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Internationale Presse zu Köln: "Es war immer klar, dass Merkel naiv war"

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ANGELA MERKEL
Internationale Presse zu Köln: "Es war immer klar, dass Merkel naiv war" | dpa
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Europa beobachtet genau, was in Deutschland nach den Attacken von Köln passiert. Denn es geht nicht nur um die inzwischen mehr als 500 Anzeigen wegen sexuellen Übergriffen und Diebstählen.

Es geht darum, ob Deutschlands Willkommenskultur, die von vielen Nachbarländern offen kritisiert wird, ein Ende hat. Ob die Willkommenskultur an sich gescheitert ist. Ob Kanzlerin Angela Merkel (CDU) gescheitert ist.

Dementsprechend heftig kommentieren ausländische Medien die Vorgänge:

"New York Times", USA: „Es bedeutet, dass Angela Merkel gehen muss“

Aus den USA kommt wohl die vernichtendste Kritik an Angela Merkel nach den Vorkommnissen an Silvester in Köln. Ross Douthat, Kolumnist der "New York Times", wirft Deutschland und der Kanzlerin vor, sich mit der Flüchtlingspolitik völlig verhoben zu haben. Er urteilt: "Es bedeutet, dass Merkel gehen muss - um zu vermeiden, dass ihr Land und der Kontinent einen zu hohen Preis für ihre überhebliche Torheit bezahlen."

"The Sunday Times", Großbritannien: Es war immer klar, dass Merkel naiv war

"Ist das die Antwort von Flüchtlingen auf die ausgestreckte Hand, die ihnen Deutschland gereicht hat? (...) Es war immer klar, dass die Willkommenspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel naiv war. Sie will jetzt die Ausweisung krimineller Asylbewerber erleichtern. Die Politik der offenen Tür wurde geändert, aber nicht aufgegeben. Noch hat niemand eine Lösung für die Flüchtlingskrise gefunden. Aber die begrenzte Aufnahme syrischer Flüchtlinge von (Premierminister David) Cameron ist grundsätzlich besser als die von Merkel geförderte unbegrenzte Einwanderung, für die Deutschland und das übrige Europa anscheinend den Preis bezahlen müssen."

"Magyar Nemzet", Ungarn: Jetzt kann Merkel als schwache Frau Stärke zeigen

"Nun wird auch Angela Merkel klar, dass das Spektrum zwischen einer Abschottung mittels Zäunen und einer Willkommenskultur mit weit geöffneten Toren ein breites ist. Dass sie nicht nur im Interesse ihres politischen Überlebens die Aufnahme von Migranten transparent machen, ihre Eingliederung in die Gesellschaft Normen unterwerfen muss - mit anderen Worten: dass sie die Integration der Einwanderer, unter Wahrung ihrer Identität und Bräuche, erzwingen muss.

Natürlich wird das von vornherein nicht leicht fallen, nachdem Deutschland - wie auch das Beispiel der Türken zeigt - bislang überhaupt nicht diesen Weg gegangen ist. ... Doch besteht jetzt die Chance darauf, dass Merkel ... auf die ihr eigene vorsichtige Weise die Fähigkeit dazu aufbringen wird, um auch als schwache Frau Stärke zu zeigen."

„La Repubblica“, Italien: Merkel könnte ihren Kurs ändern müssen, um sich selbst zu schützen

"Die Schwere der Taten in der Silvesternacht, die zuallererst ein nicht hinnehmbarer physischer und moralischer Angriff auf die Freiheit der Frauen als Symbol für die nicht verhandelbaren Werte der europäischen und westlichen Kultur sind, scheint eine dramatische Bestätigung der pessimistischsten Prognosen. Und sie hat die Zweifel genährt, dass die deutsche Kanzlerin gezwungen sein könnte, ihren Kurs zu ändern, um ihr politisches Schicksal und das der Großen Koalition zu schützen."

Viele ausländische Medien waren sich am Wochenende schon einig, dass Deutschland die Diskussion über den Umgang mit kriminellen Flüchtlingen zu lange vor sich hergeschoben habe - weil eine offene Debatte wegen des Schuldbewusstseins wegen der Nazizeit nicht möglich gewesen sei. Doch genau so eine Debatte brauche es jetzt.

