So gefährlich ist der neue Stalin-Kult in Russland

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Auf der einen Seite gibt es die Fakten: Josef Stalin gilt als einer blutrünstigsten Diktatoren aller Zeiten.

Das System der Gulags. Die willkürlichen Ermordung von Bauern. Eine bewusst herbei geführte Hungersnot in der Ukraine („Holodomor“) mit mehreren Millionen Toten. Der große Terror von 1936-38, als es Planziele gab, wie viele Funktionsträger aus Partei, Armee, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft erschossen werden müssen (zeitweise 1.000 – pro Tag).

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Stalins Herrschaft bis zu 20 Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Als Stalin am frühen Morgen des 2. März 1953 einen Hirnschlag erlitt und bewegungsunfähig in den Privatgemächern seiner Datscha lag, dauerte es 16 Stunden, bis sich ein Wachmann traute, nach dem Rechten zu sehen.

Stalin starb einen qualvollen Tod, weil sich niemand traute, ihn zu behandeln

Die Erstversorgung verzögerte sich um weitere lange Stunden, da die Kremlärzte zu dieser Zeit im Gefängnis gefoltert wurden und verfügbare jüdische Ärzte wegen einer rassistischen Säuberungskampagne nicht zur Rate gezogen werden durften. Erst am nächsten Morgen fand sich ein Mediziner. Und der wagte es anfangs nicht einmal, den Puls Stalins zu fühlen. Zwei Tage später war der Diktator nach langem, qualvollem Todeskampf gestorben.

Auf der anderen Seite erlebt Stalin in Russland derzeit ein unfassbares Comeback, das sich rational kaum erklären lässt.

Kürzlich wurde in dem Dorf Choroschewo ein neues Stalin-Museum eröffnet. Der Diktator war hier auf seinem einzigen Frontbesuch während des Zweiten Weltkriegs zu gast – für genau eine Nacht. In der Ausstellung geht es folgerichtig auch nicht um den „Großen Terror“, sondern um Stalins Kriegserfolge im Kampf mit Hitlerdeutschland.

Putin half mit bei der Resozialisierung des Diktators

Bereits seit Jahren zeichnet sich ab, dass Stalin sich in Russland einer großen Beliebtheit erfreut. Die Politik Putins hat daran durchaus ihren Anteil.

Der russische Präsident höchst selbst war es, der im Jahr 2007 die Geschichtslehrer des Landes aufgefordert hatte, neue Lehrbücher zu erarbeiten. Darin sollte Stalin als grausamer, aber erfolgreicher und rational handelnder Herrscher dargestellt werden, der Terror nur als Mittel zur Durchsetzung legitimer Ziele angewendet hat.

Schon zu dieser Zeit wurden in Russland nach Jahrzehnten wieder die ersten neuen Stalin-Denkmäler eingeweiht. Gleichzeitig kämpften Organisationen wie „Memorial“, die an den Terror Stalins erinnerten, mit staatlichen Repressalien.

Seit Jahren hat Stalin gute Umfragewerte

Ende 2008 wurde Stalin von den Zuschauern des TV-Senders „Rossija“ bei der Wahl zum „größten russischen Helden aller Zeiten“ auf Platz drei gewählt. Später stellte sich heraus, dass das Ergebnis fingiert war. Eigentlich hatte Stalin die Wahl gewonnen. Doch das traute sich die Leitung des Senders damals offenbar noch nicht auszustrahlen.

In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada aus dem Jahr 2013, wer der „beliebteste Kremlherrscher“ gewesen sei, belegte Stalin neben Lenin und Breschnew den ersten Platz. Insgesamt gaben 50 Prozent der Russen an, ein positives Bild von dem im heutigen Georgien geborenen Sowjet-Diktator zu haben.

Passend dazu auch eine Umfrage aus dem gleichen Jahr. Der Aussage „Stalin war ein weiser Führer, der der Sowjetunion Macht und Wohlstand gebracht hat“ stimmten gut 47 Prozent zumindest überwiegend zu.

