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Dieser Stadtteil ist eine Hochburg für radikale Islamisten. Wir waren dort

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SALAFISTEN
dpa
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Wenn wir über Terroristen sprechen, dann sprechen wir über Paris. Über Syrien. Und über Brüssel, wo viele von ihnen leben.

Vielleicht sollten wir dabei auch öfter über Bremen sprechen. Nirgends in Deutschland leben - gemessen an der Zahl der Einwohner - so viele radikale Islamisten: 360 Salafisten beobachtet der Verfassungsschutz in dem Stadtstaat. Bremen ist daher die unterschätzte Hochburg der Salafisten in Deutschland.

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Grund genug, nach Bremen zu fahren. Wie denken die Menschen über das Leben mit den potenziellen Terroristen? Was sagen Muslime? Können wir womöglich einen Salafisten auf einen Tee treffen?

Die Spur führt in die Stadtteile Gröpelingen und Walle. Sie sind etwa eine halbe Stunde vom Stadtzentrum entfernt und sehen eher kleinstädtisch aus. Hier gibt es viele für Bremen typische Mehrfamilienhäuser aus rotem Backstein.

Und die haben einen miesen Ruf: Eine Sprecherin des Innensenators bezeichnet diese Stadtteile als Hotspot der Salafisten. Das weiß hier jeder. Eine Passantin auf der Straße nennt die Straßenbahnlinie 10, die den Stadtteil Gröpelingen mit dem Zentrum verbindet, abschätzig „Terroristenexpress“.

Die Stadtteile Gröpelingen und Walle gelten als Hotspot

Zwar gibt es bislang keinen Hinweis darauf, dass sich je ein Bremer Salafist an einem Anschlag beteiligt hat. Experten warnen aber, dass viele von ihnen Kontakte nach Syrien und zum IS haben.

Es sind Geschichten wie die des ehemaligen Kultur- und Familienverein (KuF), die den Menschen hier Angst machen.

Heute ist das Gebäude nur noch ein leerstehender, eingezäunter Backsteinbau. Doch vor einem Jahr war das noch anders. Da trafen sich hier Dutzende radikale Salafisten.

Als die Polizei beobachtete, dass einige von ihnen nach Syrien ausreisten, um sich dem IS anzuschließen, wurde es zu viel.

Sie rückten mit Spezialeinheiten aus, um den KuF hochzunehmen. Polizisten stürmten das Gebäude, nahmen Dutzende Leute fest und schlossen die Einrichtung.

Der Verein ist verschwunden - doch die Salafisten sind geblieben.

„Die Salafismus-Bewegung, wie sie sich in Deutschland herausgebildet hat, finde ich gefährlich“, sagt Hans-Joachim von Wachter, Chef des Verfassungsschutzes Bremen.

Wer den Beamten treffen will, muss zum Stadtflughafen, an einer Sicherheitsschleuse vorbei und sein Handy einschließen. Jedes mal, wenn von Wachter zur Arbeit kommt, hat er das Gefühl, in den Urlaub zu fliegen.

"Die Bewegung finde ich gefährlich"


Er blättert durch einen Ordner mit Zahlen, die vielen Menschen Sorgen machen dürften: Etwa, weil sich 23 Salafisten aus Bremen dem IS angeschlossen haben - vier von ihnen sind in Syrien oder im Irak im Kampf gestorben. Doch acht von ihnen sind zurück. Einige gelten als nicht mehr gefährlich, weil sie sich ideologisch vom IS abgewendet haben - nur einer sitzt im Gefängnis.

Gegen andere läuft ein Verfahren wegen Anschluss an eine terroristische Vereinigung. Außerdem haben die Beamten 14 Bremern den Pass entzogen, damit sie nicht mehr nach Syrien reisen können.

Für von Wachter ist die Rechnung klar: Jeder zehnte Salafist landet beim IS. Wenn man auf ganz Deutschland schaut, stimmt die Faustregel sogar. 7900 Salafisten leben unter uns, 760 haben sich dem IS angeschlossen. Während sich die Zahl der Salafisten allerdings in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt hat, ist sie in Bremen konstant geblieben.

Das liegt auch an den zahlreichen Projekten, die es in dem Bundesland zur Salafismus-Prävention gibt. Etwa Jimi, ein Verein mit Streetworkern, die versuchen, mit gefährdeten Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Es liegt aber auch an Menschen wie Hazim Fouad.

