WIRTSCHAFT
05/01/2016 16:40 CET | Aktualisiert 23/05/2016 09:45 CEST

"Merkel hat uns vergessen": Das ist die Botschaft einer jungen Mutter an die Kanzlerin

dpa
Merkel

Julia* nimmt den letzten Zug an ihrer Zigarette und schaut nachdenklich auf die grauen Fassaden der Nachbarhäuser. Sie steht auf einem windigen 2-Quadratmeter-Balkon, von dem die Farbe längst abgeblättert ist. Es ist ihre zehnte Nacht in der Notunterkunft im Münchner Osten. Gewöhnt hat sie sich aber noch lange nicht an die Tristesse, die inzwischen auch ihren Alltag erreicht hat.

Sie fand mit ihren beiden kleinen Kindern Unterschlupf in der ehemaligen Pension in der Waltramstraße, nachdem sie ihren Lebensgefährten verlassen hat. Auf 14 Quadratmetern müssen sie nun ihr neues Leben meistern. Drei Betten, ein kleiner Schrank, ein Nachttisch mit zwei Schüben.

Julia lebt mit ihren Kindern in Armut – und das in Deutschland. Sie ist so arm, dass sie sich jeden Einkauf im Supermarkt ganz genau überlegen muss. So arm, dass sie ihren Kindern nur selten etwas schenken kann, geschweige denn in den Zoo gehen kann.

Die junge Mutter gehört statistisch zu den Wohnungslosen. Die Zahl derer, die keine Unterkunft haben, stieg in den letzten Jahren rasant. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) schätzt, dass allein im Jahr 2014 etwa 335.000 Menschen keine Wohnung hatten. Darunter fallen neben normalen Obdachlosen, Asylbewerbern in Erstaufnahmeeinrichtungen auch Deutsche, die in Notunterkünften unterkommen – wie Julia, ihr dreijähriger Sohn und ihre fünfjährige Tochter.

Frau Merkel hat uns Deutsche vergessen.

Die 28-Jährige senkt ihren Kopf, während sie die Balkontüre vorsichtig schließt. Sie setzt sich langsam auf den schmalen Bettrahmen und atmet tief durch. In ihrer Körpersprache spiegelt sich wieder, wie erschöpft sie ist – nicht nur von den regelmäßigen Kämpfen mit den Ämtern. Sondern auch von der täglichen Angst, sich und ihre Kinder nicht ernähren zu können.

Julia fühlt sich vergessen. Nicht nur von ihrer Familie. Sondern besonders von der Gesellschaft und der Politik. Frau Merkel habe den Blick von den Deutschen abgewandt. Seit die vielen Flüchtlingen hier sind, sei alles schlimmer geworden, sagt sie mit einem wütenden, ja verzweifelten Blick. „Frau Merkel hat uns Deutsche vergessen.“

Damit spricht die junge Mutter etwas aus, was in den Köpfen vieler Deutschen rumspukt. Die Angst, dass vor allem die deutsche Bevölkerung angesichts der ankommenden Flüchtlinge zu kurz kommt: bei der Jobsuche, auf dem Wohnungsmarkt oder bei staatlichen Hilfen.

Diese Sorgen sind nicht ganz unbegründet: Durch den Zustrom an Flüchtlingen wächst auch die Armut im Land. Die Mehrheit der Ankommenden wird vorerst auf Sozialleistungen angewiesen sein. Das prognostiziert das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „Sollten rund 800.000 Flüchtlinge in Deutschland von Transferleistungen leben, steigt die Armutsquote von 15,4 auf 16,1 Prozent", heißt es in einem Papier der Experten.

Das ist die eine Seite. Andererseits wird das Land von den Flüchtlingsströmen auch ökonomisch profitieren. Zu diesem Ergebnis kommen die Experten des konservativen Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in einer aktuellen Untersuchung. Demnach wirken Einwanderer und Flüchtlinge wie ein Konjunkturprogramm für die deutsche Wirtschaft. Denn die Summen, die für Flüchtlinge aufgewendet werden, verschwinden „konjunkturell betrachtet nicht in einem schwarzen Loch“, kommentiert die "Zeit“ die Ergebnisse.

Merkel muss überlegen, wie es uns besser gehen könnte.

Julia und ihren Kindern bringen diese Prognosen in ihrer aktuellen Situation kaum etwas. Sie motivieren Aussagen wie „Wir schaffen das“ nicht. Sie machen sie wütend. Denn sie hat das Gefühl, dass die Politiker vor allem den Flüchtlingen helfen. Dass sie Gelder locker machen, die es für Deutsche in Not vorher nicht so leicht gab.

„Merkel muss auch uns unterstützen. Sie muss eine Notunterkunft von uns Deutschen ansehen und überlegen, wie es uns besser gehen könnte. Sie muss sich erinnern, dass auch deutsche Familien auf der Straße sitzen und es auch uns schlecht geht“, sagt sie leise. „Aber das tut sie nicht.“

Die Situation der jungen Mutter verschärft sich zusätzlich dadurch, dass sie Alleinerziehende ist. Neben ihrer Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement muss sie sich ganz alleine um die Kinder den Haushalt kümmern. Die 28-Jährige gibt jeden Tag alles bis zur Erschöpfung - um ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen.

Laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband gehört sie damit zu den 42 Prozent aller Menschen, die ihr Kind allein erziehen und von Armut bedroht sind. Das hat auch Folgen für die Kinder von Alleinerziehenden. Sie fünfmal häufiger auf Harz IV angewiesen als Kinder, die mit beiden Eltern zusammenleben. Das belegt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.

„Die Kinderarmut in Deutschland stellt sich statistisch zunehmend als eine Armut von Alleinerziehenden und kinderreichen Familien dar“, sagt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands der Huffington Post.

Auch wenn man arbeitet, kann man in Armut leben.

Die schwierige Situation von Julia beweist nicht nur, dass man auch als Deutscher in großer Armut leben kann. Sondern auch, dass das Geld trotz großer Anstrengungen und Job oft einfach nicht ausreicht.

„Bei all den Kosten und dem wenigen Geld bleiben viele Familien auf der Strecke. Gerade als Familie hat man es sehr schwer in Deutschland“, sagt sie.

Auf den Besuch der Kanzlerin wird sie wohl noch länger warten müssen. Dabei wäre es genau das, was in dieser schwierigen Zeit nötig wäre. Ein Zeichen der Aufmerksamkeit und Anerkennung. Denn die Vergessenen, also die, die in Armut und Elend leben, sind nicht nur die Flüchtlinge. Sondern es sind auch viele Deutsche.

*Name von der Redaktion geändert

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