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Merkels vergessene Millionen - So führt die Regierung die Deutschen bei der Arbeitslosenstatistik hinters Licht

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ARBEITSLOSENSTATISTIK
(GERMANY OUT) Arbeitslose vor dem Arbeitsamt Wedding - 1997 (Photo by Reiche/ullstein bild via Getty Images) | Getty
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Es war eine Neujahrsansprache voller Optimismus. „Deutschland ist ein starkes Land“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und natürlich lobte sie die Arbeit ihrer Regierung. „Wir haben die niedrigste Arbeitslosigkeit und die höchste Erwerbstätigkeit des geeinten Deutschlands.“

Auf den ersten Blick scheint sie Recht zu haben. Im November waren nur noch gut 2,6 Millionen Menschen arbeitslos – das bedeutet eine Quote von sechs Prozent. Dieser Wert war nur 1990 – unmittelbar nach der Wiedervereinigung – niedriger.

Doch es gibt auch eine andere Wahrheit: Millionen Deutsche werden Kritikern zufolge einfach aus der Arbeitslosenstatistik herausgerechnet.

Hunderttausende in Maßnahmen geparkt

In der offiziellen Erwerbslosenstatistik der Bundesarbeitsagentur fehlen zahlreiche Gruppen: Nicht in den Zahlen enthalten sind beispielsweise rund 163.000 Hartz-IV-Bezieher über 58 Jahre, denen ein Jahr lang keine Arbeit angeboten wurde. Für die Regierung sind sie offenbar hoffnungslose Fälle.

Nicht aufgelistet sind auch diejenigen, die durch Instrumente der Arbeitsmarktpolitik gefördert werden. Das betrifft die Fort- und Weiterbildung genauso wie Trainings- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

So waren im Frühjahr 2015 etwa 175 000 Menschen in einer "Aktivierungs- oder Eingliederungsmaßnahme". Beispielsweise schulen private Anbieter Arbeitslose, wie sie sich richtig bewerben. Beinahe genauso viele Menschen ohne Job bildeten sich weiter.

Wer einen Ein-Euro-Job hat, taucht ebenfalls nicht in den offiziellen Zahlen des Bundes auf – Ende 2014 waren dies über 100.000. Bald sollen auch 100.000 Flüchtlinge in solchen prekären Beschäftigungsverhältnissen untergebracht werden, wohl auch um die Bilanz der Regierung nicht zu trüben.

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Statistik sei "absolut verharmlosend"

Zusätzlich streicht die Arbeitsagentur alle aus der Statistik, die einen Gründungszuschuss beziehen. Auch jene Arbeitslose, die eine Vermittlung erschweren, weil sie ihre Pflichten bei der Jobsuche nicht erfüllen.

Die Zahl der Menschen, die sich und ihre Familie mit der eigenen Hände Arbeit ernähren, ist also weit geringer. Die Statistik sei "absolut verharmlosend", schimpfte Gerd Bosbach, Professor für Statistik und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz, bereits 2015 gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“.

Offiziell waren im Frühjahr 2015 rund drei Millionen Menschen in Deutschland ohne Job. Bosbach geht jedoch davon aus, dass es damals hierzulande rund 900.000 Menschen mehr ohne Job gab.

Und auch diese Zahl ist sehr defensiv gerechnet. Denn auch viele Menschen, die nur geringfügig beschäftigt sind, aber gerne Vollzeit arbeiten würden, zählt der Staat nicht mit. 6,6 Millionen Mini-Jobber zählen dazu. Zudem erfasst die Erwerbsstatistik nur Männer und Frauen, die sich persönlich arbeitslos gemeldet haben. Die Hausfrau, die längst aufgegeben hat, sich zu bewerben, fällt schon lange aus dem offiziellen Report.

"Die Schwächsten sind der Regierung egal"

Deshalb seien in Wahrheit derzeit Millionen Deutsche arbeitslos, moniert etwa die Linkspartei. Ates Gürpinar, Landesgeschäftsführer der Partei in Bayern, empfindet die geschönten Zahlen „als eine Verhöhnung der Erwerbslosen: "Die Schwächsten der Gesellschaft sind der Regierung so egal, dass sie selbst in den offiziellen Statistiken nicht mehr vorkommen", sagt er im Gespräch mit der Huffington Post.

Das von SPD-Frau Andrea Nahles geführte Bundesarbeitsministerium ließ eine Anfrage der Huffington Post unbeantwortet. Doch klar ist: Merkel und Nahles dürfen diese Menschen nicht vergessen.

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