POLITIK
15/01/2016 20:25 CET | Aktualisiert 15/01/2016 20:27 CET

Diese Länder machen vor, wie man mit traumatischen Ereignissen wie Köln umgehen sollte

Getty Images

Wahrscheinlich würden wir uns erschrecken, wenn wir uns gerade beim Reden zuschauen müssten. Wir würden gefletschte Zähne sehen, aufgerissene Augen, aus Wut geballte Fäuste und all die mikrofeinen Speicheltröpfchen, die fast jeder ausstößt, der sich in Hass-Ekstase um Kopf und Kragen redet.

Nach den Ereignissen in Köln gehen sich die Menschen in Deutschland öffentlich an den Kragen. Es ist beileibe nicht das erste Mal, aber so heftig wie zu Beginn des Jahres 2016 wurde womöglich seit den Tagen des RAF-Terrors nicht mehr in Deutschland beschuldigt, bezichtigt und denunziert.

Es geht gar nicht mehr um die Opfer der Silvesternacht. Es geht darum, dem politischen Gegner den entscheidenden Schlag ins Gesicht zu versetzen.

Der neue deutsche Volkssport

Aber diese Verrohung und dieser Hass nach einem traumatischen Ereignis wie Köln muss nicht sein. Das zeigt ein Blick in unsere Nachbarländer.

Ein Blick nach Norwegen etwa, wo ein rechtsradikaler Massenmörder insgesamt 77 Menschen umbrachte.

Die Antwort der Norweger? Zehntausende versammelten sich während des Prozesses gegen Anders Breivik vor dem Gerichtssaal in Oslo und sangen eines jener Kinderlieder, die der Mörder in seinem so genannten „Manifest“ als „sozialistisch“ und „verweichlichend“ bezeichnete.

Knapp 50.000 Norweger waren an diesem Tag auf der Straße. Um ein Lied darüber zu singen, dass alle Menschen brüderlich verbunden sind.

Oder nehmen wir das Beispiel Frankreich.

Ja: Auch dort gibt es ein Problem mit aufkeimendem Rechtspopulismus, der Front National wurde jüngst bei der ersten Runde der Regionalwahlen stärkste Kraft.

Das lässt besonders die Rechten in Deutschland frohlocken. Anfang Dezember sandte Pegida-Gründer Lutz Bachmann bei einer der montäglichen Demos seine Glückwünsche nach Paris. Aus dem Publikum schallten danach Rufe wie „Widerstand“. Angela Merkel wurde als „Fotze“ beschimpft. Ein Demo-Teilnehmer hob den Arm zum Hitler-Gruß.

Die Ideale der Französischen Revolution sind aktueller denn je

Was die Fremdenfeinde in Deutschland jedoch nicht verstanden haben: Selbst der Front National kann es sich in Frankreich nicht leisten, sich offen gegen das zu wenden, was die Nation verbindet – nämlich die Ideale der Französischen Revolution.

Jenes antistaatliche Ressentiment, das gerade in Deutschland so hoch im Kurs ist, führte den Front National einst jahrzehntelang in die politische Isolation. Obwohl sich der Front National heute republikanisch gibt, stehen die anderen Parteien weiterhin zusammen, wenn es darum geht, die Rechtspopulisten zu bekämpfen. Sie spüren, dass Marine Le Pen ein anderes Frankreich will.

Die Ideen von 1789 erweisen sich auch heute noch als taugliches Mittel zur Standortbestimmung in Frankreich. „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ geben deshalb einen so guten politischen Kompass ab, weil sie vom Menschen her gedacht und als Ideale zeitlos sind. Jede neue Generation kann sich darunter etwas vorstellen.

"Je suis Charlie" war ein Bekenntnis zur Freiheit

Zu sehen war das auch direkt nach den Anschlägen auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“. Insgesamt 3,7 Millionen Franzosen gingen am 11. Januar auf die Straße, um der Opfer zu gedenken – und ein Zeichen zu setzen.

Was gerne in deutschen Brandstifterkreisen vergessen wird: „Je suis Charlie“ war keineswegs ein Statement gegen den Islam, auch wenn Lutz Bachmann das gerne so gehabt hätte. Es war vielmehr ein Bekenntnis zur Freiheit. Auf den Kundgebungen waren übrigens auch Schilder mit der Aufschrift „Je suis Ahmed“ zu sehen, genauso wie Fahnen aus Algerien.

Die politischen Kategorien sind verrutscht

Die Reaktion in Deutschland auf die Vorfälle in Köln könnten nicht weiter von der Reaktion in Norwegen und Frankreich entfernt sein.

Der Grund: Deutschland sind vor Jahren die politischen Kategorien verrutscht.

Statt erst einmal den Fokus auf die Opfer von Köln zu legen, schlagen sich die Bundesbürger bei gleichbleibend dünner Ermittlungslage fast zwei Wochen lang die Köpfe darüber ein, was es bedeuten könnte, wenn einige der Täter in Deutschland Asyl beantragt hätten.

Bei einigen scheint nun tatsächlich der Zweifel zu wachsen: Was wäre, wenn sich Deutschland mit der Aufnahme von 1,1 Millionen Flüchtlingen verkalkuliert hätte? Aber würde jemand tatsächlich so denken, der an politische Ideale glaubt? Oder auch nur – konservativ und pragmatisch – gewisse Prinzipien verfolgt?

Das Schlimmste ist, dass viele von uns sich nicht mehr die Zukunft unseres Landes vorstellen können. Das schafft nämlich nur derjenige, der mit der Kraft seines politischen Willens Bilder im Kopf erzeugen kann.

Die einzigen, die das momentan noch können, sind die rechten Wahnwichtel, die von einem neuen Deutschland träumen. Und das sollte uns zu denken geben.

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