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Zahlreiche angebliche Vergewaltigungen durch Flüchtlinge in den vergangenen Monaten waren nur erfunden

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KLN
Silvester-Übergriffe in Köln. | Getty
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Es war eine Meldung, die bundesweit für Schlagzeilen sorgte: Ein 13-jähriges Mädchen aus Berlin-Marzahn behauptete von mehreren Männern mit "südländischem Aussehen" entführt und mehrfach vergewaltigt worden zu sein. Die Eltern stellten eine Vermisstenanzeige bei der Polizei.

Doch es dauerte nicht lange, bis die Polizei die Geschichte vom angeblich 30 Stunden andauernden Martyrium als Räuberpistole enttarnte. Mittlerweile ist klar: Das Mädchen war nur ausgerissen. Ein Bekannter der 13-Jährigen bestätigte am Freitag, dass sie zur fraglichen Zeit bei ihm war.

In sozialen Medien war die Meldung zu diesem Zeitpunkt allerdings schon massenhaft geteilt worden. Selbst der Kreml mischte sich in dieser Woche in den Fall ein.

Nicht nur in Berlin heizten in den vergangenen Wochen und Monaten angebliche sexuelle Übergriffe von Migranten auf einheimische Frauen die Stimmung gegen Flüchtlinge auf. Doch nun wird immer klarer: In einer Vielzahl von Fällen wurden Migranten oder Flüchtlinge zu Unrecht schwerer Sexualstraftaten wie Vergewaltigung beschuldigt. Das ergab eine deutschlandweite Auswertung diverser Polizeimeldungen durch die Huffington Post sowie Anfragen der Huffington Post bei mehreren Polizeipräsidien und Staatsanwaltschaften.

Über ein Dutzend Städte betroffen

Der Staatsanwaltschaft Köln zufolge war zumindest einer der gemeldeten sexuellen Übergriffe an Silvester am Bahnhof der Domstadt schlicht erfunden. „In einem Fall hat die Polizei festgestellt, dass die angezeigte Sexualstraftat so nicht stattgefunden hat“, sagte ein Sprecher am Freitagnachmittag der Huffington Post. Details zum Fall nannte der Staatsanwalt nicht.

Ob weitere Straftaten in dieser Nacht schlicht erfunden waren, könne er nicht sagen. „Bislang hat uns die Polizei nur diesen einen Fall gemeldet.“ Die Kölner Polizei war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Für Aufsehen sorgte auch der Fall einer 15-Jährigen aus Mönchengladbach. Das Mädchen soll am vergangenen Dienstag im Stadtzentrum vergewaltigt worden sein. Verdächtigt wurde ein Mann mit Migrationshintergrund. Die Polizei glaubte dem Mädchen zunächst.

Mitunter hieß es in den Medinberichten sogar, der Täter sei ein Flüchtling. In der vergangen Woche gab die Polizei dann bekannt: Das Mädchen hatte die Vergewaltigung erfunden.

Kriminaler überrascht das nicht: Es sei „nach den Ereignissen in Köln wenig verwunderlich, dass es Trittbrettfahrer gibt“, sagt ein Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) auf Anfrage. Und auch Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), ist sich sicher: „Zahlreiche der angezeigten angeblichen Sexualstraftaten von Flüchtlingen sind erfunden.“

So würden etwa Rechtsradikale falsche Verdächtigungen erheben. „Unsere Beamten wissen das aber natürlich auch und erkennen solche Fälle in der Regel“, versichert Wendt.

So etwa jüngst in Sachsen. Pegida hatte Ende Oktober die angebliche Vergewaltigung einer 29-jährigen Dresdnerin durch Flüchtlinge für ihre Zwecke missbraucht. Doch es dauerte nicht lange, bis die Polizei das vermeintliche Opfer ins Visier nahm. Die Frau hatte im Laufe der Ermittlungen einräumen müssen, die Tat nur erfunden zu haben.

Und im Sommer vergangenen Jahres hatte die Dortmunder Polizei aufgrund einer angeblichen Vergewaltigung sogar eine Täterbeschreibung an die Medien gegeben. Darin hieß es: „Nach Angaben des Opfers hatten beide Täter ein südländisches Aussehen." Sie hätten sich in einer für die Frau unverständlichen Sprache unterhalten, "eventuell türkisch oder albanisch.“

So ging die Geschichte auch durch die Medien. Dumm nur: Die Frau hatte die Schreckenstat, wie die Polizei später feststellte, frei erfunden. Doch das Bild vom lüsternden Ausländer hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon für diverse Zeitungsleser gefestigt. Dass die Anzeige auf einer Falschaussage beruhte, dürften die wenigsten von ihnen mitbekommen haben.

