POLITIK
29/01/2016 15:44 CET | Aktualisiert 29/01/2016 17:39 CET

Oxford-Ökonom: Merkel ist schuld an der Flüchtlingskrise

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Weltweit wird Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihre Flüchtlingspolitik gelobt. Doch hat sie tatsächlich so umsichtig und menschenfreundlich gehandelt? Merkel habe niemanden gerettet, sondern "Tote auf dem Gewissen", glaubt der Ökonom und Oxford-Professor Paul Collier. Das sagte er der "Welt". Seiner Meinung nach ist die Kanzlerin für die Asylkrise verantwortlich.

Der Migrationsforscher unterscheidet klar zwischen Flüchtlingen aus gescheiterten Staaten wie Syrien, die überleben wollen, und Flüchtlingen aus armen Ländern, die ihr Glück in der westlichen Welt suchen wollen. Letztere seien "eine gewaltige Masse", die "kaum noch steuerbar" sei.

Ein Grund sei, dass auch weitere Länder instabil seien. Wie der ehemalige Weltbank-Ökonom Serge Michailof glaubt Collier, die Region südlich des Äquators mit Ländern wie Mali und Niger könne zum "nächsten Afghanistan" werden.

"Durch ihre Kommunikation hat sie aus Flüchtlingen erst Migranten gemacht."

Collier stellt es als Fehler dar, dass Merkel offen gegenüber Zuwanderung sei. Damit hätte sie immer mehr Leute ermutigt, sich auf den Weg zu machen und sei Schuld an der Krise. "Bis zum vergangenen Jahr waren Flüchtlinge für Europa kein großes Thema", sagte er im Interview. "Durch ihre Kommunikation hat sie (Merkel) aus Flüchtlingen erst Migranten gemacht."

Sie habe damit ganz Europa ein "gewaltiges Problem" aufgebürdet, das sich nicht mehr einfach lösen lasse. Wie es sich zu Beginn seiner Meinung nach einfach lösen hätte können, lässt er offen.

"Deutschland hat keinen einzigen Syrer vor dem Tod gerettet"

Dabei zahle sich Merkels guter Wille nicht einmal aus: "Deutschland hat keinen einzigen Syrer vor dem Tod gerettet", sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Der Grund: Deutschland grenze an keinen Krisenstaat, die Menschen seien alle aus sicheren Drittländern gekommen.

Wer sich in Sicherheit bringen will, solle das künftig in den Nachbarstaaten seines Herkunftslandes tun. Seiner Meinung nach soll die Masse der Flüchtlinge auf die umliegenden Staaten abgewälzt werden. Im Fall Syrien wären Länder wie die Türkei, Jordanien oder der Libanon somit ganz allein verantwortlich für die Flüchtenden - eine Lösung, deren Folge wohl noch mehr Chaos wäre. Die Zustände in den Flüchtlingscamps der angrenzenden Länder waren für viele erst Grund zum Aufbruch Richtung Europa.

Doch Collier relativiert die Situation dort klar: Das Leben in diesen Aufnahmelagern sei "erträglich". Er behauptet, sich vor Ort im Libanon eine solche Unterkunft angesehen zu haben. Gleichwohl müssten die Schwellenländer unterstützen werden, wie es etwa Finanzminister Wolfgang Schäuble mit seinem "Marshallplan" beabsichtigt. Auch solle die deutsche Wirtschaft in den Anrainerländern Millionen Jobs schaffen, damit die Flüchtlinge nicht Richtung Westen weiterziehen.

"Deutschland hat trotz bester Absichten Tote auf dem Gewissen."

In seinen Anschuldigungen an Deutschland geht Collier noch weiter: Das Land habe "Tote auf dem Gewissen", weil viele Menschen Merkels Worte als Einladung verstanden und sich deswegen erst zur Flucht entschlossen hätten. Dass das Problem oft auch bei den Schlepperbanden liegt, die Bilder und Videos von Merkel manipulieren, erwähnt er nicht.

"Europa führt eine völlig falsche Debatte."

Sätze wie "Beim allmächtigen Gott: Ich werde alle Syrer beschützen" oder "Wir werden unseren Kindern erzählen, dass die irakischen und syrischen Flüchtlinge zu uns geflüchtet sind, obwohl Mekka näher liegt" werden ihr von den Profiteuren des Flüchtlingsstroms in den Mund gelegt. Angeblich verspricht sie jedem Flüchtling ein eigenes Haus und Arbeit - bei diesen Erwartungen ist es kein Wunder, dass immer mehr Flüchtlinge wieder aus eigenen Stücken aus Deutschland ausreisen.

Collier sucht die Fehler in der Vergangenheit - Grenzen und Zäune hält er als Lösungen aber dennoch nicht für geeignet. Europa führe eine "völlig falsche Debatte". Wenn die EU ihre Grenzen nicht sichern könne, müsse es eben jeder Einzelstaat tun. Tatsache ist: Grenzschließungen würden aber auch viele negative Folgen für Reise und Wirtschaft haben.

Außerdem muss es laut dem Ökonom ein "radikalen Schwenk in der Kommunikation" geben, entgegen einer Willkommensstrategie. Seiner Meinung nach sei das nicht nur nötig, damit in Zukunft nicht noch mehr Menschen aufbrechen, sondern auch, damit langfristig die Syrer zum Aufbau wieder in ihr eigenes Land zurückkehren. Für ihn ist klar: Bleiben soll keiner, der Integration gibt er ohne selektive Einwanderung (zum Beispiel nur von Familien) keine große Chance.

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