POLITIK
18/11/2015 08:07 CET | Aktualisiert 18/11/2015 14:25 CET

Aus diesem Grund kommen die Paris-Anschläge für Putin wie gerufen

Auf einmal ist sich der russische Präsident Wladimir Putin sicher: Der Absturz des russischen Metrojet-Airbus über dem Sinai war ein Terroranschlag. Und das, nachdem die zahlreichen Hinweise westlicher Geheimdienste auf einen Terroranschlag ignoriert wurden.

Lange hieß es: "Terroranschlag? Welcher Terroranschlag?" Über Wochen hinweg hörte man aus dem Kreml, dass man erst "das offizielle Ermittlungsergebnis abwarten" müsse, dass man sich nicht voreilig auf eine Absturzursache festlegen solle und dass an den Trümmern und Leichen keine Reste von Sprengstoff gefunden wurden. Doch plötzlich macht Putin eine 180-Grad-Wende.

Der IS war es. Auf einmal heißt es aus Moskau, "Spuren von Sprengstoff" würden eindeutig belegen, dass es sich um einen Terrorakt handle. "Es war eindeutig ein Terroranschlag", sagte Alexander Bortnikow, der Chef des russischen Geheimdienstes FSB, diese Woche.

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Absturz A321: Russland setzt 50 Millionen Dollar Belohnung aus

Putin legte gleich nach. Es sei nicht das erste Mal, dass Russland das Ziel "barbarischer" Terroranschläge geworden sei. "Die Tränen werden auf unserer Seele, auf unserem Herzen bleiben", sagte Putin. "Wir werden sie in jedem Winkel der Erde finden und bestrafen."

Dann setzte sein Geheimdienst ein Kopfgeld von 50 Millionen Euro auf die Täter auf. Und er ließ gleich noch ein paar Marschflugkörper vom Typ Kalibr auf die IS-Hochburg Rakka abfeuern, um seine Worten Nachdruck zu verleihen.

Warum die Wende? Bisher wollte er nicht zugeben, dass der Absturz ein Anschlag war, da er fürchtete, dies könne die Russen gegen seinen Einsatz in Syrien aufbringen. Doch durch die Terroranschläge in Paris wurde die Sinai-Katastrophe für Putin zu einer Chance. Ziel seines Syrien-Abenteuers ist es schließlich, vom Ukraine-Krieg abzulenken und wieder mit dem Westen in Gespräche auf Augenhöhe zu kommen und sich als Bündnispartner anzubieten.

Bisher ging diese Strategie nicht wirklich auf. Zu Beginn der russischen Luftschläge in Syrien hatte der Westen Moskau vorgeworfen, diese seien zu wenig gegen den IS gerichtet, sondern träfen moderate Gegner von Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Die Luftangriffe der Russen brachten Amerikaner und Franzosen eher gegen Putin auf. Statt einem Bündnis schien eher ein neuer Kalter Krieg aufzuziehen.

Die Anschläge in Paris haben alles verändert. Frankreichs Präsident François Hollande hatte nach den blutigen Pariser Terroranschlägen angekündigt, dass er eine weltweite Koalition gegen die IS-Miliz bilden will. Auf einmal sprechen die Franzosen sehr positiv über Putin.

Russland hat nach Einschätzung des französischen Verteidigungsministers seine Position im Syrien-Konflikt verändert. "Ich beobachte, dass Russland sich bewegt, denn gerade heute haben russische Marschflugkörper Rakka getroffen", sagte Jean-Yves Le Drian am Dienstag im Sender TF1.

Auch Putin will offenbar den Schulterschluss. Er hatte seine Militärs am Dienstag angewiesen, französische Streitkräfte "wie Verbündete" zu behandeln. "Vielleicht ist diese große Koalition möglich, weil Russland sich bewegt hat", sagte Le Drian.

Auch gegenüber der eigenen Bevölkerung kann Putin den Syrien-Einsatz besser verkaufen. Nach den Anschlägen von Paris fällt es ihm leichter zuzugeben, dass der Islamische Staat für den Absturz verantwortlich ist. Zuvor sah es so aus, als müssten die Russen alleine für die Syrien-Initiative ihres Präsidenten büßen - es schien, als mache der Militäreinsatz allein Russen zu Angriffszielen der Terroristen. Jetzt ist offensichtlich, dass der IS eine Plage ist, die alle Länder befallen kann, die vom IS als "Kreuzfahrer-Nationen" angesehen werden.

Assad ist immer noch an der Macht. Russland hat so viel Einfluss im Nahen Osten, wie seit den 70er Jahren nicht mehr. Putin scheint Frankreich schon längst auf seiner Seite zu haben. Deutschland wird sicher folgen. Und sicher werden dann auch die Amerikaner ihre Position überdenken. Vielleicht lässt sich dann sogar über eine Aufhebung der Sanktionen reden.

Das Syrien-Abenteuer scheint sich für Putin voll auszuzahlen.

Mit Material der dpa

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