POLITIK
19/11/2015 19:32 CET | Aktualisiert 19/11/2015 20:58 CET

"Der Krieg auf Telegram hat begonnen": 7 krasse Fakten über die wichtigste App der Terroristen

thinkstock.de

Als IS-Terroristen am Freitag über 130 Menschen in Paris töteten, einen Kontinent in Schockstarre versetzten, war an einem Ort Partystimmung. In Gruppenchats schickten IS-Anhänger tausende Glückwünsche und Fotos des Attentats um die Welt - als Beweis ihrer eigenen Stärke.

Dafür nutzten sie die App Telegram, hinter der ein Startup in Deutschland steht. Telegram funktioinert so ähnlich wie WhatsApp, wirbt aber damit, sicherer zu sein.

Jetzt hat das Unternehmen den Terroristen den Krieg erklärt. Die Propaganda über die eigenen Kanäle will es nicht länger hinnehmen. Hier sind 7 Fakten über die App, über den die Terroristen das Grauen organisieren.

1. Telegram sagt Terroristen den Kampf an

Alleine diese Woche soll Telegram 78 Terror-Kanäle in insgesamt 12 Sprachen geschlossen haben.

Danach soll ein hochrangiges IS-Mitglied über einen Kanal verbreitet haben: „Der Krieg auf Telegram hat begonnen“. Außerdem ging diese Nachricht durch das Netzwerk:

Sie starten den Krieg gegen den #IslamischenStaat

Sie sehr vorsichtig. Ab jetzt ist nichts mehr sicher

Sie können unsere Informationen preisgeben

Also verwendet eine sichere Verbindung

Und sei vorsichtig. Allah beschütze dich

Experten gehen aber davon aus, dass IS weiterhin Telegram nutzen wird, berichtet das Portal „Business Insinder“. Offenbar sind noch viele andere Chanels aktiv. Dennoch ist das Vorgehen ein gewaltiger Wandel der Firmenpolitik.

2. Der Telegram-Chef sah monatelang zu

Monatelang duldete der Telegram-Gründer, dass seine Kanäle von Terroristen für Propaganda genutzt wurden. In September soll er laut dem Portal „VentureBeat“ auf einer Konferenz gesagt haben:

„Privatssphäre ist weitaus wichtiger als unsere Angst, dass schlimme Dinge wie ein Terroranschlag passieren. Ja, es stimmt, IS kämpft im Mittleren Osten. Aber IS wird einen Weg finden, mit seinen Zellen zu kommunzieren – und wenn sie sich nicht sicher fühlen, finden sie etwas anderes. Wir sollten uns nicht schuldig fühlen. Wir mache immer noch das richtige: Wir beschützen die Privatsphäre unserer Nutzer.

Diese Worte wirken wie Hohn nach den Terroranschlägen von Paris und auf ein russisches Flugzeug.

3. Telegram ändert erst nach den Terroranschlägen die Strategie

Telegram beginnt erst jetzt damit, Nutzern zu ermöglichen, Kanäle anzuzeigen. Diese Funktion gibt es etwa bei Facebook und Twitter, um verfassungswidrige Aussagen anzuzeigen. Bei Telegram hingegen war das beinahe nicht möglich – Nutzer empfahl man stattdessen, besser den Chat zu verlassen.

Als das in Washington ansässige "Institut für Medienanalysen für den Mittleren Osten" bei Telegram nachfragte, wie es Kanäle anzeigen könne, bekam es diese Antwort:

„Alle Telegram-Chats sind privates Territorium der Teilnehmer und wir bearbeiten keine Anfragen, die sich auf sie beziehen. (...) Im Übrigen: Sie können immer einen Chanel verlassen, wenn er Ihnen nicht gefällt.“

4. Telegram wurde bei Terroristen aus einem bestimmten Grund populär

Die Nachrichten-App wirbt damit, dass die Kommunikation von Dritten nicht mitgelesen werden kann. Für Terroristen ist das ein zentrales Argument, die App zu nutzen. Es gibt aber Programme, die deutlicher sicher sind.

Deswegen ist ein zweites Argument ausschlaggebend: Telegram ist wie gemacht für die Propaganda-Belange des IS. In Gruppenchats kommunizieren Zehntausende Nutzer miteinander - ohne, dass Fremde mitlesen können. Über diesen Weg schickt das Netzwerk regelmäßig Gewaltvideos und –aufrufe um die Welt. Der arabische Kanal hatte etwa bis vor kurzem 15.000 Abonnenten.

5. Telegram verdankt seinen Erfolg vor allem Facebook

Doch nicht nur bei Terroristen ist Telegram beliebt. Als Facebook Whatsapp kaufte, wechselten Nutzer panikartig zu anderen Diensten. Ihre Sorge: Das soziale Netzwerk könne ihre Nachrichten, Fotos und Telefonnummern auslesen und missbrauchen. Millionenfach installierten sie auch Telegram.

In dutzenden Ländern, darunter auch Deutschland, schoss das Programm an die Spitze der App-Charts. Derzeit sollen über 60 Millionen Nutzer die App aktiv nutzen und täglich 400.000 Nachrichten verschicken. Wie viele Terroristen darunter sind, will das Unternehmen nicht verraten.

6. Der Telegram-Gründer gilt als russischer Mark Zuckerberg

Hinter Telegram stehen der herausgedrängte Gründer der russischen Facebook-Kopie VKontakte, Pawel Durow und sein Bruder Nikolaj. Pawel ist eine Legende in der russischen Internetszene. Seit 2014 lebt er im Exil, weil in Russland ein Verfahren gegen ihn eröffnet wurde. Er soll eine Verkehrspolizisten angefahren haben.

Durow bestritt die Tat und verließ Russland. Dabei war er dem Kreml spätestens seit 2011 ein Dorn im Auge. Weil sich Zehntausende Regimegegner über sein soziales Netzwerk organsierten, forderte der russische Geheimdienst auf, die Gruppen zu schließen. Durow weigerte sich.

7. Telegram hat seinen Sitz in Berlin – oder auch nicht

Telegram hat seinen Sitz in Berlin. So heißt es zumindest offiziell auf der Homepage des Startups. Dabei lässt sich dort weder eine Firmenadresse noch ein Impressum zu finden.

Die „Frankfurter Rundschau“ hat vor einem Jahr über den intransparenten Auftritt berichtet. Ein Sprecher erklärte der Zeitung, dass man sieben verschiedene Unternehmen in unerschiedlichen Staaten gegründet habe:„Wenn wir in einem Land rechtliche Schwierigkeiten bekommen – etwa weil wir der Forderung nach der Herausgabe von Daten an lokale Behörden nicht nachkommen – können wir nahtlos in einen anderen Staat überwechseln.“

In Berlin gäbe es lediglich ein Büro mit einem kleinen Team.

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