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Berliner Historiker Baberowski: "Das Deutschland, das wir kennen, wird durch Masseneinwanderung verschwinden"

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Kaum ein deutscher Historiker ist so streitbar wie Jörg Baberowski. Denn ihn bewegt nicht nur Vergangenes, sondern auch die Gegenwart - wie die Flüchtlingskrise, die seiner Meinung nach Deutschland für immer verändern wird.

Seine Thesen dazu sind provokant. Immer wieder meldet er sich mit seinen Forderungen zu einer strikteren Asylpolitik zu Wort. Nicht jeder Flüchtling sei eine Bereicherung für Deutschland, sagt er. Mit solchen Aussagen hat sich der Professor für die Geschichte Osteuropas, der an der Berliner Humboldt-Universität lehrt, schon die Bezeichnung Rechtsintellektueller eingehandelt.

Im Interview mit der HuffPost legt er noch einmal nach. Baberowski sagt, dass das Deutschland, an das wir uns gewöhnt haben, verschwinden wird. Mehr noch: Auf diese Entwicklung seien die Deutschen nicht vorbereitet. Außerdem rechnet er mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin ab - und klagt eine Emotionalisierung der Politik durch die Medien an.

HuffPost: Herr Baberowski, die Bundeswehr zieht in den Krieg, die Deutschen sorgen sich mehr vor dem Terror als zuvor. Befindet sich das Land in einer Zeitenwende?

Jörg Baberowski: Das kann man immer nur nachher wissen. Auch 9/11 haben die Menschen nicht sofort als Zeitenwende wahrgenommen. Ich glaube aber schon, dass etwas grundsätzlich Neues geschieht, das unser Land sehr verändern wird. Deutschland wird sich nicht mehr aus Kriegen und Konflikten raushalten können. Und das Deutschland, das wir kennen, wird durch die Masseneinwanderung verschwinden.

Was ist denn das Deutschland, das wir kennen?

Es ist das Deutschland, das auf einem christlichen Wertefundament beruht. All das, was uns lieb und teuer war, womit wir unserem Leben bislang einen Halt gegeben haben, muss sich ändern, weil Menschen aus einem anderen Kulturkreis kommen und auch andere Vorstellungen davon haben, wie wir leben sollen. Deutschland muss nun – wie auch die USA - einen gemeinsamen Nenner finden, auf den sich das Leben der Vielen bringen lässt. Wie das geschehen soll, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es nicht einfach werden wird.

War Deutschland bereits an einem solchen Punkt in der Geschichte?

Die 80er und frühen 90er-Jahre waren ein solch starker Einschnitt, als Flüchtlinge vom Balkan und Russlanddeutsche kamen, der Familiennachzug aus der Türkei anstieg und erstmals Asylbewerber aus aller Welt einreisten. Zur gleichen Zeit mussten die Folgen der Deutschen Einheit bewältigt werden. An ihr arbeiten wir noch heute, weil sich Ost- und Westdeutschland immer noch nicht im Konsens über das richtige Leben befinden. Die Nachwirkungen all dieser Veränderungen spüren wir heute noch. Gehört der Islam zu Deutschland? Ist Deutschland ein Einwanderungsland? All diese Debatten wären in den 70er-Jahren unmöglich gewesen.

Ist Deutschland dafür überhaupt gut gerüstet?

Deutschland ist überhaupt nicht gerüstet. Die dynamischen Einwanderungsländer – die USA, Kanada, Australien – sind gut vorbereitet, weil sie Einwanderung organisieren und steuern. Wir machen das nicht. Es ist absurd, dass ein russischer Akademiker nur mit Mühe ein Visum erhält, einem pakistanischer Wanderarbeiter, der ohne Pass nach Deutschland kommt, aber alle Möglichkeiten offen stehen sollen. Wir steuern Einwanderung nicht.

Wir bieten Einwanderern außer Geld nichts an

Und wir bieten Einwanderern außer Geld nichts an, womit sie sich positiv identifizieren können. Einwanderer müssen wissen, dass man sie hier braucht und, dass sie willkommen sind. Dafür muss unsere Gesellschaft aber auch ein attraktives und positives Bild von sich selbst entwickeln. Man kann nicht einfach die Grenzen öffnen und die Einwanderungsbewegung sich selbst überlassen. Dafür werden wir einen hohen Preis zahlen müssen.

Die Bundesregierung sieht das anders – sie erhofft sich, mit der Kontingentlösung das Problem in den Griff zu bekommen.

Die Kontingentlösung kann Merkel vergessen. Kein Land will Deutschland irgendeinen Einwanderer abnehmen. Das hätte funktioniert, wenn man sich von Anfang an an Recht und Gesetz gehalten hätte. Weil sie die Grenzen geöffnet und jeden willkommen geheißen hat, ist Merkel jetzt zur Bittstellerin in Europa geworden. Es war nicht klug, Selfies mit Flüchtlingen zu machen, die in alle Welt verschickt wurden, und es war auch nicht klug, in die Welt hinauszurufen, es könne jeder nach Deutschland kommen, weil es eine Obergrenze nicht geben dürfe.

