Dieser Münchner will mit Kunst die Gesellschaft vor der Katastrophe bewahren

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SHEPARD FAIREY X POSITIVE PROPAGANDA
Shepard Fairey vor seinem 15 x 13 Meter großen Mural, in dem er die von international agierenden Ölkonzernen ausgehende Beeinflussung der Weltpolitik thematisiert. Er will vor einer dauerhaften Zerstörung von Natur und Umwelt warnen. | Hanna Sturm Positive-Propaganda e.V.
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Sebastian Pohl will auf Missstände aufmerksam machen. "Wir stehen vor viel größeren gesellschaftlichen Problemen als Flüchtlinge oder Pegida", sagt er. "Aber das dürfen wir natürlich nicht aussprechen." Pohl ist Gründer und Leiter des Kunstvereins "Positive Propaganda" in München. Und er ist richtig sauer.

Das sind die Probleme, die er meint: der internationale Waffenhandel, die Ölindustrie, die Gentrifizierung und die Profitgerichtetheit der großen Unternehmen. Und weil niemand darüber spricht, will er sie uns direkt vor die Nase halten - durch Kunst im öffentlichen Raum. Legale Street-Art, die politische Statements setzt und Missstände der Gesellschaft aufzeigt.

Der 32-Jährige lädt seit zwei Jahren Künstler aus aller Welt nach München. Dort gestaltet er zusammen mit ihnen legale Straßenkunstwerke.

aryz x positive propaganda

Pohl findet, dass seine Generation an der Reihe ist, aufzustehen. Etwas anzupacken, sich zu wehren. Aber die meisten jungen Menschen in Deutschland schauen weg, meint er. Pohl hat selbst Kommunikationsdesign und Politik studiert. Als Grafiker war er schon früh sehr erfolgreich. Bekannte Tabak- und Spirituosenkonzerne boten ihm Jobs an.

Doch Pohl lehnte ab. Er will keine Werbung für Zigaretten machen, an denen überall auf der Welt Millionen Menschen sterben.

positive propaganda

Vielen gehe es zu sehr ums Geld und um Karriere. Das kritisiert er. Und das ist auch Thema seiner Kunst.

An der Hauswand der Berufsschule für Farbe und Gestaltung am Königsplatz prangt ein riesiger Geldautomat. Davor steht ein kleiner Junge, der die Hand nach dem Geld ausstreckt.

blu am odeonsplatz

Mit Ironie und Sarkasmus erzählt er von seiner eigenen Kindheit. Seine Lehrerin habe ihm gesagt, dass er für "nicht mehr als für die Hauptschule taugt". Er will seine Geschichte zeigen, die Geschichte eines Jungen, der es trotz aller Vorurteile und Hindernisse geschafft hat.

Er hat seinen Traum verwirklicht - mit nichts als seiner Kreativität. Aber er ist sich aus eigener Erfahrung auch bewusst, dass es oftmals die armen, ungebildeten Leute sind, die sich kriminalisieren. Dass die Kinder, die eingepfercht in Ghettos und ohne Perspektive aufwachsen, später diejenigen sein werden, die verantwortlich für Anschläge wie in Paris oder Kalifornien sind.

streetartkünstler kripoe
Der deutsche Street-Art-Künstler "KRIPOE" mit dem Statement „Hände hoch für Waffenkontrolle!“

Sebastian Pohl ist gegen die Legalisierung von Marihuana. Er trinkt seit sieben Jahren keinen Alkohol mehr, hat nie geraucht oder Drogen genommen. Die Menschen, die sich diesen Süchten und Räuschen hingeben, verklären ihre eigene Weltanschauung. Sie entfliehen dem Alltag und der Realität. Nur damit man dann, wenn einen die Probleme irgendwann selbst betreffen sagen kann, "Ich wusste das nicht" oder "Ich alleine hätte eh nichts verändern können."

Er selbst besitzt nicht viel Geld. Auch für die zukünftige finanzielle Situation seiner Mutter blickt er pessimistisch in die Zukunft. Doch er selbst, sagt er, sei sehr glücklich. Er ist froh, dass es noch viele andere gibt, die an eine gerechtere Welt glauben, wie eben die Künstler, die von Pohl nur "Aktivisten" genannt werden.

In einem Projekt mit dem italienischen Künstler Ericailcane setzte er im Münchner Stadtviertel Westend ein Zeichen gegen die Gentrifizierung in deutschen Großstädten. Das zeigt einen Specht, der ein Eigenheim will, möglichst geräumig und für sich allein.

Aber er hat nicht mit den Arbeiter- und Mittelschichtsfamilien gerechnet. Die wohnen genau dort, wo sich der große Investorenspecht eine lukrative und möglichst teure Eigenheimoption anschaffen möchte. Die Verdrängung der Mittelschicht und Arbeiterklasse aus den Stadtzentren werden nicht nur von Investoren, sondern auch durch Studenten unterstützt, die teilweise horrende Summen für eine Wohnung oder ein WG-Zimmer zahlen. Von Geld, das sie vermutlich nicht selbst verdient haben.

ericailcane x positive propaganda

Im Februar wird Sebastian Pohl eine Ausstellung zu diesen Themen eröffnen. Unter anderem mit Shepard Fairey - der Künstler ist unter dem Synonym OBEY Giant und vor allem wegen der "Hope"-Plakaten in der Wahlkampfkampagne Barack Obamas zur Präsidentschaftswahl bekannt.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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