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Unheimliche Versammlung: Die wahre Identität der 700 Menschen vor dem Kanzleramt

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RUSSLANDDEUTSCHE
Unheimliche Versammlung: Die wahre Identität der 700 Menschen vor dem Kanzleramt | dpa
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"Wir leben in einem Staat, wo die Monster frei sind", schrieb ein Mann auf sein Schild. Damit stand er am Samstag vor dem Kanzleramt. Zusammen mit etwa 700 anderen Menschen.

In den Medien stieß die Aktion bisher auf wenig Aufmerksamkeit. Dabei könnte sie der Anfang einer unheimlichen Entwicklung sein.

Russlandexperte Boris Reitschuster warnte auf Facebook:

"Eine ganz normale Demonstration - das ist der Eindruck, wenn man die ganz wenigen bislang veröffentlichten Medienberichte über die Aktion vor dem Kanzleramt heute liest. Das führt aber in die Irre. Die offiziell vom 'Konvent der Russlanddeutschen' organisierte und von Neonazis unterstützte Kundgebung mit rund 700 Teilnehmern hatte genau die Handschrift der vom Geheimdienst organisierten ,Demos' in Russland.

Der Tenor: Die Deutschen hierzulande sind wegen ihrer Vergangenheitsbewältigung verweichlicht, jetzt müssen die echten Deutschen ran, die fernab der Bundesrepublik ihren Nationalstolz und das Germanische bewahrt haben."

Die Russlanddeutschen versammelten sich, um sich "gegen sexuelle Übergriffe von Flüchtlingen gegen Frauen und Kinder" zu protestieren. Der Anlass: Eine Fakemeldung, die auf rechten Seiten im Internet kursiert.

Angebliche Vergewaltigung eines Mädchens wird über russische Medien verbreitet

Nachdem am 11. Januar ein 13-jähriges Mädchen aus einer russlanddeutschen Familie in Marzahn-Hellersdorf kurzzeitig vermisst gemeldet worden war, kursierten schnell Gerüchte, dass sie von drei Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden sei. Die Berliner Polizei dementierte die Vorwürfe. "Fakt ist – nach den Ermittlungen unseres LKA gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung", erklärte ein Sprecher.

Im russischen Staatsfernsehen "Russia Today" und seinem deutschen Ableger sowie auf rechtsextremen Seiten in den sozialen Netzwerken wurde der Fall allerdings als Fakt hingestellt, unter anderem auch von der NPD. Die Geschichte wird aufgrund des angeblichen Vertuschungsversuchs seitens der deutschen Regierung und Polizei zu einem regelrechten Skandal aufgebauscht - und wurde schnell zum Spielball von Interessen.

Allianz von Russlanddeutschen und Rechten

Zu der Demonstration vor dem Kanzleramt hatte nun der "Internationale Kongress der Russlanddeutschen" aufgerufen - und protestierte Seite an Seite mit der "Bärgida" und anderen Rechtsextremen. Heinrich Groth, der selbsternannte "Führer" der Russlanddeutschen, sagte in seiner Ansprache: "Wenn die deutsche Regierung nicht realistische Änderungen vornehmen würde, müssen wir alles selbst ändern."

Die Versammlung, die um 14 Uhr begann, löste sich gegen 16 Uhr wieder auf. Nach Angaben der Polizei wurde gegen zwei Teilnehmer Verfahren eingeleitet - sie trugen bei der Veranstaltung ein Messer und ein Abwehrspray bei sich. Ansonsten verlief die Kundgebung ohne größere Zwischenfälle.

Die Demonstration war bereits der zweite Versuch: Schon am Montagabend hatten NPD-Mitglieder und Deutsch-Russen gemeinsam im Berliner Stadtteil Marzahn demonstrieren wollen. Laut Polizei war die Protestaktion nicht angemeldet und wurde aufgelöst, nun wird wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz ermittelt.

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