Die Grenzen müssen jetzt geschlossen werden

Natürlich weiß die Kanzlerin, was sie angerichtet hat. Hätte sie es aber zugegeben, wäre sie nicht mehr im Amt. Die Bürger müssen die Folgen dieser Politik nun bewältigen, sie werden nicht einmal gefragt, ob sie sie auch bewältigen wollen. Die Kanzlerin hat ja nicht einmal das Parlament gefragt. Die Grenzen müssten jetzt geschlossen werden. Das wäre ein klares Signal an die europäischen Nachbarn, sich an der Bewältigung der Krise zu beteiligen. Aber wird es dazu kommen? Ich bezweifle es.

Das sind auch beliebte Argumente der rechtskonservativen AfD, die in Umfragen bei bis zu zehn Prozent liegt. Könnten die noch zulegen?

Rechtskonservative Parteien haben in allen Ländern Europas ein maximales Stimmenpotential von 20 Prozent. In Deutschland weniger. Ich würde das nicht dramatisieren – das gehört zur Demokratie. In allen Ländern Europas gibt es konservative Parteien im Parlament. In Deutschland hat es sie auch einmal gegeben. Nun kommen sie zurück. Man muss es nicht mögen, aber man sollte akzeptieren, dass Demokratie auch heißt, dass alle politischen Strömungen eine Stimme haben sollten.

Das nehmen viele anders wahr. Die haben eher Angst vor der AfD, wenn sie jemanden sehen wie Björn Höcke.

Ich kenne mich mit der Parteipolitik der AfD nicht aus. Aber Höcke nimmt doch nun wirklich niemand ernst. Ich erkläre mir den Erfolg der Partei vor allem damit, dass es im Parlament derzeit keine Opposition gibt, die der Kanzlerin widerspricht und die Staatskrise thematisiert. Dort sagen alle das Gleiche. Sie wiederholen, was Merkel sagt. Und in diese Lücke stößt die AfD.

So harmonisch, wie Sie es beschrieben, geht es gerade in Merkels Union nicht zu. Da streitet man sich jeden Tag über den Kurs der Kanzlerin. Manche reden gar von einem Putsch.

Ja, aber es käme niemand auf die Idee, Merkel zu stürzen. Das würde vermutlich zu Neuwahlen führen oder könnte Rot-Rot-Grün an die Macht bringen. Dann hätte die Union gar nichts mehr zu melden. Das will auch niemand. Deswegen geht es so weiter.

In einem Gastbeitrag für die "NZZ" haben Sie Deutschland als Land der Tugendwächter bezeichnet. Wer sind diese Tugendwächter überhaupt?

Diese Kritik bezieht sich vor allem auf die Fernsehmedien. Journalisten treten auf wie Hofberichterstatter, sie stellen keine kritischen Fragen, sondern verstehen sich als verlängerter Arm der Kanzlerin und ihrer Strategie. Sie machen Politik mit Bildern von Kindern und Frauen, berichten mit brüchiger Stimme und bedienen Gefühl und Ressentiment. Das ist ganz schlechter Journalismus, den wir seit Jahren Tag für Tag erleben müssen. Welcher Fernsehjournalist kann eigentlich noch zwischen Bericht und Kommentar unterscheiden?

Was ist falsch daran, sich als Medium klar zu positionieren?

Es ist nicht Aufgabe des Journalisten, dem Zuschauer mitzuteilen, wie er die Welt sieht. Er soll mitteilen, wie andere die Welt gesehen haben, und er darf es nicht bewerten. Der Bürger ist erwachsen, er kann sich selbst ein Urteil bilden. Wer immer in Deutschland anders spricht, als es die veröffentlichte Meinung von ihm erwartet, wird mit der Nazi-Keule zum Schweigen gebracht. Es ist dumm, Politik zu emotionalisieren, auch wenn man damit die Einschaltquoten steigert.

Das Spiel mit den Emotionen ist gefährlich

Denn was einmal als Inszenierung in der Welt ist, kann nicht einfach wieder aus ihr verschwinden. Wenn aber Zuschauer in der Berichterstattung nichts mehr von dem wiederfinden, was sie täglich erleben, wird das Spiel mit den Emotionen gefährlich. Die Bürger werden misstrauisch, sie wenden sich ab, weil sie glauben, dass Politiker und Journalisten Meinungen erzeugen und Stimmungen manipulieren wollen. In Ostdeutschland reagieren viele Bürger darauf mit größerer Sensibilität, weil sie wissen, was eine Diktatur ist und wie man in ihr lebt.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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