POLITIK
21/11/2015 19:55 CET | Aktualisiert 24/11/2015 22:18 CET

Wie rechte Hetzer Anonymous für ihre perfiden Pläne benutzen

Facebook
Wie rechte Hetzer Anonymous für ihre perfiden Pläne benutzen

Sie sind Helden. Überall im Netz werden die Aktivisten des Hacker-Kollektivs Anonymous derzeit gefeiert. Schließlich bieten die IT-Nerds mit ihrem digitalen Krieg den IS-Terroristen die Stirn.

So mancher Internetnutzer will deshalb bei Facebook seine Sympathie für die Hackerangriffe von Anonymous mit einem kleinen Knopfdruck des „Gefällt mir“-Buttons zum Ausdruck zu bringen.

Unter falscher Flagge

Wer im deutschsprachigen Raum „Anonymous“ in die Suchzeile des größten sozialen Netzwerks eingibt, landet beinahe zwangsläufig auf der Seite mit dem Namen "Anonymous.Kollektiv". Dieser Facebook-Account mit der URL facebook.com/Anonymous.Kollektiv/ legte in den Tagen nach den Anschlägen um mehr als eine halbe Million Fans auf über 1,4 Millionen zu. Noch im Jahr 2012 hatte die Seite gerade einmal einige zehntausend „Gefällt Mir“-Klicks, im April 2014 noch 400.000.

Doch, was noch immer die wenigsten wissen: „Anonymous.Kollektiv“ ist längst zu einem Hort rechter Verschwörungstheorien mutiert. Deren Macher hetzen seit Jahren massiv gegen das aus ihrer Sicht „verlogene BRD-System“. Von einer „Flüchtlingsschwemme als Waffe gegen das eigene Volk“ ist da die Rede. Die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident hätten „das Kommando und vollstrecken den Willen des internationalen Finanzkapitals“.

„Das Merkel-Regime und seine Profiteure“

Da wird dem autoritären russischen Präsidenten Waldminir Putin gehuldigt, gegen das angebliche „Merkel-Regime und seine Profiteure“ gehetzt und Migranten als "Invasoren" verunglimpft. Deutschland sei nur ein „US-Vasallenstaat“. Zeitungen und Rundfunk werden als Lügenpresse oder „GEZ-Mafia“ tituliert. 2014 wurde gar zum "digitalen Guerillakrieg“ gegen deutsche Medien aufgerufen.

Zu den Idealen der Hacker-Gruppe Anonymous passt das alles ganz und gar nicht. Denn es gibt klare Positionen, die fast alle Anonymous-Zellen auf der Welt zu teilen scheinen: Der Kampf gegen Rassismus, Terror oder Scientology ist vielen Aktivisten ebenso wichtig wie der Einsatz für die Meinungsfreiheit.

Über Pegida: „Den Systemkritikern ist der Durchbruch gelungen“

Bereits in der Vergangenheit sorgten Anonymous-Aktivisten etwa mit ihren Kampagnen gegen Scientology, den Ku-Klux-Klan oder Sicherheitsbehörden von Diktaturen für Aufsehen. Doch Anonymous ist keine Organisation im eigentlichen Sinne, sondern eine lose Gruppierung. Jeder kann sich den Namen und die dazugehörigen Symbole aneignen.

Und das hat Folgen: Während die wichtigsten deutschen Anonymous-Ableger im Januar Pegida wegen deren Islamfeindlichkeit den Krieg erklärten, unterstützte die Fake-Facebook-Seite „Anonymous Kollektiv“ die Scharfmacher sogar massiv. Den Systemkritikern ist der Durchbruch gelungen“, verkündete die dubiose Seite im Dezember vergangenen Jahres. Ein ums andere Mal hetzten die Betreiber der Website gegen angebliche kriminelle Migranten.

Mit ständigen Verweisen auf Pegida hat die populäre Seite der braunen Netzfischer dazu beigetragen, dass die Zahl der Facebook-Anhänger der Islamfeinde extrem rasch nach oben schnallte – gut möglich, dass als Folge auch die Anhängerschaft der kruden Nationalisten auf den Straßen Dresdens und anderswo noch stärker als ohnehin schon wuchs.

„Straßenschlachten zwischen Einheimischen und Flüchtlingen“

Zwischenzeitlich hatte sich die Seite zwar von Pegida distanziert. Im Zuge des Andrangs Hunderttausender Flüchtlinge wurde aber zuletzt wieder munterer gehetzt und Horrorszenarien an die Wand gemalt: So berichtet das Fake-Portal über angebliche „Straßenschlachten zwischen Einheimischen und Flüchtlingen“ in Griechenland, die Deutschland auch drohten.

Seit gut drei Jahren fällt die Seite mit der URL facebook.com/Anonymous.Kollektiv/ durch krude Verschwörungstheorien auf. Bereits 2014 hatten sich Anonymous zugerechnete deutschen Gruppierungen ganz offen in einer Videobotschaft von der Seite „Anyonmous Kollektiv“ distanziert.

Anonymous distanziert sich

Auf Anfrage der Huffington Post teilt die mit Anonymous eng verwobene Webseite „Anonymous News Germany“ mit, „Verschwörungstheorien, rechtes Gedankengut und Antisemtismus“ passten nicht zum Weltbild von Anonymous. Die Seite ziehe „das gesamte Kollektiv in den Dreck“.

Auch "Anonymous Deutschland" distanziert sich von den braunen Rattenfängern: Die Netzfreiheits-Aktivisten kritisieren etwa Zensur auf der Seite und, dass kein einziger Anonymous Aktivist an deren Inhalt mitwirken dürfe.

Abgesehen von versuchten Hackerangriffen gegen die Fake-Seite „Anonymous Kollektiv“ sind die echten Anonymous-Aktivisten allerdings weitgehend machtlos gegen das dortige Treiben. Das Netzwerk gegen Nazis sieht die Internetnutzer in der Pflicht. Die sollten auch „bei scheinbar guten Zwecken vor dem Like einmal auf die Seite schauen, ob die Inhalte den eigenen Vorstellungen entsprechen“.

Wie menschenverachtend das Weltbild auf der Fake-Seite ist, zeigte ein Beitrag, der bei Facebook sogar besonders viele Likes hat: "Die ganze Welt erkennt die Wahrheit, nur das Deutsche Volk läuft lachend in die Kreissäge!", heißt es dort - es geht um einen vermeintlichen Massenansturm von Flüchtlingen und eine "erzwungene Psychotherapie" von Angela Merkel.

Auch Gerüchte und komplette Lügen wie etwa der Mythos um die sogenannten Chemtrails stehen bei „Anonymous Kollektiv“ hoch im Kurs. Als Chemtrails bezeichnen Verschwörungstheoretiker Kondensstreifen, mit deren angeblich giftigem Inhalt das Klima verändert oder die Menschheit ausgerottet werden soll. Anonymous-Themen wie Internet, Informationsfreiheit, Zensur oder Scientology fehlen auf der Seite dagegen fast komplett.

Anonymous ruft zum Kampf auf: Rechtsanwalt erklärt: Das ist illegal im Cyberkrieg gegen den IS

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