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800 Euro für jeden: Finnland geht einen radikalen Schritt

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Es ist ein gigantisches politisches Experiment: Finnland hat angekündigt, ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger zu prüfen. Eine entsprechende Passage war Teil des Koalitionsvertrags der in diesem Jahr neugewählten Regierung. Umfragen zufolge hatten 79 Prozent der Finnen dieses Vorhaben unterstützt.

Nun macht die Regierung den Plan wahr: Im Oktober starteten finnische Forscher eine Vorstudie, die untersuchen soll, wie das Grundeinkommen in Finnland umgesetzt werden könnte.

Folgen soll im Jahr 2017 ein zweijähriges Experiment, das die Auswirkungen eines solchen Grundeinkommens untersucht. Die Regierung hat laut dem Studienleiter Olli Kangas 20 Milliarden Euro für das Experiment zur Verfügung gestellt. Rund 10.000 Haushalte sollen teilnehmen. Das Grundeinkommen könnte 800 Euro betragen, es könnte aber auch eine andere Summe sein, sagte Kangas gegenüber dem Onlineportal "Vox". Die Mindestsumme betrage aber 550 Euro.

"Eine Vereinfachung des Sozialsystems"

Die Regierung will mit diesem Schritt vor allem die Arbeitslosenzahlen reduzieren - im Oktober waren knapp neun Prozent aller Einwohner ohne Job. Der Gedanke dahinter: Mit dem Grundeinkommen in der Hinterhand könnten arbeitslose Finnen Jobs mit schlechterer Bezahlung annehmen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, wie sie jeden Monat über die Runden kommen.

Einsparungen in Millionenhöhe?

Die Idee klingt verlockend. Die Generaldirektorin der finnischen Sozialversicherungsgesellschaft KELA, Liisa Hyssälä, hofft zudem darauf, dass die Regierung mit dem Vorhaben mehrere Millionen Euro einsparen wird. Das allerdings könnte sich als Trugschluss herausstellen - und ins Gegenteil verkehren. Nach Berechnungen des TV-Senders "Bloomberg" würden durch ein Grundeinkommen von 800 Euro jährliche Ausgaben in Höhe von 52 Milliarden Euro auf das Land zukommen - bei einem voraussichtlichen Haushaltsüberschuss von 49,1 Milliarden Euro.

Die Einsparungen in der Sozialversicherung gingen auf Kosten derer, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind: Sieht das Gesetz doch vor, alle staatlichen Zuschüsse einzustampfen. Für diejenigen also, die bisher von Miet- oder Arbeitsunfähigkeitszuschüssen profitiert haben, könnte es ab dem kommenden Jahr düster aussehen. Ihnen droht ein Leben in Armut.

Das System findet Nachahmer

Trotzdem dürfte die Idee bald auch außerhalb Finnlands Schule machen: Die niederländische Stadt Utrecht will im kommenden Jahr ebenfalls ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen. Die Summe soll zwischen 900 und 1.300 Euro im Monat liegen.

Auch hierzulande sorgt die von kritischen Stimmen als "Money for nothing" bezeichnete Stütze immer wieder für Debatten: Bereits vor zwei Jahren fragte die "Süddeutsche Zeitung" zwölf Experten, ob es Deutschland mit einem bedingungslosen Grundeinkommen besser gehen würde.

Ein eindeutiges Ergebnis gab es nicht: Kritiker waren der Meinung, das System sei nicht finanzierbar und würde zu einem massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit führen. Gleichzeitig würde ein solches Einkommen den Wirtschaftsstandort Deutschland beschädigen.

Glückliche Menschen mit mehr individueller Freiheit?

Die Befürworter verwiesen vor allem darauf, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen den Bürgen mehr Selbstverwirklichung ermöglichen und das Ehrenamt fördern würde. Sie hielten sogar einen Rückgang der Kriminalität für möglich. Das Einkommen würde die Deutschen glücklicher machen, da nun neue Anreize geschaffen werden müssten, um bisher unliebsame Arbeitsplätze mit schlechtem Gehalt und einer ebensolchen Work-Life-Balance attraktiver zu machen.

Populär ist die Idee in jedem Fall: Im vergangenen Jahr hat der Berliner Michael Bohmeyer ein Crowfunding-Projekt ins Leben gerufen, das einem Menschen ein Einkommen von monatlich 1.000 Euro ermöglichen sollte. Der Website zufolge sind bereits 25 Teilnehmer mit einer Monatszahlung aus Spenderhand ausgestattet worden.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass die finnische Regierung die Einführung des Grundeinkommens schon beschlossen habe. Das ist nicht der Fall. Sie beschloss lediglich das entsprechende Forschungsprojekt, das ein Grundeinkommen vorbereiten soll.

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