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Diese Sätze prägen die Psyche deines Kindes

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Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, das Eltern auf der ganzen Welt befolgen. Je mehr ein Kind gelobt wird, so die verbreitete Vorstellung, desto stärker wird sich sein Selbstbewusstsein entwickeln und umso erfolgreicher wird es einmal im Leben sein.

Die meisten Eltern dürften überrascht sein, dass diese Annahme falsch ist. Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass es nicht das Lob an sich ist, das für die Entwicklung eines Kindes eine entscheidende Rolle einnimmt. Es ist vielmehr die Art des Lobes, die den Unterschied macht.

Falsches Lob kann erheblichen Schaden anrichten.

Die Art, wie wir mit unseren Kindern kommunizieren, wird eines Tages zu ihrer inneren Stimme werden. Deshalb ist es unerlässlich, sich darüber bewusst zu werden, welche Spuren unsere Worte bei Kindern hinterlassen.

Eltern aber auch Lehrer und andere Bezugspersonen im Umfeld eines Kindes können beeinflussen, welche Denkweise ein Kind sich aneignet. Dr. Carol Dweck, eine führende Forscherin auf dem Gebiet, hat auf der Grundlage mehrerer Studien zwei potentielle Denkmodelle entwickelt, die Kinder durch die Erfahrungen, die sie machen, für sich annehmen.

Dweck unterscheidet zwischen dem “growth mindset” und dem “fixed mindset”.

Kinder mit einem “fixed mindset”, also einer fixierten Denkweise, haben die Vorstellung, dass Dinge wie Intelligenz, Charakter, Kreativität angeboren und unveränderbar sind. Sie gehen daher davon aus, dass sie sich nicht verändern oder verbessern können - egal wie viel sie lernen oder sich anstrengen. Sie glauben, dass ihr Potenzial begrenzt ist, weshalb sie Herausforderungen aus dem Weg gehen und ihre Fähigkeiten nicht auf die Probe stellen.

Kinder mit einem “growth mindset” begreifen ihr Gehirn als einen Muskel, der trainiert werden und wachsen kann. Sie glauben, dass ihre Bemühungen dazu führen, dass ihre Fähigkeiten sich verbessern. Deshalb suchen sie Herausforderungen und haben eine andere Haltung zum Lernen.

In einem von Dwecks Experimenten überließ sie einer Gruppe Vierjähriger die Wahl, ein einfaches Puzzle zusammenzusetzen, das sie schon kannten, oder eines zu machen, das schwieriger ist. Kinder mit “fixed mindsets” wählen die einfache Variante, denn sie wussten, dass sie es schaffen würden. Sie gingen das Risiko, daran zu scheitern, gar nicht erst ein.

Für Kinder mit einem “fixed mindset” ist Scheitern eine regelrechte Tragödie. Sie streben nach Anerkennung in jedem Bereich ihres Lebens. Dweck fand heraus, dass sie beispielsweise eher dazu bereit wären, bei einem Test in der Schule zu schummeln, um nicht zu versagen. Und wenn sie doch eine schlechte Note bekommen, suchen sie nach einem Klassenkameraden, der noch schlechter abgeschnitten hat, um sich besser zu fühlen.

Tatsächlich ist die Entwicklung eines Kindes hin zu einer dieser beiden Denkansätze stark davon abhängig, auf welche Art und Weise es gelobt und motiviert wird. Das lässt sich gut an den folgenden Beispiele erklären:

kindheit lob

“Du bist so schlau”

Viele Eltern denken, sie tun ihrem Kind mit diesem Satz etwas Gutes. Doch er kann zu großer Verunsicherung führen. Ein Kind, dem immer wieder gesagt wird, dass es besonders intelligent ist, kann schnell das Gefühl bekommen, keine Kontrolle über diese Eigenschaft zu haben.

Es begreift nicht, wie es die Intelligenz verbessern kann, merkt aber gleichzeitig, dass es viele Dinge gibt, die es nicht weiß. Viele entwickeln eine unterschwellige Angst, dass die Eltern merken könnten, dass sie doch nicht so schlau sind wie gedacht. Sie haben Angst, zu versagen.

Ganz anders ist es, wenn ihr eurem Kind beispielsweise sagt:

“Du hast bis Hundert gezählt - du hast so hart daran gearbeitet und jetzt hast du es geschafft. Glückwunsch!”