Flüchtlinge in Bayern unschuldig hinter Gittern

Ende Dezember kam heraus, dass die angeblich versuchte Vergewaltigung einer Frau durch drei Flüchtlinge im oberbayerischen Holzkirchen nie stattgefunden hat. Die drei Männer wurden bereits aus der Untersuchungshaft entlassen. Jetzt ermittelt die Polizei gegen die Frau wegen Vortäuschung einer Straftat und Freiheitsberaubung.

Aus Sicht von Polizeigewerkschafter Wendt sind „auch Gerüchte und falsche Behauptungen über angebliche Übergriffe von Flüchtlingen im Internet ein zunehmendes Problem“. Im Dezember ermittelte die bayerische Polizei einen 22-Jährigen, der auf Facebook behauptet hatte, Flüchtlinge hätten eine Treuchtlingerin vergewaltigt. Doch die Geschichte war erstunken und erlogen.

Auch in Lindau sorgte eine erfundene Vergewaltigung für böses Blut: Flüchtlinge arabischer und afrikanischer Abstammung hätten gemeinsam eine Frau vergewaltigt, so der erlogene Vorwurf.

Asylbewerber sollen nach Vergewaltigung Ohr abgeschnitten haben

In Donaueschingen machte eine besonders gruselige Geschichte die Runde. Ein Asylbewerber habe dort eine Frau vergewaltigt und ihr ein Ohr als Trophäe abgeschnitten. Auch hier klärte die Polizei das Lügenmärchen rasch auf.

Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd warnte in der vergangenen Woche vor falschen Facebook-Berichte über angebliche Vergewaltigungen durch Flüchtlinge.

Oft wird im Netz gleich auch behauptet, die Behörden vertuschten die Fälle schlicht. So etwa in Schweinfurt: In der fränkischen Stadt hatte eine Frau via Facebook die Lüge kolportiert, fünf bis sieben Syrer hätten eine 17-Jährige abwechselnd vergewaltigt.

Das Opfer kämpfe ums Überleben, die Ärzte hätten ihr einen künstlichen Darmausgang gelegt, hieß es in dem Post. Auch rief die Frau zur Teilnahme an Pegida-Demonstrationen auf.

Eine erfundene Vergewaltigung hatte in Nordhausen bereits 2015 für Schlagzeilen gesorgt. In Kleve wurde online sogar vermeldet, dass mehrere acht- bis zehnjährige Mädchen von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden seien. Auch hier stellte die Polizei fest, dass die Behauptungen frei erfunden waren. Der Staatsschutz ermittelt.

Fingierte Berichte im Netz über angebliche Vergewaltigungen durch Asylsuchende gab es auch noch in diversen anderen Städten wie Detmold, Stuttgart oder Gießen.

Polizei wird für echte Ermittlungen blockiert

Migranten werden mitunter auch ganz andere Straftaten angedichtet: So hatte etwa eine 35-jährige Allgäuerin Mitte Januar dieses Jahres eine Anzeige gegen Unbekannt erstattet und behauptet, sie sei von einer Gruppe Ausländer mit einem Messer bedroht, geschlagen und ausgeraubt worden. Doch die Polizei stellte rasch fest, dass die Tat in der geschilderten Form nicht stattgefunden haben könne.

In diesem Fall waren nach Polizeiangaben mehr als 180 Stunden an Ermittlungsarbeit erforderlich, so ein Sprecher. Die Arbeit der Beamten in anderen Fällen habe in dieser Zeit zurückstehen müssen.

In Thüringen verbreiteten Unbekannte, dass Flüchtlinge besonders viel klauen würden. Doch auch sie blieben den Beweis schuldig.

„Am Ende schaden erfundene Sexualdelikte allen“, sagt Polizeiexperte Wendt. Ungerechtfertigte Anzeigen würden anderweitig notwendige Kapazitäten der Ermittler binden. Doch am Schlimmsten trifft es wohl die Flüchtlinge selbst. Sie werden für Dinge vorverurteilt, die niemand begangen hat.

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