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Psychologe Stephan Grünewald: "Viele Deutsche sehnen sich nach einem starken Mann"

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Kaum einer kennt die Seele der Deutschen so gut wie der Kölner Psychologe und Bestseller-Autor Stephan Grünewald. Er ist Chef des Rheingold Instituts für Marktforschung. Und für unterschiedlichste psychologische Studien befragt er jedes Jahr Hunderte Deutsche. Zu gesellschaftlichen Fragen, ihre Sicht auf Marken und ihre Erwartungen an die Zukunft. Wir haben Grünewald gefragt, wie es den Deutschen am Ende dieses turbulenten Jahres geht.

HuffPost: Herr Grünewald, eben noch war Deutschland der gefeierte Star, der ganz Europa wirtschaftlich stützen konnte. Nun ist eine wachsende Zahl der Deutschen tief besorgt. Es geht um Flüchtlinge, um das Wirtschaftsabkommen TTIP - und um die eigene Zukunft. Was ist passiert?

Stephan Grünewald: Das vergangene Jahr war für viele Deutsche ein Schock. Es begann ganz harmlos. Die meisten lebten in einem Paradies: Keine Krise schien uns etwas anhaben zu können. Anfang dieses Jahres war Deutschland eine Goretex-Republik.

Das müssen Sie erklären.

Wie bei der Funktionskleidung sollte das Gute aus Deutschland nach draußen dringen und uns zum Reise- und Exportweltmeister machen. Das Krisenhafte sollte aber tunlichst draußen bleiben: Die Griechenland-Krise, der islamistische Terror, der Krieg in Syrien - immer traf es andere. Deutschland war Helfer und Coach.

Nun sind die Krisen im Alltag der Deutschen angekommen.

Und das verunsichert sehr viele Menschen. Sie spüren, dass etwas aus den Fugen gerät: Die Skandale um den DFB, die Deutsche Bank und das Kernstück unserer Industrie – VW zeigen: Aus Deutschland dringt jetzt das Krisenhafte nach außen. Umgekehrt strömt jetzt mit den vielen Flüchtlingen das Krisenhafte scheinbar unkontrolliert in unserer Land.

Aber in anderen Ländern gibt es mitunter viel dramatischere Entwicklungen. Denken Sie nur an den Terror in Frankreich.

Das stimmt. Aber der Terror macht auch für die Deutschen deutlich, dass die Zeit paradiesischer Unbeschwertheit vorbei ist. Wir erleben im Moment eine massive Verunsicherung auf vielen Ebenen. Mutter Merkel, die lange Zeit eine Schutzheilige der Heimat war, ist zu einem internationalen Willkommensengel geworden. Und die Landeskinder stellen sich irritiert die Frage, wen Mutter Merkel denn jetzt mehr liebt – die eigenen Kinder oder die fremden Kinder.

Daher die miese Stimmung?

Genau. Das schürt Neid und Missgunst bei allen, die sich sowieso benachteiligt und wenig gewertschätzt fühlen. Gerade diejenigen, die erleben, wie die Mitte erodiert, verlieren die Perspektive für die Zukunft. Das führt zu Verbitterung. Gleichzeitig beobachte ich – wie es Michel Houellebecq in seinem Bestseller ‚Unterwerfung‘ beschreibt - eine heimliche Sehnsucht, aus der multioptionalen Beliebigkeit wieder in eine Welt mit klarer Ordnung einzutreten.

Wie bitte?

Wir erschöpfen uns heute in einem Alltag der unübersichtlich geworden ist, denn viele haltgebenden Strukturen sind in Deutschland verschwunden: Familien lösen sich auf, neue Formen der Patchwork-Partnerschaft entstehen, die vor allem viel Stress mit sich bringen und es gibt keine klare Rollenverteilung zwischen Mann und Frau mehr. Das führt zu einer Verantwortungsdiffusion und ständigen Streitereien in der Beziehung.

… worauf wollen Sie hinaus?

Dass eine liberale Gesellschaft wünschenswert ist. Aber wir müssen auch verstehen, dass sich viele Menschen davon überfordert fühlen. Viele wünschen sich daher eine fundamentalere Welt mit einer klareren Ordnung - und einen starken Mann, der auch mal auf den Tisch haut, wie Waldimir Putin in Russland.

Den ausgerechnet viele Pegida-Anhänger verehren.

Das ist kein Wunder. Putin verkörpert ein Männerbild der alten Schule: Er demonstriert zu jeder Zeit Macht und Stärke, trifft - scheinbar - harte Entscheidungen und grenzt sich gegen ein liberales Gesellschaftsbild ab. Die Suche vieler Deutscher nach einer starken Hand ist auch die Suche nach einer Welt, die nicht mehr existiert.

Dass Putins Bilanz politisch wie wirtschaftlich katastrophal ist, spielt dabei keine Rolle?

Nein. Es ist eine Gegenreaktion auf die zunehmende Unsicherheit. Je größer der Selbstzweifel ist, desto stärker ist die Sehnsucht nach einer fundamentalen Vereinfachung. Das muss man ernst nehmen. Die Lösung ist allerdings kein starker Mann, sondern eine gemeinsame Idee der Gesellschaft, in der wir leben wollen.

Gibt es die nicht?

Jedenfalls nicht für alle. Wir müssen uns wieder klar machen, was Freiheit, Religionstoleranz, Gleichberechtigung und Mitbestimmung für uns bedeuten. Wenn wir das wissen, fällt es uns auch leichter, diese Werte allen Neuankömmlingen zu vermitteln. Diese Selbstvergewisserung ist die eigentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration.

Wie gehen wir mit Pegida und den vielen Menschen um, die all das gerade in Frage stellen?

Zunächst einmal: Wir sollten keine Angst vor ihnen haben. Psychologen sagen immer, dass Unliebsames nicht verdrängt und ins Unbewusste gerückt werden sollte. Wir müssen uns bewusst mit ihnen auseinandersetzen. Nur so können die Vereinfachungen und insgeheimen Fundamentalismen „behandelt“ und demaskiert werden.

Also in die Talkshows mit den Vertretern?

Ja. Und in die Parlamente. Frankreich und die Schweiz haben da auch keine Berührungsängste. Es ist besser für unsere Gesellschaft, wenn alle Positionen auf der gleichen Bühne diskutiert werden. Das ist unbequem, aber die einzige Chance nicht noch weitere Parallel-Gesellschaften zu entwickeln.

Warum?

Wenn wir eine gemeinsame Idee einer Zukunft haben, werden sich diese Bewegungen von selbst entzaubern.

Das sagt sich so leicht.

Es war aber in der Vergangenheit immer so. Radikale politische Bewegungen haben in der jüngeren Bundesrepublik eine eher kurze Lebenszeit. Dennoch stehen wir vor einer doppelten Integrationsaufgabe: die Flüchtlinge einerseits. Aber auch die Anhänger von AfD und Pegida und damit ein knappes Viertel der Gesellschaft, das sich innerlich von unserer Demokratie verabschiedet hat, müssen wir integrieren. Das gelingt nur, wenn wir vermitteln, dass es um Deutschlands Zukunft doch nicht so schlecht steht.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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