WIRTSCHAFT
03/01/2016 16:31 CET | Aktualisiert 03/01/2016 18:05 CET

Top-Ökonom warnt: Darum ist die Debatte um die Kosten für Flüchtlinge völlig verlogen

dpa
Topökonom Fratzscher: Flüchtlinge sind nicht zu teuer - "Dann sind auch zwei Drittel der Deutschen Verlustgeschäft"

Die Integration der Flüchtlinge in Deutschland wird eine große Herausforderung - in diesem Punkt sind sich Vertreter aus Politik und Wirtschaft weitgehend einig. Nicht einig jedoch sind sie sich in der Frage, ob die Ankommenden eine Gefahr oder eine Chance für die deutsche Wirtschaft darstellen.

Der Ökonom und Berater der Bundesregierung, Marcel Fratzscher, gehört zu den Verfechtern der zweiten These. Er sagt vor allem positive Effekte für Staat und Wirtschaft durch die Neuankömmlinge voraus. Im Interview mit “Focus Online” erklärte er, viele Studien von Wissenschaftlern suggerierten, es entstünden durch die Flüchtlinge nur Kosten und keine Vorteile: “Das ist wissenschaftlich nicht seriös, das ist Populismus.”

Diese Rechnung ist grundfalsch, manipulativ und irreführend

Fratzscher ist der Ansicht, dass die meisten Skeptiker einen entscheidenden Denkfehler machen. “Viele konzentrieren sich nur auf staatliche Steuereinnahmen und -ausgaben und sagen dann: ‘Die Flüchtlinge sind ein Verlustgeschäft für Deutschland.’ Das Argument ist, dass sie mehr soziale und andere Leistungen vom Staat erhalten, als sie an Steuern zahlen.” Doch die Rechnung sei “grundfalsch, manipulativ und irreführend”, erklärte der Ökonom.

Fratzscher geht sogar so weit zu sagen: “Wenn wir diese Milchmädchenrechnung ernsthaft aufmachen, sind auch zwei Drittel der Deutschen ein Verlustgeschäft.” Denn: Nur sehr wenige Menschen mit hohem Einkommen zahlten so viele Steuern, dass das die Transferleistungen und andere Leistungen, wie Bildung oder Infrastruktur, aufwiege.

Die durch die Flüchtlinge entstehenden Chancen für Deutschland macht der Ökonom an zwei Argumenten fest:

1. “Diese Menschen sind zum Großteil sehr jung.” Auch wenn viele mit geringer Qualifikation als die meisten Deutschen hier ankämen, bestünde eine riesige Chance - und auch eine Verpflichtung von Staat und Gesellschaft -, ihnen eine ordentliche Qualifikation zu vermitteln. “Sie werden 30 oder 40 Jahre im Arbeitsmarkt sein – was sich wiederum wirtschaftlich für Deutschland auszahlen kann.”

2. Nicht nur gut ausgebildete Flüchtlinge mit hohem Einkommen sind ein Gewinn für die Wirtschaft. “Wir wissen von vielen wissenschaftlichen Studien, dass es eine Art Fahrstuhleffekt gibt: Die Einheimischen steigen durch die Neuankömmlinge auf der Leiter des Arbeitsmarkts tendenziell nach oben auf”, erklärte der Ökonom. Für einen Verdrängungseffekt gebe es hingegen keinerlei wissenschaftliche Belege.

“In einem Land wie Spanien mit ohnehin hoher Arbeitslosigkeit mag das schwieriger sein, aber in einem Land wie Deutschland mit rekordniedriger Arbeitslosenquote und über einer Million offener Jobs gilt das umso mehr.”

Es wird zu viel um unsinnige Fragen wie Obergrenzen gestritten

Fratzscher kritisiert eine zunehmend unsachliche Diskussion über das Thema Flüchtlinge und Arbeitsmarkt. Er sagte “Focus Online”: “Es wird zu viel um unsinnige Fragen wie Obergrenzen gestritten und zu wenig darüber, wie Integration gelingen kann.”

Mehr Bundesländer sollten dem positiven Beispiel von Bayern folgen, das es geschafft hat, viele der Flüchtlinge unterzubringen und in Ausbildung zu helfen. “Da muss die Politik deutlich mehr tun”, forderte der Ökonom.

In Deutschland herrsche oft die Mentalität, dass die Verantwortung vor allem bei den Flüchtlingen selbst liege. “Da machen wir es uns zu einfach. Ich sehe die Hauptverantwortung bei uns selbst, bei der Politik, aber auch bei Wirtschaft und Gesellschaft.”

Um die Herausforderung der Integration von Flüchtlingen zu meistern, braucht es nach Fratzschers Worten einen Pakt zwischen Wirtschaft und Politik. Die Wirtschaft sollte sich sehr viel stärker dazu verpflichten Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Und die Politik muss die Wirtschaft deutlich besser unterstützen, finanziell, administrativ und über Integrationsprogramme.” Die Unternehmen brauchten Planungssicherheit, so der Ökonom.

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