Star-Köchin Sarah Wiener: "Bald wird die Empörung zu Köln vergessen sein - nur für die Opfer nicht"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SARAH WIENER
dpa
Drucken

Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof ist die Debatte über Gewalt gegen Frauen wieder in voller Stärke aufgeflammt. Eine Debatte, die in Deutschland noch immer nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie - und die vielen Opfer sexueller Gewalt - verdient hätte.

Jeden Tag setzen sich viele Menschen dafür ein, das Thema von seinen Tabus zu befreien und geben Mädchen und Frauen den Mut, über ihre Erlebnisse zu sprechen.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Eine von ihnen ist die Star-Köchin Sarah Wiener. Als Schirmherrin der Initiative Frauen gegen Gewalt e.V. weiß sie, dass sexuelle Übergriffe tagtäglich geschehen und wir endlich offen darüber sprechen müssen - nicht erst seit der Kölner Silvesternacht.

Sie ist der Meinung: "Gewalt gegen Frauen ist eins der großen Tabuthemen". Wir haben Sie zu diesem Tabuthema befragt.

Huffington Post: Welchen Einfluss werden die Ereignisse der Silvesternacht in Köln Ihrer Einschätzung nach auf die Diskussion über Gewalt gegen Frauen in Deutschland haben?

Sarah Wiener: Diese Debatte wird leider Gottes sehr emotional und einseitig geführt. In den Medien wird nun ein Bild vermittelt, dass es der fremde dunkle Mann ist, vor dem Frauen Angst haben müssen und sollten.

Dass (sexuelle) Gewalt aber jeden Tag stattfindet, unter unseren Augen, beim Nachbarn, vom Ehemann, Freund oder Bekannten, oder jedes Jahr zum Beispiel beim Oktoberfest Dutzende Vergewaltigungen angezeigt und verübt werden, dies alles scheint kein Thema zu sein. Zwei Wochen gibt es jetzt eine allgemeine Empörung, dann wird auch Köln wieder vergessen sein. Nur nicht für die Opfer.

HuffPost: Der Kampf gegen Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das Ihnen am Herzen liegt. Was motiviert Sie dazu, sich auf diesem Gebiet zu engagieren?

Wiener: Gewalt gegen Frauen ist eines der großen Tabuthemen, obwohl es sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht und in allen Ländern der Erde vorkommt.

HuffPost: Haben Sie den Eindruck, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen in Deutschland zu wenig thematisiert wird?

Wiener: Das ist eindeutig so. Die Dunkelziffer an Gewalt und Sexualdelikten ist enorm. Frauen, die zu Opfern werden, erhalten gesellschaftlich wenig Unterstützung. Die meisten zeigen die Tat erst gar nicht an, weil sie dann oft zum zweiten mal zum Opfer werden.

HuffPost: Was muss Ihrer Ansicht nach passieren, damit das Thema Gewalt gegen Frauen in der deutschen Gesellschaft von Tabus und Verharmlosung befreit wird?

Wiener: Es sollte große Aufklärungskampagnen geben und eine größere Sensibilität - gerade bei Jungen und Männern - stattfinden. Prävention und Aufklärung schon im Kindergartenalter könnten ein sinnvolles Instrument sein. Frauen, die Gewalt erfahren, brauchen mehr Ermutigung, ihre Geschichte und Erlebnisse zu verarbeiten und zu erzählen. Die Täter gehören gesellschaftlich geächtet und hart bestraft.

HuffPost: Wie kann Gewalt gegen Frauen in Deutschland Ihrer Ansicht nach besser verhindert werden?

Wiener: Wir sollten Frauen keine kluge Ratschläge erteilen, wie sie sich in einem frauenfeindlichen Umfeld unauffällig verhalten. Es sollte einfach kein Umfeld geben, das besondere Vorsicht von Frauen erfordert. Wir müssen von allen Männern korrektes Verhalten und eine Sensibilisierung für dieses Thema einfordern.

Stellen Sie sich mal vor, jeder zweite Mann würde Opfer von (sexuellen) Gewalterfahrungen werden. Na da wäre was los. Bei uns sind zum Glück die Um-und Zustände für Frauen und deren Rechte nicht so dramatisch wie in manchen anderen Ländern. Von richtiger Gleichberechtigung und respektvollem gegenseitigen Umgang mit der Hälfte unserer Bevölkerung sind wir aber noch ein Stück entfernt. Männer sind für dieses Thema nicht ausreichend sensibilisiert; es betrifft sie ja nicht.

HuffPost: Was tun Sie persönlich dafür, dass die Gewalt gegen Frauen abnimmt?

Wiener: Ich dulde sie nicht. Ich tabuisiere sie nicht. Frauen haben immer meine Solidarität und Unterstützung. Es sollte unser aller Ziel sein, Gewalt gegen Frauen entgegenzuwirken - genau hinzusehen und jede Art von Gewalt radikal abzulehnen und anzuprangern. Männer müssen in diesem Fall dazulernen, nicht die Frauen. Völlig egal, ob der Täter alt, jung, blond oder braun, europäisch ist oder aus fernen Ländern kommt.

Frauen haben die gleichen Freiheiten, Möglichkeiten und die gleiche Selbstbestimmung wie jeder Mann. Ob privat oder öffentlich: Gewalt gegen Frauen sollte immer die öffentliche Empörung gegen den Täter und das genaue Hinsehen, Verfolgen und Bestrafen nach sich ziehen. Das Opfer hat niemals schuld, auch wenn viele Täter das gerne so hinstellen.

Mehr Infos: Betroffene können sich auf der Webseite der Initiative "Frauen gegen Gewalt e.V." über lokale Hilfs- und Beratungsangebote informieren.

Zur Person: Sarah Wiener (*1962) ist eine österreichische Fernsehköchin und Buchautorin. 1990 gründete sie das Unternehmen Sarah Wieners Tracking Catering, bei dem sie mit einer mobilen Küche Filmcrews im In- und Ausland verpflegte. 1999 eröffnete sie ihr erstes Restaurant in Berlin. Inzwischen gehören ihr zwei Gastronomiebetriebe, von denen einer zu mieten ist, sowie ein Catering-Service, eine Holzofenbäckerei und eine Landwirtschaft. Wiener hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Neben ihrem Engagement für Frauenrechte setzt sich die Star-Köchin für Nachhaltigkeit ein und ist Schirmherrin mehrerer Initiativen.

Auch auf HuffPost:

Nach Köln: ZDF-Moderatorin begeistert Tausende mit ehrlichem Facebook-Post

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.