POLITIK
23/01/2016 14:47 CET | Aktualisiert 24/01/2016 15:00 CET

Auf dem Tempelhofer Feld: Berlin plant eigenen Stadtteil für Flüchtlinge

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Gegen die Entscheidung des Senats regt sich Widerstand

In Berlin braut sich etwas zusammen. Auf dem Tempelhofer Feld - Berlins riesiger unbebauter Freifläche, auf der ehemals ein Flughafen lag - soll nach dem Willen der Landesregierung Deutschlands größte Flüchtlingsunterkunft entstehen.

SPD und CDU wollen am Rand des Areals, das mitten in der Hauptstadt liegt, bis zu 7.000 Flüchtlinge unterbringen. Drei Jahre lang sollen die Asylsuchenden in den ehemaligen Flughafen-Hangars und in Hallen und Containern neben dem Flughafengebäude einquartiert werden.

Die Unterbringung von Flüchtlingen – sie ist ein schwieriges Thema. Auch in Tübingen, wo der Bürgermeister Hausbesitzern mit Geldstrafen droht:

Macht der Senat in Berlin seine Pläne wahr, entstünde nach aktuellem Stand die bundesweit größte Notunterkunft. Nirgendwo leben derzeit mehr Flüchtlinge auf einem Fleck. Auch Berlin hat nach Alternativen gesucht. Doch im vergangenen Jahr kamen fast 80.000 Flüchtlinge in die Hauptstadt. "Ab September konnten wir mit der Schaffung von Unterbringungskapazitäten nicht mehr Schritt halten", erklärt Sozialstaatssekretär Dirk Gerstle.

Im Oktober wurde dann schon der erste Hangar belegt. Inzwischen leben im Flughafengebäude 2.500 Menschen. Sie schlafen in Stockbetten, notdürftig abgetrennt mit Messe-Stellwänden. Eine Zeit lang gab es nicht einmal Duschen, die Flüchtlinge wurden in Schwimmbäder gefahren.

Georg Classen vom Berliner Flüchtlingsrat spricht von "katastrophalen Zuständen" auf dem Tempelhofer Feld. "Die Menschen können nachts nicht schlafen, werden krank", sagt er. Zugleich kosteten die zwei Quadratmeter, die jeder Flüchtling Platz habe, das Land 1100 Euro Miete pro Monat. "Das ist die größte, schlechteste und wahrscheinlich auch teuerste Flüchtlingsunterkunft in Berlin", kritisiert Classen.

"Wir wissen alle, dass Tempelhof kein Ort ist, an dem Flüchtlinge für viele Monate leben sollten", sagt auch Flüchtlings-Staatssekretär Dieter Glietsch. Ankommen sollen sie hier, registriert werden - und möglichst schnell in normale Gemeinschaftsunterkünfte umziehen. Doch eben davon gibt es nicht genügend. Viele Flüchtlinge leben seit drei Monaten im Hangar.

Ihre Situation werde durch die geplanten Unterkünfte auf dem Tempelhofer Feld deutlich verbessert, heißt es beim Senat. "Es geht genau darum, diese Stresssituation zu entzerren." Doch dafür muss nach Ansicht von Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler von der SPD ein richtiger Stadtteil für Flüchtlinge entstehen, mit Kinderbetreuung, Ärzten, Freizeitgestaltung. Eine ursprünglich geplante Flüchtlings-Schule wurde verworfen. "Integrationspolitisch ist es besser, die Kinder zu verteilen", sagt Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles.

In der Bevölkerung regt sich allerdings Widerstand gegenüber den Plänen der Regierung: Man könne den Politikern nicht vertrauen, dass die Unterkünfte nur zeitlich befristet errichtet würden, betonten Unterstützer der Initiative "100% Tempelhofer Feld".

In einem Volksentscheid hatte die Initiative 2013 erreicht, dass die große Freifläche mitten in Berlin nicht bebaut werden darf. Jetzt solle das von Bürgern beschlossene Gesetz durch die Hintertür ausgehebelt werden.

Auch die Opposition ist von den Plänen nicht überzeugt. "Tempelhof ist eine reine Verzweiflungsstrategie", sagt Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek. "Solche Massenunterkünfte sind die größte Integrationsbremse, die es überhaupt gibt." Die Linken befürchten eine "Ghettoisierung". Also genau das, was nach den Ereignissen aus der Silvesternacht von der Politik eigentlich verhindert werden wollte.

Auch bei Architekten sorgt der Plan für Kopfschütteln. Der Platz auf dem betonierten Vorfeld werde verschwendet, eigentlich brauche man keine zusätzlichen Flächen, sagt Wilfried Wang von der renommierten Akademie der Künste. "Wenn ich einen Entwurf dieser Art im ersten Semester sehen würde, ich würde den Studenten nach Hause schicken."

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