POLITIK
19/01/2016 15:33 CET | Aktualisiert 20/01/2016 22:46 CET

Kreml-Experte behauptet: "Putin wird manipuliert"

dpa
Russian Prime Minister Vladimir Putin holds tranquillizer gun during his visit to the Ussuriysky forest reserve of the Russian Academy of Sciences in the Far East on August 31, 2008. AFP PHOTO / RIA NOVOSTI POOL - ALEXEY DRUZHININ (Photo credit should read ALEXEY DRUZHININ/AFP/Getty Images)

Dieses Buch soll den wahren Wladimir Putin zeigen. Einen russischen Staatspräsidenten, den es, wenn man der 400 Seiten umfassenden Analyse "Endspiel: Die Metamorphosen des Wladimir Putin" Glauben schenkt, „eigentlich gar nicht gibt“.

Der starke Mann, den auch in Deutschland viele Menschen bewundern, sei „vor allem ein Konstrukt aus Berichterstattung und Propaganda“. So fasst Autor Michail Sygars die Ergebnisse seiner Recherchen zusammen.

Irrer Putin-Kult: Reißt der russische Präsident die Weltherrschaft an sich?

Zugegeben, es ist kein großes Geheimnis, dass viele Bilder, die jeden Abend durch die russischen Nachrichtenkanäle flimmern, inszeniert sein könnten. Etwa die vom hemdsärmeligen Kreml-Chef, der gerade einen wilden Tiger bezwingt oder wahlweise mit nacktem Oberkörper angeln geht und ein anderes Mal der Sonne entgegen reitet. "Wir alle haben uns unseren Putin erschaffen", heißt es in dem Buch.

"Putin wurde provoziert"

Andere Dinge, die der TV-Journalist schreibt, sind dagegen hochbrisant. So räumt er mit der Vorstellung auf, Putins Macht sei absolut und er regiere im Alleingang wie einst der Sonnenkönig. Denn, dass Putin oft alleine entscheide, sei nur ein Teil der Wahrheit: Es gebe einen kleinen Kreis von Menschen um den Präsidenten, der ihn manipuliere. Diese Kamarilla wolle dessen Macht unbedingt erhalten, um die eigene zu erhalten.

Wörtlich schreibt Sygar: "Sein engster Kreis hat ihn mitgerissen, seine Ängste und Wünsche manipuliert und ihn so vorwärts getrieben. Zu Dingen, die er von sich nie erwartet hätte."

Der Experte muss es wissen: Er ist der Chef eines weitgehenden unabhängigen russischen Fernsehsenders. Für die Buch-Recherche sprach er mit zahlreichen sehr engen Mitarbeitern und Vertrauten des russischen Staatsoberhaupts.

Sein in Deutschland vor einigen Wochen erschienenes Buch ist angenehm sachlich gehalten. Für Sygar ist klar, dass der Westen am Konflikt mit Putins Russland große Mitschuld trägt. Europa und die USA hätten Putin unterschätzt und achtlos provoziert. Man habe den russischen Staatschef so sehr gereizt, dass dieser mit der Zeit immer unerbittlicher wurde.

Jagd auf die Medien-Oligarchen

Ausführlich behandelt der Autor auch Putins Verhältnis zu den Medien. Für den russischen Staatschef sei der Untergang des U-Boots "Kursk" vor 15 Jahren ein Trauma. 118 Menschen starben damals und mehrere Fernsehsender gaben ihm die Schuld, starteten sogar eine regelrechte Kampagne gegen den Ex-Geheimdienstler.

Putin jagte die Medien-Oligarchen daraufhin. Boris Beresowski etwa flüchtete ins Exil. Putin und sein Dunstkreis eigneten sich in der Folge einen Sender nach dem anderen an.

"Putin wird total überschätzt“

Sygars Aussagen sind aufschlussreich: "Putins gegenwärtiges Image, das eines schrecklichen Zaren, ist für ihn und größtenteils ohne sein Mitwirken erdacht worden - von seinem Gefolge, von den Partnern im Westen und den Medien."

Der Publizist kommt alles in allem zu einem eindeutigen Resümee: "Putin wird total überschätzt.“ Dies gelte sowohl für seine Befürworter als auch seine Gegner. „Viele halten ihn für einen großartigen Strategen, der genau weiß, was er tut. Aber ich fürchte, er ist es nicht."

Auch auf HuffPost:

Putin gibt zu: Sanktionen des Westens tun Russland weh - aber nur ein bisschen

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Gesponsert von Knappschaft