"Ein Zeichen setzen": Bayrischer Landrat lädt Flüchtlinge vor Kanzleramt ab

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Er hatte es ja angekündigt.

Aus Protest gegen Merkels Flüchtlingspolitik wollte Peter Dreier, Landrat der bayrischen Gemeinde Landshut, Flüchtlinge nach Berlin vor’s Kanzleramt fahren.

Die Aufmerksamkeit war ihm sicher, als er seinen Plan jüngst verkündet hatte. Sogar Merkel rief ihn an.

Einzig: Niemand dachte ernsthaft daran, dass Dreier seine Drohung auch einlösen würde. So etwas hatte es noch nie gegeben. Und so etwas ist auch wirklich verrückt.

Aber was ist schon verrückt in diesen Tagen?

Doch dann machte Dreier tatsächlich Ernst und schickte am Donnerstag einen Bus in Richtung Berlin.

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31 Syrer auf dem Weg nach Berlin

Darin saßen 31 Flüchtlinge, die in die Hauptstadt reisen wollten. Freiwillig, wie der Landrat der Freien Wähler immer betont. Es sind Männer aus Syrien, deren Asylantrag bereits anerkannt wurde. Sie gelten als sogenannte Fehlbeleger, die in Flüchtlingsunterkünften untergebracht sind, sich aber eigentlich eine eigene Wohnung suchen müssten.

Politische Guerilla, verpackt als Kaffeefahrt. Das muss man sich erst mal trauen.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Thomas Ganke etwa sagte: "Landrat Dreier instrumentalisiert die Notsituation hilfsbedürftiger Menschen für populistische Aktionen.“

Heftig reagierten auch Berliner Senatsmitglieder auf die Aktion bei einem Gespräch mit Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, der ebenfalls nach Berlin kam. Hier ist die Szene im Video:

Doch von der Kritik ließ sich Dreier nicht beeindrucken.

Es ist kurz nach 18 Uhr, es ist bitterkalt in Berlin, als der Flüchtlingsbus vor das Kanzleramt rollt. Begleitet wird er von „Merkel muss weg“-Rufen von protestierenden Flüchtlingsgegnern und dutzenden Journalisten.

Diese Massen hatte Dreier nicht erwartet. Der Landrat versäumt es deswegen auch, die Flüchtlinge auf diese gewaltigen Reaktionen vorzubereiten.

Zwei Stunden dauert es, bis sich die Zuwanderer schließlich trauen, ihren Bus zu verlassen. Sie werden zu ihrer Unterkunft gebracht - alle wollen sie in Berlin oder Umgebung bleiben, aber auf keinen Fall zurück aufs bayrische Land. Das Zimmer zahlt ihnen Dreier, zumindest für eine Nacht.

Ihm geht es um den Moment.

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Landrat Dreier: "Zeichen setzen"

Er wolle „ein Zeichen setzen, dass es so wie bisher in der Flüchtlingspolitik nicht weitergehen kann und darf“, sagt er, umringt von Journalisten.

Ein Ende der Flüchtlingswellen sei überhaupt nicht in Sicht, Kapazitäten an menschenwürdigen Unterbringungsmöglichkeiten im Land fehlten. „Ich sehe nicht, dass bislang neue Wohnungen für die Zuwanderer gebaut worden wären“, sagte Dreier.

Das Kanzleramt sieht das anders.

In einer knappen Erklärung ließ Regierungssprecher Seibert wissen: Man habe Verständnis, für die Unterbringung zuständig seien allerdings die Kommunen. Dafür habe man ja genug Geld bereitgestellt.

Kurz: Nicht unser Problem.

Ist es aber.

Oder was würdet ihr denken, wenn Landräte anfangen, Flüchtlinge vor eurem Büro abzuladen? Alles in Ordnung? Merkel muss doch zumindest eine Sekunde gedacht haben: Was ZUR HÖLLE ist hier eigentlich los!

Das sagen sich übrigens auch immer mehr Deutsche.

Im Land herrscht große Unruhe. Viele haben das Gefühl, der Staat hat die Kontrolle über die Flüchtlingskrise verloren.

Es kommt nicht von Ungefähr, dass die Mehrheit der Deutschen eine Obergrenze will – ein Unsinn zwar, aber Merkel bietet ihnen keine Alternativen, die funktionieren.

Am Ende traten 29 der 31 Syrer aber doch wieder den Rückweg nach Landshut an. Ihnen zumindest hat die Aktion wenig genützt. Dreier war zumindest für einen Tag der vielleicht wichtigste Mann in Deutschland.

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