POLITIK
12/01/2016 00:03 CET | Aktualisiert 12/01/2016 06:45 CET

Köln und die Folgen - Totale Ohnmacht bei "Hart aber fair"

dpa

Eines ist klar: Die Diskussion in Deutschland über die schrecklichen Ereignisse von Köln hat sich sehr schnell von dem wegbewegt, was vielen Bürgern derzeit auf der Seele brennt.

Darin geht es um Personalien, wie etwa die des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger (SPD). Auch stehen ein verschärftes Asylgesetz und neue Maßnahmen des BKA, um solche Ereignisse in Zukunft zu verhindern, im Mittelpunkt der Debatte.

Vielen geht das aber schon viel zu weit – sie sind gedanklich bei den Schrecken der Silvesternacht. Sie fühlen mit den Opfern – immer mehr Frauen melden sich zu Wort, denen Ähnliches passiert ist. Sie haben Wut auf die Täter. Und projizieren diese, das lässt sich nicht vermeiden, auf alle Flüchtlinge. Sie fühlen sich verunsichert, manche haben sogar Angst – und ertappen sich bei dem Gedanken, sich nicht mehr sicher zu fühlen im eigenen Land.

Verschluckt werden diese Gefühle von der politischen Agenda, die Parteien fahren. Das ließ sich wunderbar beobachten in der "Hart aber Fair"-Sendung vom Montag. Zu Gast waren unter anderem die Grünen-Politikern Renate Künast, die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Ex-Ministerin Kristina Schröder – und sie zeigten, wie wenig Antworten man eigentlich auf die Sorgen hatte, die viele Menschen gerade umtreibt.

Kraft etwa begann die Talkshow mit einer knappen Entschuldigung. Die Ereignisse von Köln würden ihr richtig weh tun. "Das war ein Gefühl der totalen Ohnmacht", sagte Kraft. Sie würde gerne alle Frauen um Entschuldigung bitten. "Aber das kann ich nicht. Es tut mir außerordentlich leid."

Das war es dann auch mit der Empathie für die Gemengelage. Die übrige Sendezeit verwendete Kraft darauf, ihren Innenminister Jäger zu verteidigen, der eigentlich die politischen Konsequenzen mit einem Rücktritt ziehen müsste, wie es der SZ-Journalist Heribert Prantl in der Runde forderte.

Was in Köln passierte, hätte niemand vorher sehen können – und es sei in Ordnung gewesen, das Ausmaß der Silvesternacht erst Tage später zu kommunizieren, sagte Kraft. Das Ausmaß sei erst nach und nach klar geworden. Dabei lassen interne Berichte und Aussagen von Polizisten und Opfer anderes vermuten. Die SPD-Frau vermittelte fast den Eindruck, sich der Realität zu verweigern – besser hätte man der Bevölkerung die totale Ohnmacht nicht deutlich machen können.

Es ist eine traurige Randnotiz, dass sich das Team um Kraft während der Ausstrahlung der Sendung auf Twitter verschrieb. "Politik braucht keine klare Haltung", ließ man verbreiten und danach umgehend löschen.

Nicht besser schlug sich die Grünen-Politikern Renate Künast. Sie machte zwar darauf aufmerksam, dass die Diskussion viel zu schnell von den Schicksalen der Opfer wegführe. Sie sagte auch: "Ich glaube, wir stehen vor einer der schwierigsten Situation, die wir je hatten. Schwieriger als die deutsche Einheit."

Dafür nutzte sie die Sendung ansonsten für ihre politische Agenda. Etwa, um sich immer wieder mit dem Polizeigewerkschafts-Chef Rainer Wendt anzulegen. Schuld an der Situation in Köln sei vor allem die Polizei, sagte sie.

Ohnmächtig zeigte sich auch die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder. Die CDU-Frau nutzte die Sendung vor allem, um ihre Ängste zu artikulieren.

Schröder, merklich aufgeregt:

"Wenn man so ein Phänomen hat in dieser Massivität und Brutalität, das es in dieser Form noch nicht gab, dann haben wir ein Thema, das wir lange tabuisiert haben. Wir haben eine bestimmte Vorstellung von männlicher Stärke und Ehre, die oft mit Gewalt verknüpft ist. Wir hatten in Deutschland schon immer sexuelle Gewalt. Und es ist umso schlimmer, wenn sich dieses Problem jetzt verschärft."

Was sie allerdings schuldig blieb, war eine Idee, dem Problem zu begegnen. Außer einem "Grenze dichtmachen" fiel ihr fast nicht dazu ein. Dass das nicht helfen wird, spüren vermutlich auch viele in der Bevölkerung. Sie wollen ernst genommen werden – und nicht für eine politische Agenda instrumentalisiert werden.

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