POLITIK
28/01/2016 13:21 CET

Wie ist es nur möglich, dass die Deutschen wieder eine Religion hassen?

Getty Images

Ganz ehrlich: Ich habe zum ersten Mal Angst, in diesem Land zu leben.

Das klingt auch deswegen ein wenig verrückt, weil es Deutschland derzeit an wenig mangelt. Die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit 1991 nicht mehr, die Renten werden in diesem Jahr so kräftig erhöht wie seit Jahrzehnten nicht mehr und auch die Löhne steigen. Man könnte meinen: Den Deutschen geht es derzeit ziemlich gut.

Und doch erleben wir in Deutschland eine Renaissance des Menschenhasses.

Als vor genau 20 Jahren der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ eingeführt wurde, sprachen wir darüber im Geschichtsunterricht. An jenem 27. Januar 1996 waren an meinem nordhessischen Landgymnasium ausnahmslos alle der Meinung, dass sich so etwas wie der NS-Zeit nie mehr wiederholen könnte.

Wir glaubten alle, gelernt zu haben

Wir hatten ja alle gelernt aus der Vergangenheit. Und wir würden doch wissen, wohin uns gruppenbezogene Menschenverachtung hinführt. Besonders dann, wenn sie durch so etwas Giftiges wie religiöse Vorurteile befeuert wird.

Darüber hinaus waren wir der festen Überzeugung, dass wir zu Großvaters Zeiten allesamt dem Widerstand angehört hätten.

Wir hatten nicht verstanden, wie komplex die gesellschaftliche Dynamik gewesen sein muss, die zum Nationalsozialismus geführt hatte. Wie Familien gespalten und Freundeskreise zerrissen wurden, weil sich eine Gesellschaft erst schleichend und später dann rasend schnell radikalisierte.

Wir konnten nicht mehr nachvollziehen, was für eine verführerische Kraft damals auf die Menschen gewirkt haben muss. Die Schulbücher erklärten das alles mit Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit. Und wir dachten: So lange wir keine Weltwirtschaftskrise und keine Massenarbeitslosigkeit haben, gibt es auch keine Nationalsozialisten mehr.

Doch so einfach ist es eben nicht.

Antisemitismus ist immer noch ein Problem

Auch heute sehen sich Menschen in Deutschland millionenfach geäußerten Vorurteilen ausgesetzt, nur weil sie einer religiösen Minderheit angehören. Und das in Zeiten, in denen die Arbeitslosigkeit historisch niedrig ist und die Löhne steigen.

Der Antisemitismus ist in Deutschland nie ganz verschwunden. Zu meiner Schulzeit äußerte er sich vor allem in dem Vorurteil, dass „die Juden“ nicht kritisiert werden dürften und dass der Gedenktag für die Opfer der NS-Diktatur ein weiteres Instrument sei, um uns Deutsche „bis in alle Ewigkeit“ mit unserer Schuld zu konfrontieren.

Politiker des linken Spektrums haben sich damals sehr glaubwürdig von antisemitischen Umtrieben distanziert. Heute ist das anders. Um das festzustellen, muss man nur mal eine der zahlreichen so genannten „Friedensdemos“ besucht haben, wo bisweilen wirre Verschwörungstheorien über die Familie Rothschild verbreitet werden.

Der Islamhass durchbricht gerade sämtliche Grenzen

Wie alltäglich Antisemitismus in Deutschland immer noch ist, zeigt auch der sehenswerte Tagesthemen-Kommentar von Tamara Anthony. Die Journalistin wurde im piekfeinen Hamburger Stadtteil Pöseldorf von einem Anzugträger mit dem Statement konfrontiert, dass „alle Juden vergast“ werden müssten. Anthony ist selbst Jüdin.

Weitaus dynamischer entwickelt sich jedoch derzeit der Islamhass in Deutschland. Vor allem, seitdem hunderttausende Asylbewerber muslimischen Glaubens nach Deutschland kommen.

Seit der Flüchtlingskrise nämlich sind die Ausländerfeinde in Deutschland erstmals seit Jahrzehnten über alle politischen Lagergrenzen hinweg anschlussfähig geworden. Sie nutzen die Angst der Menschen vor „Masseneinwanderung“ von Muslimen aus, um ihre eigenen politischen Ziele zu verfolgen.

Es geht den Hetzern darum, die Verfassung zu beseitigen

Deswegen gehen heute wieder Risse durch Familien, durch Freundschaften, durch Beziehungen.

Und wir sollten uns nichts vor machen: Es geht den ausländerfeindlichen Hetzern darum, das demokratische System zu destabilisieren. Denn so lange es das Grundgesetz gibt, sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Und das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was ein Rassist will.

Auch deshalb trommelt die nunmehr rechtsradikale AfD zum gewaltsamen Kampf gegen "Links", und genau aus diesem Grund verbreitet Beatrix von Storch nationalistisch-verschwörerische Umsturzfantasien von einer Kanzlerin, die nach Chile fliehen muss. Der "Alternative für Deutschland" geht es darum, die Bundesrepublik zu einem anderen Land zu machen.

Die Debatte von Köln zeigt, wie weit verbreitet anti-muslimische Klischees sind

Wie weit verbreitet anti-muslimische Vorurteile sind, haben die Übergriffe in der Silvesternacht von Köln gezeigt. Warum glauben wir denn mittlerweile ohne größeres Nachdenken wirklich daran, dass eine ethnische Vorprägungen für Verbrechen wie diese verantwortlich ist?

Kriminologen sagen seit Jahrzehnten, dass das nicht stimmt. Viel wichtiger sei das soziale Umfeld, in dem ein Mensch sich bewegt. Dort entscheide sich, ob ein Mensch kriminell wird oder nicht – und damit haben wir selbst auch eine Verantwortung, ob Asylbewerber und sonstige Zuwanderer kriminell werden oder nicht. Aber das dringt derzeit schon gar nicht mehr durch.

Zu voll sind die Köpfe bereits mit angeblich „aus der Praxis“ bestätigten Vorurteilen über „minderwertige, wilde, verschlagene, aggressive, geile und undisziplinierte“ muslimische Männer.

Die Schweizer "Weltwoche" fand es Mitte Januar treffend, all diesen Unsinn in Form einer Karikatur auf das Titelbild zu heben.

So kippt die Stimmung derzeit. Aber das muss nicht das Ende sein.

Denn noch haben wir die Chance, uns gegen die ständige Wiederholung der alten Fehler zu wehren. Die Flüchtlingskrise hat nämlich auch gezeigt, dass es die stabile Zivilgesellschaft noch gibt. Dass sich Millionen von Menschen in diesem Land nicht von rassistischen und religionsfeindlichen Parolen haben beirren lassen und ihren Teil dazu beigetragen haben, dass Integration funktioniert.

Und dort müssen wir weitermachen. Wir dürfen die Diskussion nicht jenen überlassen, die immer schon alles besser gewusst haben. Natürlich wird es Probleme geben. Aber es hat ja auch keiner behauptet, dass es einfach wird.

Angst kann am Ende auch eine Chance sein. Wenn man sich nicht von ihr treiben lässt.

Auch auf HuffPost:

"Ich habe Angst": Familienvater unterbricht Merkel-Rede

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.


Gesponsert von Knappschaft