WIRTSCHAFT
22/01/2016 11:38 CET | Aktualisiert 25/01/2016 15:12 CET

Das passiert, wenn Menschen jeden Monat 1000 Euro bekommen, ohne arbeiten zu müssen

gpointstudio via Getty Images
Michael Bohmeyer

Christoph saß beim Abendessen mit seiner Freundin, als er erfuhr, dass sich sein Leben drastisch ändern würde. Eigentlich hatte er längst vergessen, dass noch am selben Abend ein sogenanntes bedingungsloses Grundeinkommen verlost wird. Doch seine Freundin erinnerte ihn, und er schaute schließlich im Internet nach: Dort stand es: Er hatte gewonnen.

Der 27-Jährige ist einer von 25 Menschen, die bislang das bedingungslose Grundeinkommen bei der Berliner Initiative „Mein Grundeinkommen“ gewonnen haben. 1000 Euro im Monat – für ein ganzes Jahr, ohne etwas dafür tun zu müssen.

So lautet das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens, das weit mehr ist als eine Berliner Träumerei. In Ländern wie Finnland und der Schweiz wird das Konzept ebenso heiß diskutiert, wie in Deutschland.

Die Idee: Würden wir alle Sozialleistungen abschaffen und allen Menschen monatlich einen festen Betrag auszahlen, wäre das angeblich nicht viel teurer. So weit die Theorie.

Aber mit der Theorie wollte sich der Gründer Michael Bohmeyer nicht zufrieden geben. Er startete eine Crowdfunding-Kampagne, über die er etwa 300.000 Euro einsammelte, genug, um 25 Menschen ein regelmäßiges Einkommen zu überweisen. Einfach so. Bedingungslos. Man braucht nur ein wenig Glück.

Bei „Mein Grundeinkommen“ entscheidet das Los, wer das Geld für ein Jahr bekommt. Jeder darf mitmachen und bekommt im Fall eines Gewinnes die Chance, das eigene Leben und seinen Beruf zu hinterfragen und völlig neu zu denken. Vorausgesetzt, ihm reichen 1000 Euro zum Leben.

Bohmeyer ist 32 Jahre alt und lebt in Berlin-Kreuzberg. Er ist oft barfuß und mit einem Jutebeutel unterwegs, den er sich lässig über die Schulter hängt. Ein Hipster-Typ. Er selbst ist Inhaber eines Internet-Startups, das ihm monatlich etwa 1000 Euro einbringt.

Ihn treibt die Frage an, was ein bedingungsloses Grundeinkommen mit den Menschen macht. Wie sie entscheiden, wenn ihre finanzielle Existenz wenigstens zum Teil gesichert ist.

Ich mache mir keine Sorgen mehr, wo mein Geld herkommt.

Gewinner Christoph hat bislang in einem Call-Center gearbeitet. Das Grundeinkommen hat ihm die Freiheit und den Mut gegeben, endlich das zu tun, was er sich zuvor nie traute: Er studiert Pädagogik.

„Ich bin wahnsinnig glücklich und fühle mich voller Tatendrang, vor allem da ich weiß, dass ich jetzt die Sachen angehen kann, die mir am Herzen liegen und ich mir keine Sorgen machen muss, wo am Monatsanfang das Geld auf meinem Konto herkommen soll“, sagt der 27-Jährige.

Wie drastisch sich das Leben mit 1000 sicheren Euro, die an keine Arbeitsleistung gebunden sind, ändern kann, zeigt auch die Geschichte eines Arbeitslosen. „Er hat endlich einen Arbeitsplatz gefunden, weil er keinen Druck mehr hatte, einen finden zu müssen“, sagt Gründer Bohmeyer im Gespräch mit der Huffington Post.

Dass Menschen tendenziell größere Bereitschaft zeigen, zu arbeiten, sobald sie bedingungsloses Grundeinkommen beziehen, bestätigt auch eine repräsentative Umfrage der Johannes-Kepler-Universität in Linz.

