Er sah keinen anderen Ausweg, um seinem Sohn zu helfen. Jetzt muss er vielleicht ins Gefängnis

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MICHAEL UND ARUN
Michael Sahm
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Michael Sahm sah keinen anderen Ausweg mehr. Er nahm an einem Freitagmorgen seinen fünfjährigen Sohn Arun an die Hand und floh. Hier erzählt er die Geschichte des Streits mit seiner Exfrau um ihr gemeinsames Kind aus seiner Sicht.

Die Flucht war eine Entscheidung, die er kurze Zeit davor nicht für möglich gehalten hätte:

Sein Sohn Arun war in Frankfurt aufgewachsen, wohlbehütet aufgezogen von ihm und seiner Ex-Frau Ximena. 2013 trennte sich das Paar und teilte sich von da an das Sorgerecht. Arun wohnte aber hauptsächlich bei seinem Vater.

michael und arun

Dann beschloss Ximena, in ihre Heimat Nicaragua zurückzukehren.

Das Paar einigte sich darauf, dass Arun von Sommer 2014 bis Sommer 2015 die südamerikanische Heimat seiner Mutter kennen lernen sollte, um dann im Sommer 2015 nach Deutschland zurückzukehren und dort in die Schule zu gehen. In der Vereinbarung war auch festgelegt, dass Aruns Lebensmittelpunkt weiter in Frankfurt sein sollte.

Im Sommer vergangenen Jahres beginnt damit eine Geschichte, wie sie sonst nur in Filmen vorkommt. Dabei landet der Vater am Ende im Gefängnis. Es ist eine Geschichte über die Liebe eines Vaters und einer Mutter zu ihrem Sohn - eine Liebe, die in einer erbitterten Auseinandersetzung endet.

Arun zog also im Sommer 2014 mit seiner Mutter nach Nicaragua. Sein Vater skypte täglich mit ihm, besuchte ihn immer wieder und freute sich auf die Weihnachtsferien mit seinem Sohn. Auch diese waren vor Gericht vereinbart worden.

Michael fuhr im Dezember nach Südamerika, um Arun abzuholen. Aber seine Mutter wollte ihn nicht wieder nach Deutschland reisen lassen und weigerte sich, Arun seinem Vater zu übergeben.

michael und arun

Michael musste alleine nach Deutschland zurückfliegen.

Die Vereinbarung vor Gericht war gebrochen worden. Michael wandte sich an die Behörden in Nicaragua, aber es geschah nichts. Vor dem Frankfurter Gericht allerdings erhielt Michael wegen des Kindesentzugs durch die Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Arun.

Michael beschloss, sich an die deutsche Botschaft zu wenden. Er flog im März 2015 wieder nach Nicaragua und begab sich mit Arun unter die Obhut der deutschen Botschaft. Dort hoffte er auf rechtliche Hilfe.

Michael machte sich Sorgen um Aruns Gesundheit. Der Huffington Post liegt eine medizinische Einschätzung zum Gesundheitszustand von Arun vor. Die Ärzte des Bernhard-Nocht-Institut for Tropical Medicine in Hamburg schreiben dort:

„Bei Arun wurde im Mai 2014 eine Veränderung des Herzmuskels festgestellt, die es erforderlich macht, dass er mindestens einmal im Jahr kardiologisch untersucht wird. Dies ist während seines Aufenthaltes in Nicaragua nicht geschehen. Uns ist nicht bekannt, ob die notwendigen Untersuchungen in Nicaragua überhaupt durchgeführt werden können.“

Ein weiterer, wichtiger Punkt, warum Michael seinen Sohn bei sich in Deutschland haben wollte.

Und Ximena erklärte sich für eine neue Vereinbarung bereit.

Sogar der katholische Bischof von Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, sowie Vertreter der deutschen Botschaft und der Behörden von Nicaragua unterstützten die neue, unterschriebene Regelung, die festlegte, dass Arun bis Ende Mai 2015 nach Deutschland zurückkehren sollte.

Dann kam der Schock: Als der Vater Anfang April wieder in Ximenas Heimat reiste, war seine Ex-Frau zusammen mit ihrem Sohn untergetaucht. Michael wusste nicht, wo sein Sohn war und wie es ihm ging. Er nahm Kontakt mit der Polizei auf, Ximena war nun offiziell bei Interpol wegen Kindesentführung gemeldet.

Ende Mai erreichte den Vater eine frohe Botschaft: Arun und Ximena waren wieder aufgetaucht.

Wieder gab es eine Vereinbarung, dass die Mutter das Kind nach Deutschland zurückkehren lassen würde und wieder ignorierte sie diese. Es wurde klar, dass sie Arun nie wieder mit seinem Vater zusammen leben lassen würde. Und Michael wurde klar, dass ihm die Behörden in Nicaragua – trotz der in Frankfurt und Managua getroffenen Vereinbarungen – nicht helfen würden.

arun und michael

Schließlich wusste er keinen anderen Ausweg, als mit Arun nach Mexiko zu fliehen.

Von dort wollte er mit Arun nach Frankfurt fliegen, aber die mexikanische Polizei stellte ihn: Ximena hatte ihn wegen Kindesentführung angezeigt. Michael hatte zwar die Dokumente bei sich, die sein Aufenthaltsbestimmungsrecht und die Vereinbarung enthielten und ihm so eigentlich erlaubt hätten, mit Arun auszureisen – aber die mexikanischen Behörden hielten ihn fest und hinderten ihn auch daran, Kontakt mit der deutschen Botschaft aufzunehmen.

Ohne weitere Begutachtung des Rechtsfalls und unter möglicher Verletzung der Wiener Übereinkommen über konsularische Beziehungen hat Mexico Michael an Nicaragua ausgeliefert. Vater und Sohn wurden in Begleitung von vier bewaffneten Polizeikräften nach Nicaragua zurückgeführt und am Flughafen von Managua unter einem großen Medienspektakel getrennt.

Arun wurde seiner Mutter übergeben und Michael Sahm ins Gefängnis gebracht.

Dort blieb er zwei Stunden, bis er wieder freigelassen wurde. Jetzt steht er unter Anklage der Kindesentführung und der psychischer Gewalt gegen die Kindesmutter. Ihm droht eine Gefängnisstrafe.

Michael hofft nun auf eine endgültige Entscheidung zu seinen Gunsten – er will seinen Sohn mit nach Hause, nach Deutschland, nehmen. „Mein Herz ist gebrochen aber ich, ich bin nicht gebrochen“, teilte der Vater mit. Er vertraut trotz aller Rückschläge darauf, dass die internationale Rechtsprechung auf seiner Seite ist.

Unterstützung erhält er in den sozialen Netzwerken auf der Facebook-Seite "Free Arun" und dem gleichnamigen Twitter-Account.

Wir haben auch Aruns Mutter Ximena gebeten, ihre Seite der Geschichte zu erzählen, aber bisher keine Antwort erhalten.

michael und arun

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