Bei diesem Ansatz begreift das Kind, dass seine Leistung davon abhängt, wie intensiv es gelernt hat. Es wird klar, dass die eigenen Fähigkeiten jederzeit verbessert werden können und kein Limit haben. Das Kind lernt, dass seine Entwicklung fortlaufend ist. Dadurch ist es eher motiviert, sich neue Herausforderungen zu suchen.

“Das hast du gut gemacht.”

Diesen Satz sollte man nur zu seinem Kind sagen, wenn er wirklich wahr ist. Kinder merken etwa ab dem siebten Lebensjahr, wann sie ein Lob wirklich verdient haben. Werden sie von Eltern oder Lehrern gelobt, obwohl sie es sich ihrer Ansicht nach nicht verdient haben, vermuten sie eine Absicht dahinter - beispielsweise, dass sie besonders gelobt werden, weil sie schlechter sind als alle anderen. Das ist nicht gerade motivierend.

Der Satz “das hast du gut gemacht” ist außerdem sehr unspezifisch. Was hat das Kind gut gemacht? Was kann es daher fürs nächste Mal lernen?

“Die Wolken auf dem Bild hast du diesmal wirklich gut hinbekommen!”

Bilder von Kindern sind nicht perfekt, auch wenn viele Eltern es ihnen vorgaukeln. Aber es gibt mit Sicherheit etwas an den Bild, das man loben kann. Die Wolken, die diesmal gut gelungen sind. Der schöne Blauton des Baggers. Die Tatsache, dass das Kind kaum noch über die Linien malt. Diese Ansätze zeigen dem Kind, dass seine Fähigkeiten sich entwickeln und dass es sich lohnt, daran zu arbeiten.

“Es ist so toll, dass du mit anderen teilst!”

Wenn Kinder immerzu dafür gelobt werden, dass sie ihr Spielzeug oder ihre Kekse mit anderen teilen, tendieren sie dazu, es seltener zu tun, wenn die Eltern es nicht sehen. Warum sollten sie auch, wenn niemand sie dafür belohnt? Stattdessen kann man sein Kind für die gute Tat loben, indem man sagt:

“Guck mal, wie sehr sich der Junge freut, weil er mit deiner Puppe spielen darf!”

Dieses Lob hilft dem Kind zu erkennen, welche positive Ergebnisse sein Handeln zur Folge hatte. Es ist eine viel größere Motivation, dieses positive Verhalten von sich aus zu wiederholen.

“Du hast 90 Punkte in dem Test geschafft - du hast wirklich ein Talent für Mathe!”

Talent ist wie Intelligenz etwas, über das ein Kind keine Kontrolle hat. Es geht davon aus, dass es das Talent entweder hat oder nicht. Warum sollte es sich vor dem nächsten Test anstrengen? Sollte das Kind beim nächsten Test ein schlechteres Ergebnis erzielen, wird es verwirrt sein und sich schämen. Es gibt bessere Möglichkeiten, das Kind zu loben:

“Du hast 90 Punkte geschafft - das heißt, du bist auf dem besten Weg, es wirklich zu verstehen!”

Dieses Lob ist wertvoller, denn es sagt dem Kind nicht nur, dass es etwas gut gemacht hat. Es sagt ihm außerdem, dass es sich lohnt, an den restlichen zehn Prozent zu arbeiten. Es motiviert das Kind dazu, etwas vollständig verstehen zu wollen.

Generell gilt, dass zu viel Lob der Entwicklung nicht gut tut. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Wird ein Kind mehrmals täglich für sein Verhalten gelobt, entsteht schnell das Gefühl, dass sein Handeln ständig bewertet wird. Daraus können leicht Unsicherheiten entstehen. Warum wurde ich gestern für mein Bild gelobt, aber heute nicht? Habe ich heute versagt?

Kindern, die viel Lob gewohnt sind, fällt es oft schwerer, ihre eigenen Gedanken, Meinungen und Ideen zum Ausdruck zu bringen - aus Angst, dass sie nicht gelobt werden. Sie fürchten Herausforderungen.

Zu viel Lob führt zu einer Abhängigkeit von Lob, die sich bis ins Erwachsenenalter halten kann. Es sollte daher mit Bedacht gewählt werden.

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