POLITIK
07/01/2016 22:44 CET | Aktualisiert 07/01/2016 22:51 CET

In Syrien geschieht gerade das grausamste Kriegsverbrechen seit Jahren - und kaum einer interessiert sich dafür

Twitter

Noch im Frühjahr 2014 galt der Syrien-Krieg als „vergessener Konflikt“.

Und fast scheint es so, als ob nach einem Jahr des heftig aufgeflammten außenpolitischen Interesses in Deutschland der Syrien-Krieg schon wieder verdrängt wurde. Doch der Konflikt könnte schon bald in einem neuen Licht erscheinen.

Denn wahrscheinlich passiert derzeit westlich von Damaskus eines der grausamsten Kriegsverbrechen der vergangenen Jahre.

In der kleinen Stadt Madaya sind insgesamt 40.000 Menschen eingeschlossen – und das schon seit fast einem halben Jahr. Sie sitzen in den Bergen unweit der libanesischen Grenze fest – belagert von syrischen Regierungstruppen und Kämpfern der vom Iran unterstützten Hisbollah-Miliz.

Grund dafür war, dass im Sommer einige radikalislamistische Kämpfer nach heftigen Gefechten aus einem Nachbardorf nach Madaya geflohen waren.

Auf Twitter kursieren Bilder aus Madaya, die fassungslos machen.

Auch arabische verschiedene arabische Sender haben das Thema schon aufgegriffen. Offenbar sind die Bilder authentisch.

Wie das Magazin „bento“ kürzlich berichtete, kursierte bereits im Dezember eine Liste mit Preisen für Lebensmittel: Eine Packung Reis soll demnach 113 Euro in Madaya gekostet haben.

Auf Twitter posten einige Menschen das, was sie derzeit essen. Offenbar ernähren sich viele Bewohner der Stadt von Gras und Laub.

Langsam erst kommen diese Bilder im Westen an.

Dabei könnten die Ereignisse von Madaya für den weiteren Kriegsverlauf enorm wichtig werden.

Nicht etwa aus strategischen Gründen. Die Stadt liegt zwar nur 40 Kilometer von Damaskus entfernt, ist aber umringt von Hügeln und Bergen. Das Zentrum des Ortes liegt auf 1.600 Metern Höhe und taugt allenfalls als Rückzugsort, nicht aber als Basis für einen Angriff auf die Hauptstadt.

Warnungen gab es schon vor Monaten

Es ist die unerträgliche Situation der Bewohner, die sich gegen Syriens Präsident Bashar Al-Assad und seine Verbündeten wenden könnte.

Schon im Sommer hatten die Vereinten Nationen vor einer drohenden humanitären Katastrophe in der Region gewarnt.

Beobachter der UN besuchten die Stadt bereits im Juli.

Später schickten die Vereinten Nationen Hilfslieferungen nach Madaya. Schlagzeilen machte die Meldung, dass sich in einigen Kartons abgelaufene Gebäckteile befanden. Das war im Oktober. Die russische Propaganda versuchte dies sogleich für die eigene Sache auszuschlachten und verbreitete über den staatlichen Sender „Sputnik“ die Meldung, dass die UN versucht habe, „Syrer zu vergiften“.

Die kleine Stadt Madaya steht also schon seit längerer Zeit im Zentrum eines politischen Konflikts, der sowohl mit militärischen als auch mit nicht-militärischen Mitteln geführt wird. Auch von Assads neuen Verbündeten aus Moskau.

Neu sind das Ausmaß und die Brutalität, mit der Assad Hunger als Waffe gegen die eigene Bevölkerung einsetzt. Zwar werden in Syrien derzeit mehrere Dörfer belagert und ausgehungert, auch von Regierungsgegnern. Doch das Spiel mit dem Leben von mehreren Zehntausend Menschen hat selbst vor dem Hintergrund des mit Kriegsverbrechen durchsetzten syrischen Bürgerkrieges eine noch nicht gekannte Dimension.

Neuer Fokus

In den vergangenen Monaten standen die Verbrechen des Islamischen Staates im Mittelpunkt der weltöffentlichen Aufmerksamkeit. Durch diesen Umstand wurde die Intervention von Russland im syrischen Bürgerkrieg erst möglich.

Wladimir Putin konnte behaupten, er greife in den Konflikt ein, um den internationalen Terrorismus zu bekämpfen – obwohl es ihm mindestens genauso dringend um die Sicherung des russischen Einflusses in der Region geht.

Fast vergessen war die Diskussion um die Giftgasangriffe von Ghuta, dessen Umstände eine Beteiligung von Assads Truppen sehr wahrscheinlich aussehen lassen. US-Präsident Barack Obama war damals fest von der Schuld des syrischen Präsidenten an dem grausamen Tod von Hunderten Menschen, ebenso wie die Mehrzahl der europäischen Länder.

Auch Russland bekommt Schwierigkeiten

Auch der kriegsrechtlich äußerst fragwürdige Abwurf von Fassbomben durch Assads Soldaten über dicht besiedelten Städten wie Aleppo war in der öffentlichen Diskussion kaum mehr vom Bedeutung.

Die Bilder von hungernden Menschen jedoch haben das Zeug, diesen Fokus wieder zu verschieben. Und auch Wladimir Putin hätte dann ein Argumentationsproblem: Denn plötzlich kämpfte er an der Seite eines Mannes, der einmal mehr sein wahres Gesicht als einer der brutalsten Potentaten der Welt gezeigt hätte.

Die Legende von der Terrorbekämpfung in Syrien wäre dann als das entlarvt, was sie schon immer war: Ein bequemer Vorwand für Putin, um mit seinen Soldaten Weltpolitik zu machen.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.


Gesponsert von Knappschaft