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Sloterdijk rechnet mit Merkel ab: "Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung"

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MERKEL
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Tausende Flüchtlinge kommen jede Woche nach Deutschland - und treiben Behörden, Bürger und Politiker an den Rand ihrer Kräfte. Die Gruppe derer, die die Grenzen dicht machen wollen, wird zunehmend größer.

Sie haben nun einen prominenten Vertreter mehr. Es ist der Philosoph Peter Sloterdijk. Mit überraschend scharfen Worten rechnet er mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin ab. Überraschend deswegen, weil Sloterdijk eigentlich ein Verfechter des liberalen Lagers war.

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In dem Interview mit dem Magazin "Cicero" bezeichnet er Merkels Politik einen "Akt des Souveränitätsverzichts" - und schwärmt vom Nationalstaat, dem er ein "langes Leben" vorhersagt.

Wir haben die sieben spannendsten Aussagen von Sloterdijk herausgesucht.

1. Sloterdijk erwartet, dass Merkel ihre Flüchtlingspolitik ändert. "Die Politik der offenen Grenzen kann final nicht gut gehen. Merkel wird zurückrudern."

2. Die deutsche Regierung habe sich "in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben. Diese Abdankung geht Tag und Nacht weiter."

3. In Deutschland herrsche ein überholtes Verständnis von Grenzen. Man glaube immer noch, „eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten“. Innerhalb Europas schere Deutschland damit aus.

4. Sloterdijk erwartet, dass die Europäer früher oder später eine effiziente gemeinsame Grenzpolitik entwickeln werden. "Es gibt schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung."

5. Dem Nationalstaat prophezeit Sloterdijk „ein langes Leben“. Er sei das einzige politische Großgebilde, das bis zur Stunde halbwegs funktioniere. „Als lockerer Bund hat die EU mehr Zukunft, als wenn sie auf Verdichtung setzt.“

sloterdijk
Philosoph Sloterdijk

6. Migration sei das Megathema des 21. Jahrhunderts, sagte Sloterdijk: "Zwei Milliarden Menschen werden von ländlichen Gebieten in die urbanen Ballungsräume ziehen, eine Milliarde Menschen werden versuchen, aus den Armutszonen in den Wohlstandsraum zu gelangen."

7. Kritik übt der Philosoph auch am Zustand der Medien wie der Politik im allgemeinen. „Der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Kriegs nicht mehr.“ Im Journalismus trete die „Verwahrlosung“ und die „zügellose Parteinahme allzu deutlich hervor“. Das Bemühen um Neutralität sei gering, „die angestellten Meinungsäußerer werden für Sich-Gehen-Lassen bezahlt, und sie nehmen den Job an.“

Das Interview rief teils scharfe Reaktionen hervor. Die "Welt" kommentierte das Interview etwa wie folgt:

"Sloterdijk fehlt die Fantasie, in der disruptiven Migrationstragödie ein Momentum zur Neudefinition des Landes zu erkennen. Das ist bitter, weil die großen Denker entweder weltfremde Sonntagspredigten halten wie Habermas oder nun den vorherrschenden Stammtisch veredeln. Auf das "Wir schaffen das" kommt einfach nur ein: Nö. Wirklich interessiert hätte einen aufrechten, ja militanten Sloterdijk-Fan, wie sein "So schaffen wir das" aussähe."

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