POLITIK
28/01/2016 15:44 CET | Aktualisiert 28/01/2016 16:28 CET

Wir alle sind radikal geworden - was die Flüchtlingskrise mit uns gemacht hat

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Am Mittwoch ist mir ein Fehler passiert. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erschrecke ich über mich selbst.

Denn auch ich habe den ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuern von "Moabit hilft" geglaubt, als sie das Gerücht in die Welt gesetzt haben, dass vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) ein syrischer Flüchtling derart lange in Kälte und Schneematsch auf seine Registrierung gewartet habe, dass er an den daraus resultierenden gesundheitlichen Folgen gestorben sei.

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Ich wohne wenige Hundert Meter vom Lageso entfernt, auf dem Heimweg fahre ich jeden Tag an dem Gebäudekomplex im Stadtteil Moabit vorbei. Die Zustände dort sind seit Monaten untragbar. Mich empört, wie der Berliner Senat mit Flüchtlingen umgeht. Und dass in meiner Nachbarschaft ein Ort existiert, an dem ein überfordertes Verwaltungssystem mit den Existenzen von Tausenden Menschen spielt.

"Moabit hilft" hielt sogar noch eine Pressekonferenz ab

Wahrscheinlich war ich deshalb allzu schnell bereit, die Geschichte zu glauben.

Mittlerweile steht jedoch fest, dass sich Dirk, einer der prominentesten und vertrauenswürdigsten Flüchtlingshelfer von Moabit, jedes perfide Detail dieses Dramas ausgedacht hat. Es hat nie einen 24-jährigen Syrer gegeben, der mit Schüttelfrost und hohen Fieber ins Krankenhaus gefahren werden sollte und auf dem Weg in die Klinik verstorben ist.

Der gut vernetzte und bisher tadellos arbeitende Verein "Moabit hilft" hatte sogar noch am Mittwochnachmittag eine Pressekonferenz organisiert, auf der alle Beteiligten ihre Fassungslosigkeit über den angeblichen Tod des jungen Mannes zum Ausdruck brachten.

Was die Lüge sollte, ist unbekannt

Dirk hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon zurückgezogen und war für niemanden zu sprechen. Am Abend gestand er der Polizei die Lüge.

Stellungnahme:Nach der Befragung Dirks durch die Polizei heute Abend ist davon auszugehen, dass die Geschichte vom Tod...

Posted by Moabit hilft on Mittwoch, 27. Januar 2016

Man muss dazu wissen: Über Monate hatte Dirk wichtige Arbeit geleistet, sich aufgeopfert und vielen anderen Menschen das Leben ein Stück besser gemacht. Dirk selbst hat sich noch nicht zu seinen Motiven geäußert. Manche sehen in der Tat ein Indiz für die seelische Überlastung der Freiwilligen. Aber auch das wäre zum jetzigen Zeitpunkt nichts weiter als Spekulation.

Fest steht: Wer ihm gestern geglaubt hat, steht heute wie ein Depp da.

Aber an dieser Stelle darf die Erkenntnissuche nicht aufhören. Denn es ist mehr als die Scham über den Irrtum von gestern, was uns heute beschäftigen sollte.

Der "Tagesspiegel" schreibt in seiner Donnerstagsausgabe vollkommen zutreffend: "So verworren der Fall ist, eine Erkenntnis gibt es. Niemand – nicht die Politik, nicht die Helfer, nicht die Presse – hat den Tod eines Menschen am Berliner Lageso auch nur einen Moment lang für unwahrscheinlich gehalten."

Wir alle radikalisieren uns gerade

Und das hat nicht nur mit den unhaltbaren Zuständen am Lageso zu tun. Sondern auch mit der Radikalisierung der ganzen Gesellschaft, die derzeit stattfindet.

Viele wollten eben glauben, dass mitten in Berlin ein Mensch den Kältetod sterben muss, weil die Behörden versagt haben. Es wäre die restzweifelfreie Bestätigung für alle Befürchtungen und auch Vorurteile gewesen, die viele eher links oder humanistisch denkende Menschen derzeit in sich tragen.

Genauso, wie viele "Asylkritiker" die Übergriffe von Köln als Beleg für ihre Ängste vor einer Überforderung Deutschlands mit den "Flüchtlingsmassen" verstanden haben. Obwohl es nach heutigem Ermittlungsstand sehr unwahrscheinlich ist, dass die Taten überwiegend von Menschen begangenen wurden, die seit vergangenem Sommer in Deutschland um Asyl gebeten haben.

Wo ist die Empathie in Deutschland?

So entstehen auf beiden Seiten ganz eigene Erklärungsuniversen, in denen die Realität so lange zurechtgedengelt wird, bis sie wie ein Nachweis für das eigene Weltbild aussieht.

Verloren gegangen ist uns dagegen die Fähigkeit zum mitfühlenden Denken. Oder, sie es der amerikanische Wahlkampfmanager Mark Salter in der neuen Ausgabe des "Esquire" schreibt: "Ich habe immer Leuten misstraut, die ihre eigenen Annahmen und Meinungen nicht an den Argumenten ihrer Kritiker geprüft haben. Ich glaube, dass Empathie der Ausgangspunkt jeder Weisheit ist."

Reden wir nur noch übereinander statt miteinander?

Und in einer Demokratie muss das auch so sein. Sonst versinkt jede Debatte in einem Qutaschi-Quatschi-Klima, in dem wir nur noch übereinander, aber nie miteinander reden.

Noch haben wir die Chance, unsere eigenen Reflexe kritisch zu hinterfragen und damit auch der eigenen Radikalisierung entgegenzuwirken.

Für mich war die Nachricht vom Lageso ein guter Anlass, genau das zu tun.

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