommenden zu besiegen, sind wir in der Lage, etwas Besonderes zu schaffen.

Und das wären weitere gute Nachrichten, mit denen derzeit nicht unbedingt jeder rechnen würde.

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