Das Ergebnis: Im Bevölkerungsdurchschnitt würde sich Arbeitsangebot um 2,4 Wochenstunden pro Person erhöhen. Einerseits wären Menschen bereit auch die Jobs zu machen, die heute wenig Ansehen in der Gesellschaft bekommen. Andererseits würden Rentner, Arbeitslose, Hausfrauen und aus sonstigen Gründen nicht Erwerbstätige auch mehr arbeiten wollen, wenn es das bedingungslose Grundeinkommen geben würde.

Bohmeyer berichtet auch von Marc, dessen Geschichte kaum zu glauben ist: „Er litt an einer chronischen Darmkrankheit – Morbus crohn. Er bekam immer wieder Schübe, wenn er sich mit dem Sozialamt über seine Bezüge streiten musste.“ Als das bedingungslose Geld da war und eine neue finanzielle Unabhängigkeit ermöglichte, wurden die Symptome weniger.

Jeder kann gewinnen: Der Hartz-4-Empfänger, der Flüchtling, der Millionär.

Eine Sache ist Bohmeyer bei seiner Initiative besonders wichtig: Er möchte nicht zwischen armen und vermögenden Menschen unterscheiden. Jeder kann gewinnen, der Hartz-4-Empfänger, der Flüchtling aber auch der Millionär.

„Ich möchte keine Gesellschaft, in der die Bürokratie darüber entscheidet, welche Menschen es wert sind, unterstützt zu werden“, sagt der 32-Jährige. Schließlich könne auch ein Gutverdiener unzufrieden mit seiner Arbeit sein.

Eine Sache haben fast alle Gewinner gemein: Sie spenden Teile ihres Grundeinkommens wieder zurück in den Topf, aus dem neue Gewinner gezogen werden.

Kritiker entgegnen Bohmeyer, dass es den Deutschen doch gut gehe und sie von einem starken Sozialstaat aufgefangen würden, wenn sie Hilfe brauchen. Doch das ist für den Berliner kein Argument gegen das bedingungslose Grundeinkommen.

„Jeder Dritte hat psychische Leiden, jeder Fünfte ist in Deutschland armutsbedroht. Wir haben eine riesige Schere zwischen arm und reich“, sagt Bohmeyer.

Das bedingungslose Grundeinkommen soll bei diesen Problemen ansetzen und gleiche Voraussetzungen für alle schaffen. „In dieser neuen Freiheit könnten alle ihre Potenziale entfalten, ohne dass sie gezwungen werden, einer Arbeit nachzugehen, die sie unglücklich macht.“

Freiheit, das Leben so zu gestalten, wie man möchte: Das klingt erst einmal verlockend. Und so wird es in vielen Ländern Europas zum Thema.

Zum Teil sogar recht konkret: Als vielsprechend sieht Bohmeyer den Vorstoß in der Schweiz. Hier werden die Bürger im Sommer per Volksentscheid darüber abstimmen, ob das Grundeinkommen flächendeckend eingeführt wird.

Grundeinkommen würde das Ansehen vieler Menschen aufwerten.

Auch die finnische Regierung hat ein Pilotprojekt zum Grundeinkommen ins Leben gerufen, das voraussichtlich im Jahr 2017 starten soll.

In Deutschland sind solche Projekte noch in weiter Ferne. Zwar unterstützen Teile der Linkspartei und der Grünen Initiativen wie die von Bohmeyer. Aber konkrete Vorstöße und Petitionen verliefen in der Vergangenheit stets im Sande.

Bohmeyer hält das nicht von seiner Idee einer Gesellschaft ab, von einem Grundeinkommen für alle zu träumen. Er befürchtet auch nicht, dass die Menschen faul werden, sobald sie Geld bekommen, für das sie nicht gearbeitet haben.

„Ein Grundeinkommen würde das Ansehen der Menschen aufwerten, die bisher am Rande der Gesellschaft leben - und sie zurück in die Mitte der Gesellschaft holen. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Mensch gar nicht anders kann, als zu arbeiten. Weil er sich gesellschaftliche Teilhabe wünscht – und die geht nur über Tätigkeit.“

Mehr Informationen zu "Mein Grundeinkommen" findet ihr auf der Webseite.

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