POLITIK
09/01/2016 21:31 CET | Aktualisiert 10/01/2016 11:30 CET

Pegida und Hooligans wollten sich als Beschützer der Frauen aufspielen - heraus kam eine Demo voller Frauenhass

dpa

Selbst gestandene Feministinnen bekommen es mittlerweile mit der Angst zu tun: So viele Frauenrechtler wie derzeit hatte Deutschland noch nie.

Und es spricht vieles dafür, dass diese Angst berechtigt ist.

Es ist schon bemerkenswert, wer nach den Silvester-Übergriffen in Köln alles für die körperliche Unversehrtheit von Frauen kämpft: CSU-Chef Horst Seehofer etwa, der noch im Jahr 1997 im Bundestag dagegen gestimmt hatte, Vergewaltigungen innerhalb der Ehe unter Strafe zu stellen. Oder Donald Trump, der sich via Twitter in die Debatte einschaltete.

Was jedoch Pegida NRW und "Hogesa“ (Hooligans gegen Salafisten) am Samstag in Köln geschafft haben, ist derart absurd, dass wir darüber womöglich noch in 20 Jahren reden werden, wenn wir nach Gründen dafür suchen, was den politischen Diskurs in den Jahren 2015 und 2016 derart hat entgleisen lassen.

Die Satiriker der "Titanic“ hätten sich das in einer bitterbösen Stunde nicht besser ausdenken können. Da trafen sich um kurz vor zwei auf der Rückseite des Kölner Hauptbahnhofs Straßenschläger und Biedermänner, rechte Rocker und bleiche Verbindungsstudenten, völkische Wanderprediger und verhetzte Konservative. Hinzu gesellte sich eine stattliche Anzahl von kahlköpfigen Finsterleuten, deren vornehmste Aufgabe bis Demobeginn darin bestand, sich etwas abseits des Geschehens diverse lokale Brauereierzeugnisse in den Rachen zu flanken.

Als Frauenrechtler kläglich gescheitert

Diese illustre, etwa 1500 Mann starke Truppe, war zusammengekommen, um für Frauenrechte und gegen die herrschenden Verhältnisse zu demonstrieren. Während die Lösung des zweiten Aufgabenteils unter Vernachlässigung diverser logischer Zusammenhänge und unter Berücksichtigung der persönlichen Möglichkeiten durchaus erkennbar war, scheiterte das bunte Grüppchen dagegen schon nach wenigen Minuten daran, sich an die Spitze der Frauenbewegung zu stellen.

(Der Text geht nach dem Video weiter)

Wasserwerfer-Einsatz bei Pegida-Demo in Köln: Hier drängt die Polizei den wütenden Mob zurück

Womöglich war das schon zu dem Zeitpunkt erkennbar, als die ersten Althauer aus der westdeutschen Fußballszene mit Reichskriegsflaggen, Eisernen Kreuzen und Kameradschaftshoodies vor der Bühne in Positur warfen. Oder als diesen etwas unkonventionell gekleideten Genderaktivisten ein heiser gegröltes "Hurensöhne“ als Gruß an die Antifa herausrutschte.

Spätestens jedoch, als ein Pegida-Aktivist aus Aachen, dessen Duktus ein wenig an alte Wochenschauen erinnerte, über Bundeskanzlerin Angela Merkel dozierte, war der Ofen endgültig aus. "Weg mit der Hure“, brüllte ein Demo-Teilnehmer in die intellektuelle Stille des Vortrags, ohne dafür Widerspruch zu ernten.

Da half es auch nicht mehr, dass Pegida noch eine Frau mittleren Alters auf die Bühne schickte, die sich schmerzensreich darüber beschwerte, dass man sich als Teil der weiblichen Bevölkerungshälfte nicht mehr ungeschützt durch Köln bewegen könne.

Frauen als "Huren" beschimpfen, aber für die Rechte der Frauen demonstrieren wollen

Einst trugen die Pegida-Gründer in Dresden "Nous sommes Charlie“-Schilder mit sich herum. Das war am 12. Januar 2015, auf einer der größten rechten Demonstrationen, die es jemals in Deutschland gab. Fünf Tage zuvor war in Paris fast die komplette Redaktion der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo“ von radikalislamistischen Terroristen ausgelöscht worden. Der damalige Pegida-Vorsitzende Lutz Bachmann hoffte auf den ganz großen Wurf: Endlich hatte er die Chance, weitere Kreise der Bevölkerung mit seinen Thesen von der "Islamisierung des Abendlandes“ zu erreichen.

Die Aktion geriet zu einem entsetzlichen Rohrkrepierer. Nicht nur, weil die ganze Aktion von Anfang an nicht ehrlich gemeint war und weil sie streng nach Bigotterie roch. Nein, vor lauter Hass waren die Pegida-Demonstranten noch nicht einmal in der Lage, den schönen Schein zu waren: Sie brüllten bald schon wieder ihre Slogans von der "Lügenpresse“.

Genauso ist es nun mit den Opfern vom Kölner Hauptbahnhof: Wer andere Frauen als "Huren“ beschimpft, sollte vielleicht noch mal ein bisschen besser darüber nachdenken, wozu und weshalb man demonstrieren geht – und was eigentlich daraus folgt.

Großaufgebot der Polizei stoppt Pegida-Zug

Der philosophisch recht bodenständige Diskussionszirkel am Kölner Hauptbahnhof zog tatsächlich seine ganz eigenen Schlüsse. Tommy Robinson von Pegida Großbritannien sinnierte in bester Eckkneipenlogik: "Wir müssen als Männer selbst von unserem gottgegebenen Recht Gebrauch machen, unsere Frauen zu beschützen.“ Dabei lächelte er mit dem Charme eines vom Laster gefallenen Kantholzes.

Die Krone des Wahnsinns war jedoch die Rede des rechten Bloggers Michael Mannheimer – der es in 20 Minuten schaffte, Angela Merkel mit Adolf Hitler zu vergleichen, ein generelles Verbot des Islams zu fordern und Deutschland in den Zustand eines "Bürgerkriegs“ zu schwitzen. Unter lautem Gejohle rief er schließlich nach der "Vernichtung" der Antifa. Sein Pepitahut tanzte dazu in gehässigen Kurven durch den Kölner Winterhimmel.

Einige Augenblicke später holte der programmatische Kern der Demonstrationsgesellschaft die etwas pragmatischer eingestellten Bierliebhaber vom Eckkiosk nebenan ab.

Der anschließende Demonstrationszug dauerte etwa fünf Minuten und schaffte eine Strecke von 300 Metern. Nach gezielten Flaschenwürfen auf Polizisten und Journalisten setzte ein Großaufgebot der Polizei die Demoteilnehmer kurz hinter dem Hauptbahnhof fest und brach ihre Ambitionen auf eine dritte Halbzeit mit dem Einsatz von Wasserwerfern.

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