POLITIK
19/11/2015 19:13 CET | Aktualisiert 19/11/2015 19:13 CET

Sofort abbrechen! Wie 9 Sekunden über das Schicksal Tausender entschieden

dpa

Es hätte zu Panik oder einem Anschlag kommen können: Hannover entging am Dienstag einer Katastrophe. Nun stellt sich heraus, wie das beherzte Eingreifen der Polizei Schlimmeres verhinderte.

"Ich habe keine Angst". Diesen Satz hört man am Tag nach der Absage des Länderspiels zwischen Deutschland und Niederlande am häufigsten von den Hannoveranern. Etwa eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff des Spiels - die Mannschaften waren schon auf dem Weg ins Stadion - wurde die Partie in der HDI-Arena plötzlich abgesagt. Wie später heraus kam: wegen akuten Terrorverdachts.

Am Mittwoch patrouillieren Einsatzkräfte mit Maschinenpistolen durch das Stadtzentrum, Mannschaftswagen stehen auf dem Bahnhofvorplatz und beim Stadion. Nicht zu sehen - aber ebenfalls bereit - sind die Einheiten, die im Notfall sofort hinzugerufen werden können. Hannover ist eine Festung.

Spur des Terrors führte nach Deutschland

Nach den brutalen Anschlägen vom Freitag in Paris war den Behörden klar: Dieses Länderspiel ist mehr als Routine. Als es dann zum Symbol für Solidarität ausgerufen wurde, änderte sich die Einsatzlage zusätzlich: Neben Zehntausenden Fans und den Mannschaften hatten sich die Kanzlerin, der Vizekanzler, der Innenminister und weitere Politiker angekündigt.

Gleichzeitig stellten Ermittler schnell fest, dass die Spur des Terrors bis nach Deutschland führen könnte, Festnahmen in Alsdorf und Arnsberg nährten den Verdacht. Die Polizei reagierte und stockte das normale Kontingent, das bei Freundschaftsspielen auftritt, auf rund 2000 Beamte auf. Doch dass wirklich etwas passieren könnte, wurde als Szenario zwar durchgespielt - aber wirklich vorstellen konnte sich das zunächst wohl niemand.

"Die Situation hat jeden sehr gefordert"

Doch am Dienstagabend um 19.09 Uhr klingelte das Telefon bei Hannovers Polizeivizepräsident Thomas Rochell. Er leitete den Einsatz. Das Innenministerium Niedersachsen teilte mit: "Sofort absagen!" Nach neun Sekunden war das Gespräch vorbei und die gesamte Polizeioperation musste den Schalter umlegen: von Schutz auf Evakuierung.

"Die Situation hat jeden sehr gefordert", sagt Rochell. "Es war ein beklemmendes Gefühl. Im Angesicht des möglichen Terrors hatten auch Beamte Angst." Doch den Beamten gelingt es, mit bestimmtem und ruhigem Auftreten nicht nur eine Massenpanik zu verhindern, offensichtlich verhindern sie auch einen möglichen Anschlag.

"Beamten vermittelten Ruhe"

Das sieht auch der Hannoveraner Oberbürgermeister so: "Es ging auch darum, abzuschrecken." Das martialische Auftreten sollte potentiellen Gefährdern klarmachen, dass sie keine Chance haben. Menschen, die sich schon im Umfeld des Stadions bewegt haben könnten, das sei zumindest seine Interpretation, so der Lokalpolitiker.

Rainer Wemhöner war einer der Fans, die vor dem Stadion umdrehen mussten. "Die Beamten vermittelten Ruhe, das war klasse", sagt er FOCUS Online. Erst in der Trambahn, in Sicherheit, sei bei ihm auch gedanklich angekommen, was da wirklich los war: "Das fühlte sich wie ein Tsunami an."

Viele haben keine Angst

Am Tag danach geht es ihm wie vielen Hannoveranern: Er hat keine Angst. Zum einen, weil weder Verdächtige festgenommen wurden, noch Sprengstoff gefunden wurde. Zum anderen aber auch, "weil die Polizei sehr gute Arbeit geleistet hat. Das schaffe Vertrauen, dass die Behörden mit solchen Situationen umgehen können.

Das sieht auch die Politik so: vom Hannoveraner Oberbürgermeister bis hin zu Angela Merkel wurde der Einsatz der Beamten gelobt. Das Spiel, das eigentlich für Solidarität und Freiheit stand, hätte zur Katastrophe werden können. Doch die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt verhinderten das.