Eine rumänische Zeitung sieht in den Attacken in Köln letztlich Parallele zum Terrorismus:

"Evenimentul Zilei", Rumänien: Terroristische Attentate mit Testosteron

"Eines der schlagendsten Argumente zugunsten der Theorie, dass die Ereignisse in Deutschland nicht zufällig waren, ist der Zettel mit den ins Deutsche übersetzten Beschimpfungen. (...) War der Idiot mit dem Zettel in der Hosentasche der einzige, der nicht Deutsch kann? Nein, eher war er eine Art Gruppenchef, der den Ton für die Rufe der anderen angab. Es geht hier natürlich nicht um tausend Terroristen, sondern um fast tausend dumme, brünftige Schafe und um ein paar Agitatoren, die genau wussten, was geschehen und was vermittelt werden sollte.

Was haben sie vermittelt? Vor allem Misstrauen in die Behörden (...) und Angst in der Bevölkerung. Sie haben soziale Spannungen geschürt. Ihre Botschaft war, dass alle Führer des Landes unfähig, dumm und einfallslos sind. Diese Liste der Ängste und Spannungen entspricht genau den Botschaften jedes anderen terroristischen Attentats! Nur dass es diesmal nicht mit Sprengsätzen, Maschinengewehren oder Autobomben verübt wurde. Es war scheinbar ein Attentat mit Testosteron!"

"Guardian", Großbritannien: Herunterspielen bedeutet, die biblische Herausforderung zu unterschätzen

"Für die Furcht der Europäer vor dieser Massenankunft von Flüchtlingen gibt es nicht nur kulturelle, sondern auch praktische Gründe. Der in der vergangenen Woche von der Pariser Polizei erschossene Angreifer, der wohl auch der Terrorpropaganda des Islamischen Staats (IS) ausgesetzt war, lebte zuvor in einem Heim für Asylbewerber. Es zeugt von schlechtem Verständnis der Politik, die gewaltige Dimension dieser Herausforderung herunterzuspielen, die diese fast biblische Völkerwanderung für die liberalen Traditionen bedeutet, die Europa ausmachen. Die Festung Europa ist eine Illusion, und selbst der Versuch, nur eine geringe Anzahl Flüchtlinge aufzunehmen, wäre moralisch nicht zu vertreten."

Wie der „Guardian“ sehen längst nicht alle Medien die größte Gefahr in der Zuwanderung. Sondern darin, welche Schlüsse Deutschland und Europa nun ziehen könnte.

"Dennik N", Slowakei: Das Schlimmste wäre klischeehafte Korrektheit

"Das Schlimmste, das in so einer Situation geschehen kann, ist, dass sich seriöse Medien und maßvolle Politiker selbst in klischeehafter Korrektheit ertränken und damit das Thema nur den Extremisten überlassen, die immer alles wissen wollen und einfache Lösungen parat haben. Die Herausforderung ist in erster Linie, wie den Flüchtenden geholfen werden soll. Eine Herausforderung ist aber auch, wie dann das Zusammenleben funktionieren soll."

"Hospodarske noviny", Tschechien: Es droht eine Katastrophe für ganz Europa

" Wenn es Deutschland nicht gelingt, diese Welle des gegenseitigen Hasses zu bremsen, wäre das eine Katastrophe für ganz Europa. Faschistische und nationalistische Tendenzen, die sich bislang eher in Ländern ausbreiten, die kaum Flüchtlinge aufnehmen, würden neue Energie und Überzeugungskraft bekommen."

"Neue Zürcher Zeitung", Schweiz: Denkverbote richten Schaden an

"Deutschlands Regierungsparteien CDU und SPD sind angesichts der Debatte um die Integration von Ausländern in der Defensive. (...) Der vielbeklagte Kontrollverlust betrifft die Fähigkeit der Sicherheitsbehörden, Recht und Ordnung überall im Land durchzusetzen. Eine der zentralen Ebenen ist auch jene des politischen Diskurses, der durch Denkverbote demokratiepolitischen Schaden anrichtet. Die Gefahr besteht, dass etablierten Mechanismen der politischen Auseinandersetzung die Kontrolle entgleitet."

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