Die Stalin-Renaissance hat ihre Ursache im russischen Nationalismus

Kaum verwunderlich, dass die Stadt Wolgograd im Jahr 2013 beschloss, sich für wenige Tage wieder in „Stalingrad“ umzubenennen – zur Erinnerung an den 70. Jahrestag des Sieges über Hitlers 6. Armee an gleicher Stelle.

Die Stalin-Renaissance ist eng verbunden mit dem nationalistischen Gesellschaftsklima, das derzeit in Russland herrscht. „Unter Stalin war die Sowjetunion zu einer Supermacht geworden, worauf viele russische Patrioten stolz waren. Aus nationalistischem Blickwinkel gesehen, ging es letztlich nur darum“, schreibt der Russland-Kenner Walter Laqueur in seinem Buch „Putinismus“.

Laquer weiter: „Aus Sicht der russischen Nationalisten besteht die größte Herausforderung und Mission darin, diesen Status wiederzuerlangen. Stalin war zwar kein ethnischer Russe, ist aber zu einer Art Ehrenrusse geworden, der sich mit dem Land identifiziert und alles getan hat, um es zu stärken.“

Putin selbst verteidigt den Hitler-Stalin-Pakt

Russlands Präsident Wladimir Putin hütet sich zwar davor, die Stalin-Ära uneingeschränkt zu glorifizieren. Aber er versteht es geschickt, die Nationalisten mit relativierenden Aussagen zur Herrschaft des Sowjet-Diktators anzufüttern.

Wiederholt hat Putin etwa den Hitler-Stalin-Pakt verteidigt. Auf einem Treffen mit Historikern in Moskau etwa sagte er Ende 2014, dass der deutsch-sowjetische Kriegspakt „keine schlechte Idee“ gewesen sei und damals als „friedenssichernde Maßnahme“ zum Standardrepertoire der Politik gehört habe.

Dass diese zwischen den Außenministern Molotow in Ribbentrop geschlossene Vereinbarung nicht nur den Weg für Hitlers Polenfeldzug frei machte sondern auch die Aufteilung des gesamten osteuropäischen Raums in „Einflusssphären“ zur Folge hatte, verschweigt Putin gerne bei solchen Gelegenheiten. Historiker gehen davon aus, dass allein im sowjetisch besetzten Ostpolen Zehn- , wenn nicht gar Hunderttausende Menschen durch Stalins Terror starben.

Kaum verwunderlich, dass in den Nachbarländern Russlands die Sorge vor dem Stalin-Kult und seinem nationalistischen Ursprüngen wächst.

Stalin-Kult wird als Drohung empfunden

In der Hafenstadt Odessa und in anderen ukrainischen Städten etwa zogen pro-russische Demonstranten im Jahr 2014 mit Stalin-Fahnen durch die Straßen. Das wurde von den Ukrainern damals nicht nur als Provokation gesehen - sondern auch als Drohung.

Der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa befürchtete jüngst in einem Interview mit „Zeit Online“ eine „Rückkehr zum Totalitarismus, wie in den 1930er Jahren.“

Mit Blick auf den Krieg in der Ostukraine sagte Loznitsa: „Anfang der nuller Jahre rätselten die internationalen Beobachter noch, wohin Russland geht. Jetzt kennen wir seine Richtung genau. In der Ukraine nimmt das Land am Krieg teil, als Aggressor.“

Wahrscheinlich hilft genau dieser Blick, um den Stalin-Kult richtig zu verstehen. Dem russischen Nationalismus ging es nie um die Wiederherstellung von „legitimen Ansprüchen“ und die Abwehr „westlicher Arroganz im Umgang mit Putin“, so wie es die Putin-Fans in SPD und Linkspartei gerne gesehen hätten.

Es geht um Großmachtstreben. Um chauvinistische Eitelkeiten. Und dafür ist Stalin womöglich der passende Posterboy.

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