Er zieht mit Kitab, eine auf Salafismus-Prävention spezialisierte Organisation, durch Schulen. Dort trainiert er Lehrer im Umgang mit Jugendlichen, die sich möglicherweise radikalisieren könnten.

"Die Nachfrage nach Präventionskursen ist nach den Anschlägen in Paris gestiegen"


Woran man das erkennt?

Er berichtet von Schülern, die andere angehen, weil sie zum Ramadan nicht fasten. Oder Mädchen, die vom einen auf den anderen Tag vollverschleiert in die Klasse kommen. Oder, die vom Plan der Familie erzählen, auszureisen.

Die Nachfrage nach solchen Aufklärungskursen sei nach den Terroranschlägen von Paris „noch einmal gewaltig gestiegen“, sagt Fouad. Vor allem von Schulen in den gefährdeten Stadtteilen Gröpelingen und Walle.

Hier liegt auch das Schulzentrum Walle, das vor einem Jahr Schlagzeilen machte. Damals schlug Schulleiter Matthias Möller Alarm. Der „Bild“ sagte er: „Wir haben ein Problem mit einer Handvoll radikaler Islamisten. Und wir gehen das jetzt an, auch damit sich herumspricht, dass wir das nicht dulden!“

Ein weiteres Salafisten-Problemviertel ist Bremen Tenever, eine Betonsiedlung im Osten der Stadt. Einst sollten die vielen Hochhäuser ein Vorzeigeort Bremens werden, heute sind viele von ihnen wieder abgerissen. Was übrig blieb, bewohnen heute vor allem Menschen aus unteren Einkommensschichten.

Hier trat etwa der islamistische Hassprediger Pierre Vogel in Privatwohnungen auf, nachdem seine öffentlichen Veranstaltungen von Behörden beobachtet und von Rechtsextremen gestört wurden. Vogel richtet sich vor allem an junge Leute – auf Youtube erreichen seine Videos hunderte bis tausende Zuschauer.

Der aus Nordrhein-Westfalen stammende Vogel ist so etwas wie ein Youtube-Star der Salafisten. Seine Videos haben Titel wie "16 Tipps, um auf dem geraden Weg zu bleiben" oder "Jungfräulichkeit verloren, wie verhalte ich mich?"

Tausende sehen sich diese Videos an.

Aber warum ausgerechnet Bremen?

Für den Bremer Verfassungsschutz-Chef von Wachter spielt das Islamische Kulutrzentrum (IKZ) eine zentrale Rolle dabei, warum der Salafismus ausgerechnet in Bremen so stark werden konnte.

Hier treffen sich jeden Freitag bis zu 500 Muslime zum Freitagsgebet. Nicht alle von ihnen sind Salafisten. Wohl aber werden hier salafistische Lehren propagiert.

Die Einrichtung war eine der ersten seiner Art in Deutschland und Europa – und war ein Anlaufpunkt für alle, die sich dem Salafismus anschließen wollten. „Bremen hatte vor 2012 deutschland- und europaweit eine Sogwirkung“, sagt von Wachter.

Was ist dran? Wir haben persönlich keine Chance zu erfahren, wie IKZ-Chef Omar Habibzada darüber denkt. Ihn wollen wir in seinem Sitz in einem unscheinbaren weißen Bau besuchen - zehn Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Eine Antwort auf unsere Anfragen per Mail und Telefon bekamen wir aber nicht.

Vor wenigen Monaten war es noch einfacher, ein Interview mit Habibzada zu bekommen. Da lähmte die Angst vor dem Terror die ganze Stadt.

An jenem Februar-Wochenende patrouillierten Polizisten mit Maschinenpistolen in der Stadt, weil sie Hinweise auf einen Anschlag hatten. Damals stürmten Spezialkräfte das IKZ. Bis in die Spitze des Innenministeriums wurde der Fall diskutiert.

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Polizisten durchsuchen das Islamische Kulturzentrum in Bremen. Foto: dpa

Als „unverhältnismäßig“ verurteilte Habibzada den Einsatz – und forderte den Rücktritt des Innensenators. Auch Behörden kritsierte er scharf. Salafismus, das sei ein „vom Verfassungsschutz konstruierter Kampfbegriff“.

Das Wochenende wird seither in Bremen als „Terrorwochenende“ bezeichnet, obwohl es keinen Terror gab.

Der Begriff zeigt, wie schwierig das Verhältnis der Stadt zu seiner salafistischen Szene ist. Und es sieht nicht danach aus, dass sich dieses Verhältnis demnächst ändern wird.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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