WIRTSCHAFT
12/01/2016 11:55 CET | Aktualisiert 12/01/2016 13:58 CET

Günter Wallraff: Das hat er in Krankenhäusern gefunden

dpa
Günter Wallraff

Das Team von Günter Wallraff war wieder Undercover unterwegs – dieses Mal in deutschen Krankenhäusern. Die Ergebnisse der RTL-Sendung "Team Wallraff“ sind erschreckend: Akuter Personalmangel und überlastetes Personal, bedenkliche Hygienebedingungen und auch lebensgefährdende Engpässe in den Notaufnahmen.

Für die Recherchen hat sich die Reporterin Pia Osterhaus vom "Team Wallraff“ über einen Zeitraum von 14 Monaten in drei deutsche Kliniken als Pflegepraktikantin eingeschleust und die Szenen mit einer versteckten Kamera gefilmt. Das teilt der Sender RTL in einer aktuellen Pressemitteilung mit.

Das Team wollte herausfinden: Welche Mängel gibt es in deutschen Krankenhäusern? Was sind die Ursachen? Und welche Folgen hat das für Mitarbeiter und Patienten?

Bei ihrem ersten Einsatz arbeitet Reporterin Osterhaus im städtischen Klinikum Harlaching, das schon seit längerer Zeit mit finanziellen Problemen zu kämpfen hat. Das macht sich auch bemerkbar: Osterhaus soll als ungelernte Praktikantin Patienten alleine versorgen.

Patienten teilweise in Lebensgefahr

Außerdem bekommt sie hautnah mit, wie fahrlässig mit einigen Patienten umgegangen wird: Bei einem Lungen-Patienten läuft die Absaugpumpe, die das Wundwasser absaugen soll, nicht richtig. Das kann unter anderem zu schweren Infektionen oder Lungenschäden führen.

Zu solchen lebensgefährlichen Situationen kommt es auch, weil es oft zu wenig Personal gibt und dieses deshalb im Arbeitsalltag schlichtweg überfordert sind. "Das ist wie Fließbandarbeit", sagt eine Pflegerin während des Undercover-Einsatzes von Osterhaus. Eine andere sagt: "Wir sind überlastet. Es gibt Spannungen, jeden Moment kann es explodieren."

Die Überforderung und Überlastung des Pflegepersonals macht sich auch im Umgang mit den Patienten bemerkbar. Osterhaus erlebt in dem Münchner Klinikum, wie eine Krankenschwester die Nerven verliert. "Ich fick dich, du Tauber“, beschimpft die Schwester einen demenzkranken Mann, der nicht auf ihre Ansprache reagiert.

Ärzten fehlt es an Empathie

Aber auch Ärzte scheinen sichtlich überfordert zu sein. Reporterin Osterhaus ist anwesend, als zwei Ärzte einen Patienten behandeln, der fast blind ist, mit einem multiresistenen Krankenhauskeim infiziert ist und vor einer möglichen Amputation steht. Die Ärzte kümmern sich nur selten um ihn, da es zu viel Zeit kostet, die notwendige Schutzkleidung anzuziehen.

"Der Doktor kommt vorbei und sagt buchstäblich im Vorbeihuschen: Sie wissen, dass wir Ihre Zehen abschneiden müssen“, sagt der alte Mann nach der kurzen Untersuchung. Und weiter: "Das mag für einen Chirurgen vielleicht Nebensache sein, für mich ist es meine Gesundheit.“

Menschen, die Mitgefühl brauchen, bleiben im System Krankenhaus oft auf der Strecke, resümiert die Reporterin.

Auch bei ihrem Einsatz in den Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden und auf der Krebsstation im Helios Klinikum Berlin Buch erlebt die Reporterin erschreckende Szenen: In Wiesenbaden sieht sie verdreckte Gänge und blutiges Arbeitsmaterial, das auf dem Boden liegt.

Im Krankenhaus in Berlin beobachtet sie, wie ein Patient mit einem multiresistenten Krankenhauskeim ohne Mundschutz und sonstige Schutzvorkehrungen auf der Station unterwegs ist und sich im Wartebereich zu Patienten setzt, die eine Chemotherapie bekommen.

Wallraff fordert verbindliche Quoten für Pflegekräfte

Angesichts der schockierenden Ergebnisse fordert Journalist Wallraff die Politik auf, Konsequenzen zu ziehen.

"Unsere Recherche-Ergebnisse sind beschämend für eine der immer noch reichsten Industrienationen der Welt. Es kann nicht sein, dass wegen des Profitstrebens börsennotierter Klinikbetreiber sowohl Patienten als auch Mitarbeiter die Leidtragenden sind. Die Politik ist aufgefordert, endlich verbindliche Quoten für Pflegekräfte einzuführen, bevor das System kollabiert", sagt er.

"Team Wallraff“ hat nach eigenen Angaben die betroffenen Kliniken um Stellung gebeten. Sie erhielten nur sehr allgemein gefasste kurze Antworten.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe stand für ein Gespräch mit "Team Wallraff" aus terminlichen Gründen nicht zur Verfügung.

Nach diesen prekären Aufdeckungen wird die Frage nach den Zuständen von deutschen Kliniken aber sicher weiter ein viel diskutiertes Thema bleiben.

Hier könnt ihr die Sendung in der RTL-Mediathek sehen.

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