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WDR-Journalistin nennt eigene Zensur-Aussagen "Quatsch" - was steckt dahinter?

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WDR Studio Düsseldorf. | Hans-Peter Merten via Getty Images
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Für alle, die ohnehin glauben, die Medien seien längst von der Politik ferngesteuert und jeder Redakteur warte morgens nur auf seinen Tagesbefehl, was er berichten dürfe, klang es wie der finale Beweis: "Wir sind natürlich angewiesen, pro Regierung zu berichten", sagte die WDR-Journalistin Claudia Zimmermann einem niederländischen Radiosender.

"Ich habe an dieser Stelle Unsinn geredet"

Und auf die Frage des Moderators, ob sie im WDR positiv über Flüchtlinge berichten musste, sagte sie: "Wir sind öffentlich-rechtlicher Rundfunk und darum angehalten, das Problem in einer mehr positiven Art anzugehen.“ Doch es dauerte nicht lange, bis sie zurückruderte.

Nach einem Gespräch mit dem Sender erklärte Claudia Zimmermann nach WDR-Angaben am Montagnachmittag: "Ich habe an dieser Stelle Unsinn geredet. Unter dem Druck der Live-Situation in der Talkrunde habe ich totalen Quatsch verzapft."

Ihr sei das "ungeheuer peinlich". Dann wird sie konkreter: "Ich bin niemals als freie Journalistin aufgefordert worden, tendenziös zu berichten oder einen Bericht in eine bestimmte Richtung zuzuspitzen."

Auch der Sender widerspricht der Live-Aussage Zimmermanns in einer Pressemitteilung: "Der WDR steht für einen ausgewogenen und unabhängigen Journalismus. Unser breit aufgestelltes Programm zeigt besonders in diesen Tagen, wie umfangreich, unabhängig, kritisch und differenziert wir über die Flüchtlingsproblematik berichten."

Problem der Selbstzensur

Also ein Sturm im Wasserglas? Wer mit Journalisten der öffentlich-rechtlichen Sender spricht, erfährt unisono, dass es keine Anweisungen gebe, positiv über Flüchtlingsthemen zu berichten oder gar der eigenen Regierung zuzujubeln. Klar ist aber auch, dass einzelne Redaktionen in der Tendenz mitunter eine bestimmte gesellschaftspolitische Linie haben. „Das ist jedoch ein himmelweiter Unterschied zu Anweisungen oder gar einer direkten Zensur“, sagt ein Redakteur eines großen öffentlich-rechtlichen Senders.

Niemals auszuschließen ist eine Selbstzensur bei manchem Mitarbeiter. Doch die gibt es zumindest vereinzelt auch bei anderen Medien. Aufgrund wirtschaftlicher Zwänge ist es ein offenes Geheimnis, dass in manchen Zeitungsredaktionen zumindest in der Vergangenheit auch auf Anzeigenkunden Rücksicht genommen wurde. Bei manchem Dritten Programm bemängeln Kritiker zudem von jeher, dass das richtige Parteibuch mitunter ein Kriterium für den beruflichen Aufstieg sei.

US-Journalist hält deutsche Kollegen für Merkel-hörig

Der Vorwurf, deutsche Redakteure seien Merkel-hörig, ist derweil nicht neu. Der US-Journalist George Packer sagte bereits 2014, „fast jeder politische Reporter“, mit dem er in seiner Berliner Zeit gesprochen habe, habe CDU gewählt. Natürlich sei er überrascht gewesen, „dass so viele deutsche Journalisten Merkel unterstützt haben“. Für Packer habe sich darin die Wirkungsmacht von Merkels Politik gezeigt. Es zeige, wie sehr unter ihrer Regierung „die politische Debatte abgestumpft“ sei.

WDR-Journalistin Zimmermann hatte dagegen im holländischen Radio eine ganz offene Zensur beim WDR angedeutet. „Wir sind öffentlich-rechtlicher Rundfunk und darum angehalten, das Problem in einer mehr positiven Art anzugehen.“ Das beginne „mit der Willkommenskultur von Merkel bis zu dem Augenblick, als die Stimmung kippte und es mehr kritische Stimmen im Rundfunk und auch von der Politik gab."

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