POLITIK
03/01/2016 00:25 CET | Aktualisiert 04/01/2016 19:01 CET

So verschärft der Flüchtlingszustrom die Armutskrise in Deutschland

Wer sehen will, wie Armut in Deutschland aussieht, muss nur einen Blick in eine der vielen Tafeln hierzulande werfen. Die Schlangen wurden dort zuletzt immer länger. Zum Teil waren die Lebensmittelausgaben gar nicht mehr in der Lage, neue Kunden aufzunehmen.

„Die Lage ist zurzeit sehr angespannt“

„Die Lage ist zurzeit sehr angespannt“, sagte der Chef des Bundesverbands der Tafeln, Jochen Brühl, Anfang November. 60.000 Helfer hätten bisher eine Million Bedürftige in Deutschland versorgt. Doch durch den Flüchtlingszuwachs sei die Zahl der Bedürftigen in nur wenigen Monaten um 150.000 nach oben geschnellt.

Kurz darauf waren es sogar schon 200.000 Flüchtlinge, die von den Tafeln mitversorgt werden mussten. Oft gehen die Flüchtlinge offenbar schlicht deshalb zur Tafel, weil sie von den für sie zuständigen Kommunen nicht ausreichend Essen bekommen.

Forscher: Armutsquote steigt deutlich

Klar ist: Durch den großen Zustrom an Flüchtlingen wächst auch die Armut in Deutschland. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) geht davon aus, dass die große Mehrheit der Flüchtlinge zunächst auf Sozialleistungen angewiesen sein wird. "Sollten rund 800.000 Flüchtlinge in Deutschland von Transferleistungen leben, steigt die Armutsquote von 15,4 auf 16,1 Prozent", heißt es in einer Expertise der arbeitgebernahen Forscher.

Kämen bis Ende nächsten Jahres insgesamt 1,6 Millionen Flüchtlinge ins Land und müssten vom Staat versorgt werden, sei mit einem weiteren Anstieg auf 16,9 Prozent zu rechnen.

Als armutsgefährdet gilt den meisten Sozialforschern und Ökonomen zufolge hierzulande ein Single, der über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt – derzeit liegt die Schwelle bei rund 1000 Euro. Dem Statistischen Bundesamt zufolge sind aktuell 15,4 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet oder arm.

Die Hauptursache für den bevorstehenden Armutszuwachs ist wenig überraschend: Viele Flüchtlingehaben es mangels Ausbildung extrem schwer auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Selbst unter den syrischen Zuwanderern, die im Vergleich zu vielen anderen Flüchtlingsgruppen noch gut ausgebildet sind, war zuletzt gut jeder sechste Ankommende ein Analphabet. Gut sechs von zehn geflüchteten Syrern hatten gar keinen Schulabschluss oder nur die Grundschule erfolgreich besucht.

Laut Arbeitsagentur finden im Durchschnitt nur acht Prozent aller Flüchtlinge bereits im ersten Jahr einen Job. Nach fünf Jahren trifft dies immerhin auf jeden zweiten zu. Das Bundesarbeitsministerium rechnet für 2016 mit bis zu 460.000 Flüchtlingen, die Hartz-IV-Leistungen beantragen müssen.

Sechs von zehn Syrern haben bestenfalls einen Grundschulabschluss

Und selbst, wenn die Flüchtlinge einen Job finden, bleibt ein Problem: "Der Großteil der Flüchtlinge wird voraussichtlich noch jahrelang ein niedrigeres Einkommen haben", sagte der Politologe Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin gerade erst im Gespräch mit der Zeitung Die "Welt“ voraus.

Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gehen davon aus, dass aufgrund der vielen arbeitslosen Flüchtlinge auch die Gesamtzahl der Erwerbslosen in Deutschland um mehrere zehntausend ansteigen wird – trotz guter Konjunktur.

Ob die hohe Zahl an Flüchtlingen auch zu mehr Armut unter den bereits hier lebenden Menschen führen wird, hängt maßgeblich davon ab, ob die Politik die nötigen Voraussetzungen schafft, um dies zu verhindern. Würde etwa der Mindestlohn für Flüchtlinge ausgesetzt, könnte dies einheimischen Niedriglöhnern den Job kosten – oder zumindest den Druck etwa zu unbezahlter Mehrarbeit erhöhen. Betroffen davon wären überproportional hier lebende Migranten. Mehr als jeder fünfte von ihnen lebte hierzulande zuletzt bereits unter der Armutsgrenze.

Hunderttausende Wohnungen fehlen

Zudem droht aufgrund schon bald anerkannter hunderttausender Flüchtlinge eine massive Verteuerung von Wohnraum in den großen Städten. Durch den massiven Zustrom an Asylsuchenden wird der Mietmarkt in Metropolen wie München, Köln, Berlin oder Hamburg noch weiter angeheizt. Innerhalb weniger Monate kamen zuletzt bis zu einer Million Flüchtlinge, die, sobald sie anerkannt sind, wie auch die meisten Deutschen in den Großstädten leben wollen.

Dabei war der Mietmarkt in den großen Städten bereits vor Beginn der Flüchtlingskrise für Geringverdiener und Teile der Mittelschicht zunehmend unbezahlbar geworden. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, sagt im Gespräch mit der Huffington Post: „In Deutschland gibt es schon lange einen Verdrängungswettbewerb.“ Und die ankommenden Flüchtlinge würden gerade da, „wo es um billigsten Wohnraum geht, zu noch mehr Verdrängungswettbewerb führen.“

Dabei hatten der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zufolge bereits im vergangenen Jahr bereits 335.000 Menschen keine Wohnung, im Jahr 2018 sollen es bereits 560.000 sein. Von 2002 bis 2013 hat sich die Anzahl der Sozialwohnungen dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales zufolge deutschlandweit von 2,47 Millionen auf 1,47 Millionen beinahe halbiert.

Dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zufolge würde es alleine rund 4,5 Milliarden Euro jährlich kosten, den Bestand an sozialem Wohnraum dauerhaft zu halten. Doch der Bund hat zuletzt gerade einmal eine Milliarde Euro für diesen Zweck bewilligt. Werden die Mittel nicht aufgestockt, wird die Armut noch weiter wachsen.

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