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24/01/2016 16:31 CET | Aktualisiert 29/01/2016 11:23 CET

Ex-Firmenbosse für bedingungsloses Grundeinkommen: Erst haben sie die Wirtschaft revolutioniert, jetzt unser Leben

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(GERMANY OUT) Demonstration für ein bedingungsloses Grundeinkommen unter dem Motto -Grundeinkommen ist ein Menschenrecht!- in Berlin (Photo by snapshot-photography/ullstein bild via Getty Images)

Ein festes Gehalt für jeden, auch ohne Arbeit - noch ist das Utopie. Lange wurden Verfechter wie “dm“-Gründer Götz Werner für ihren Standpunkt belächelt. Jetzt melden sich aber mehr Vertreter aus Wirtschaft und Politik als Befürworter der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens.

Wirtschaftsbosse als große Fürsprecher

Der neuste Fan des Sockel-Gehalts: Jan Bredack, ehemaliger Daimler-Manager, der aus dem Konzerngeschäft ausstieg und eine vegane Supermarktkette gründete. Im Interview mit der "Berliner Zeitung" sagte er:

"Zu wenig hat jeder, der keine 1000 Euro im Monat zur Verfügung hat."

So viel sollte seiner Meinung nach jeder Bürger bekommen. Deshalb brauche es ein bedingungsloses Grundeinkommen. Er sgt.

"Man sollte nicht arbeiten müssen, um überleben zu können, sondern, um sich in die Gesellschaft einzubringen."

Zuvor machte bereits Telekom-Chef Timotheus Höttges Schlagzeilen: Er forderte „unkonventionelle Lösungen“ für die Zukunft der digitalisierten Arbeitswelt, in der Arbeitsplätze wegfallen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen sei eine „Grundlage, um ein menschenwürdiges Leben zu führen“, so Höttges im Interview mit der "Zeit".

Prominente Unterstützung erhalten Werner, Bredack und Höttges auch von Bernd Leukert. Der SAP-Vorstand erklärte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" , dass von einem Grundeinkommen auch diejenigen profitieren würden, die weiterhin höhere Gehälter beziehen. Es sei nötig, damit die Gesellschaft nicht auseinanderbreche.

Leukert erklärte zudem, er sei der Meinung, dass man die Bedingungen für ein faires Einkommen nicht der Wirtschaft überlassen sollte. "Hier ist die Politik gefragt, den richtigen Rahmen zu setzen."

Zwei Länder können zu Vorreitern werden – und eine kleine Provinz

In anderen Ländern sind die Überlegungen für so ein Modell schon konkreter. Manche Wirtschaftsexperten halten zum Beispiel ein Modell, wie es zur Zeit in Finnland geprüft wird, für vorbildlich. In einer Umfrage befürworteten fast 70 Prozent der Finnen ein Grundeinkommen.

Und auch in der Schweiz könnte das Sockelgehalt bald Realität werden, wenn es nach den Initiatoren einer Volksabstimmung geht, die im Sommer 2016 ansteht. Dann entscheiden die Schweizer selbst, ob jeder auch ohne Arbeit einen Monatslohn bekommt.

Zuletzt meldete sich auch eine Region in Süditalien, die das Grundeinkommen auf eigene Faust einführen will.

Deutschland zieht nach – und redet immerhin darüber

Auch in Deutschland wird der unorthodoxe Vorschlag mittlerweile von den Bundestagsparteien diskutiert – wenn auch in sehr unterschiedlichen Versionen. Eine Arbeitsgruppe der CDU hat ein Modell erarbeitet, bei der 600 Euro im Monat für jeden gesichert sind, ohne dass insgesamt höhere Steuern notwendig werden. Bei der Linken und Teilen der SPD will man dagegen höhere Löhne und Hartz-4-Sätze durchsetzen.

Die Frage ist: Funktioniert’s?

Was trotzdem im Raum steht: die Frage der Umsetzbarkeit. Die Geister scheiden sich daran, ob ein Grundeinkommen die Arbeitsmotivation schwächen oder stärken würde.

Jan Bredack glaubt fest daran – allerdings geht er auch von sich aus. In dem aktuellen Interview mit der „Berliner Zeitung“ sprach er davon, dass er persönlich Macht teilen wolle und nicht mehr nach Reichtum strebe. "Ich hatte Geld, Sportwagen, Reisen. Das alles muss ich nicht mehr haben."

Eine wichtige Eigenschaft sei Eigeninitiative - Unehrlichkeit und Unselbstständigkeit wären dagegen fehl am Platz, ebenso zu große Gier. Er selbst habe ein Problem mit Jobbewerbern, denen es nur ums Geld gehe. Das sei für ihn ein "Killerkriterium", mit der Einstellung könne auch ein Grundeinkommen nicht funktionieren.

"Ich hatte Geld, Sportwagen, Reisen. Das alles muss ich nicht mehr haben."

Erfahrung aus der Praxis mit dem Sockelgehalt gibt es bisher wenig, aber der Berliner Michael Bohmeyer probierte es kurzerhand aus. Während in Deutschland noch über Sinn und Irrsinn eines solchen Modells diskutiert wird, hat er es für 26 Deutsche per Verlosung bereits zur Realität gemacht – mit seiner Crowdfunding-Plattform “Mein Grundeinkommen”. Bohmeyer will beweisen, dass das Modell auch flächendeckend für Deutschland funktionieren könnte.

Er selbst lebt ebenfalls vom Grundeinkommen und resümiert wie zu erwarten positiv: “Eigentlich dachte ich, ich würde mit dem Geld erstmal faul sein. Stattdessen habe ich einen Schaffensdrang, der mich selbst überrascht.” Er fühle sich frei und sorglos und habe den Kopf voller Geschäftsideen.

Wie drastisch sich das Leben mit 1000 sicheren Euro ändern kann, zeige auch die Geschichte eines Arbeitslosen. „Er hat endlich einen Arbeitsplatz gefunden, weil er keinen Druck mehr hatte, einen finden zu müssen“, sagt Bohmeyer im Gespräch mit der Huffington Post.

Dass Menschen tendenziell größere Bereitschaft zeigen, zu arbeiten, sobald sie bedingungsloses Grundeinkommen beziehen, bestätigt auch eine repräsentative Umfrage der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Menschen wären dann zum Beispiel auch bereit, die Jobs zu machen, die heute wenig Ansehen in der Gesellschaft genießen – und in genau diesen Bereichen herrscht zur Zeit oft Fachkräftemangel.

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