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Gaspistolen, Pfeffersprays: Deutsche rüsten rasant auf

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PFEFFERSPRAY
Gaspistolen, Pfefferspray: Deutsche rüsten rasant auf | dpa
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Deutschland rüstet auf. Mit Schreckschusspistolen, Gaspistolen und vor allem Pfefferspray. Der Trend zeichnete sich schon im Herbst ab. Seither hat er sich weiter verstärkt. Auf Google häufen sich entsprechende Suchanfragen. Auffallend viele Regionalzeitungen berichten über eine steigende Nachfrage.

Ein paar Beispiele:

In Hilden in Nordrhein-Westfalen, meldet die „Rheinische Post“ hätten laut Kreispolizeibehörde im Jahr 2015 mehr als zweieinhalb mal so viele Menschen beantragt, eine Schreckschuss- oder Gaspistole mit sich herumtragen zu dürfen wie noch 2014. Insgesamt waren es 270. Allein seit Jahresanfang seien es 73 gewesen.

Die Inhaberin eines Hildener Waffengeschäfts sagt, kürlich habe sie einen Lieferengpass bei Pfefferspray erlebt, Reizgas sei gar nicht mehr lieferbar.

Der Branchenverbands Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler sagte der „Frankfurter Neuen Presse“, 2015 habe sich der Umsatz mit Waffen zur Selbstverteidigung im Vergleich zum Vorjahr „mindestens verdoppelt“ Seit Silvester sei die Nachfrage noch einmal massiv gestiegen.

Die bayerischen Waffenbehörden haben laut „Augsburger Allgemeine“ ("AA") „deutlich mehr“ kleine Waffenscheine ausgestellt als im Vorjahr. Im Allgäu, im Großbraum Augsburg, den Kreisen Neu-Ulm, Donau-Ries und Neuburg-Schrobenhausen hätten sich im Jahresvergleich die Antragszahlen für diese Waffenscheine verdoppelt.

Im Schwalm-Eder-Kreis in Hessen erwartet die Verwaltung laut "Hessische/Niedersächsische Allgemeiner" ("HNA") nach der steigenden Nachfrage im zweiten Halbjahr 2015 für 2016 noch deutlich mehr Anträge. Die Nachfrage steige „rasant“.

In Solingen erzählte der einzige lokale Waffenhändler dem „Solinger Tagblatt“ von einem „unglaublichen Boom“ bei der Nachafrage nach legalen Abwehrmitteln. Seit Oktober steigen die Umsätze rasant, nach Köln noch extremer. Innerhalb von vier Monaten habe er so viel Pfefferspray verkauft sie sonst in vier Jahren.

In Köln war Pfefferspray nach Silvester ausverkauft.

Auch in Österreich hatte im vergangenen Jahr ein Run auf Waffen eingesetzt - und er dauert an.

Waffenschein
Wer in Deutschland eine Waffe haben will, braucht dazu eine Erlaubnis. Die Regelungen sind detailliert. Grob gilt:

  • Waffenbesitzkarte: Wer etwa eine Pistole oder ein Gewehr besitzen und zu Hause oder auf einer Schießstätte nutzen will, braucht dazu eine Waffenbesitzkarte.
  • Waffenschein: Wer eine klassische Schusswaffe nicht nur zu Hause haben, sondern in der Öffentlichkeit mit sich tragen will, braucht einen Waffenschein. Diesen bekommen nur wenige Privatpersonen. Es ist sowohl ein Nachweis über die Sachkunde als auch die Notwendigkeit vorgeschrieben.
  • Kleiner Waffenschein: Wer eine Schreckschusswaffe, eine Reizstoffwaffe oder eine Signalwaffe mit sich herumtragen will, braucht einen kleinen Waffenschein. Anders als für den normalen Waffenschein braucht der Antragsteller weder Sachkunde noch die Notwendigkeit nachzuweisen.
Bundesweite Analysen zu den Gründen gibt es nicht. Aber die Aussagen, die die Zeitungen gesammelt haben, sprechen eine deutliche Sprache.
  • Der vielerorts beschriebene Anstieg nach den Übergriffen von Köln legt einen Zusammenhang nahe. Und manche Käufer sagen ganz offen, dass sie sich deswegen bewaffnen.
  • Der „Rheinische Post“ erzählte ein Mann, früher habe er Pfefferspray gegen große Hunde gekauft, jetzt „wegen der allgemeinen Lage“.
  • Peter Schall, der Vorsitzende der Gewerkschaft derPolizei(GdP) in Bayern, sagte der „AA“: „Vielleicht fühlen sich die Menschen wegen der vielen Flüchtlinge nicht mehr so sicher. Vielleicht liegt es aber auch an den steigenden Einbruchszahlen.“
  • Andere mutmaßen allgemein, dass die Menschen das Gefühl hätten, die Polizei könne sie nicht mehr richtig schützen. Der Kriminologe Christian Pfeiffer wird in der „AA“ mit dem Satz zitiert: „Die Angst der Leute hat nichts zu tun mit der tatsächlichen Bedrohungslage in Deutschland. Die Sicherheitslage ist so gut wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr“, sagt Pfeiffer.
  • Der Sprecher des Verbands Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler sagte der „AA“, er vermute hinter dem Anstieg der Nachfrage nach kleinen Waffenscheinen folgenden Grund: „Das sind oft Leute, die schon länger eine Schreckschusswaffe haben und diese nun mit sich führen wollen.“ Denn zur Selbstverteidigung taugten diese Waffen nicht.
Experten der Polizei sehen das Aufrüsten mit Sorge:
  • Wer den Umgang zum Beispiel mit der Waffe nicht beherrsche, habe nichts gewonnen. Bis eine Pistole aus der Handtasche geholt ist, kann es viel zu lange dauern. Wer den Umgang mit Pfefferspray nicht beherrsche, könne sich im vershentlich damit selbst außer Gefecht setzen.
  • Außerdem können sich die Angreifer die Waffen schnappen – und selbst einsetzen.
  • Oder jemand reagiert in seiner Angst über, setzt die Waffe ein – und macht sich der Körperverletzung schuldig. Handelsübliches Pfefferspray etwa ist in Deutschland nur für den Einsatz gegen Tiere erlaubt – nur in Notwehr kann der Einsatz gegen Menschen legal sein.
  • Täuschend echt aussehende Schreckschusspistolen könnten Situationen eskalieren lassen.
  • Waffen könnten die Menschen in Sicherheit wiegen und leichtsinnig machen.
Was die Experten wie die der Münchner Polizei empfehlen:
  • Nachts beleuchtete Wege nutzen
  • In Gruppen unterwegs sein
  • Aufmerksam sein – sich also nicht vom Handy oder Musik vom Kopfhörer ablenken lassen
  • Sich Know-How im Selbstverteidungskurs aneignen
  • Angreifer heftig gegen das Schienbein treten oder mit der flachen Hand ins Gesicht schlagen
  • Durch Schreien oder eine für den Notfall mitgeführte Trillerpfeife Aufmerksamkeit erregen und Hilfe holen
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